
Die Wanderung entlang der Aare ist im Dezember zu Ende gegangen, doch die Expeditionen im Land der Aare gehen weiter: Unter dem Motto «Aare reloaded» stehen jetzt die Seitenbäche und Nebenflüsse des – ja genau! – schönsten, längsten und grössten Flusses der Schweiz auf dem Programm.
Am 17. Januar trotzte ein kleiner Trupp von Aaronauten dem Schnee und der Kälte, um einen ersten dieser Aare-Zuflüsse zu erkunden. Im Hinblick auf das überraschend winterliche Winterwetter (in den vorangegangenen zwei Monaten hatte sich der Winter eher als Filiale des Herbstes präsentiert) war die Wahl auf den Zihlkanal gefallen. Dieser verbindet den Neuenburger- mit dem Bielersee und ist meist ein unspektakulärer Wasserarm, an dem sich recht angenehm wandern lässt (wenn man die Friteuseschwaden der nahen Ölraffinerie ausser Acht lässt).

Die Zihl hat aber auch eine recht abartige Macke. Ihr Ursprung liegt beim Städtchen Orbe, wo sie aus dem Zusammenfluss einiger Bäche aus dem Waadtländer Jura resultiert. Danach speist sie den Neuenburger- und später den Bielersee. So weit, so harmlos. Doch wenn es im Berner Oberland tüchtig geregnet hat, dann nimmt die Zihl vor der ungestümen Aare Reissaus, ändert ihre Fliessrichtung und zieht vom Bielersee sozusagen bergauf zum Neuenburgersee. An solchen Tagen ist sie dann verkehrt oder, was vielleicht noch ein bisschen knackiger klingt, pervers.
Was ist von einem solch wankelmütigen Objekt zu halten? Wahrscheinlich färbte seine mangelhafte Zihlstrebigkeit auch auf uns Aaronauten ab. Der erste Teil der Wanderung verlief noch ganz flott. Unterwegs begegneten wir einigen Kuriositäten, etwa der Mündung einer Drainageleitung, die im Kanal wie ein Geysir schäumte und gluckerte, oder einem Tankschiff mit dem seltsam unpassend erscheinenden Namen «Axalp».

Hans-Peter verkürzte uns den Spaziergang auf dem Kanal-Uferweg mit ausführlichen Erklärungen zu gesundem und umweltfreundlichem Hundefutter. Just in diesem Moment entschied sich seine Wilma für den praktischen Teil der Ernährungslehre, indem sie sich diskret entfernte und bei einem nahen Bauernhof ein halbes Dutzend Katzenfutter-Fressnäpfe leerputzte.
Das Zaudern begann in La Tène, vorne am See. Dort hatte man im 19. Jahrhundert interessante archäologische Zeugnisse gefunden. Auch einige Skelette wurden zutage gefördert und geschäftstüchtig in alle Welt verscherbelt. Heute steht an dieser Stätte ein Restaurant, das beispielsweise bei kaltem Winterwetter ausgesprochen einladend ist.

Wollen wir, oder wollen wir nicht, befragten wir uns gegenseitig, erhielten aber keine schlüssigen Antworten. Aaronauten suchen bekanntlich in der Regel keine Gaststätten auf, um die Seriosität ihrer Wanderung nicht zu beeinträchtigen. Hier lag der Regelbruch aber gleichsam in der eisigen Luft. Einzig offen war noch die Frage, ob man gleich speisen oder nur trinken solle. Die Tendenz ging zaghaft in Richtung heisser Tee, was ja mit Blick auf das gemütliche Kaminfeuer und zum Fenster hinaus auf den See auch schon ganz angenehm war, aber irgendwie doch nicht so recht zu überzeugen wusste. Caroline jedenfalls schien sich nicht ganz sicher zu sein ob ihrer Entscheidung und versuchte diskret, dunkle Andeutungen ins Gespräch einzuflechten. Zum Beispiel: «Die haben Flammkuchen auf der Karte.» Und: «Die Pommes-frites am Nebentisch sehen ziemlich appetitlich aus.» Oder: «Habt Ihr die Forelle auf dem Teller dort drüben gesehen!?»
Aber falls sie tatsächlich einen Plan hatte, funktionierte er irgendwie nicht, denn mittlerweile hatten sich draussen die Schneewolken verzogen, und der betörend schöne Anblick des Neuenburgersees, der sich hier weit wie ein Meer in die Ferne erstreckt, riss uns mit unwiderstehlicher Kraft von den Sofas, auf denen wir herumfläzten, ins Freie hinaus.

Wenig sicher waren wir uns dann sogleich in der Frage, ob das, was wir hier trieben, eigentlich ernsthaft als Winterwanderung bezeichnet werden könne. Natürlich, es war saukalt, der Biswind pfiff, und der Boden war schneebedeckt. Doch wenn man es recht besah, dann war die Schneeschicht reichlich dünn, und der wildromantische Weg, der sich dem Seeufer entlang durch Auenwald schlängelte, erwies sich als ordentlich sumpfig und schmierig – der Boden hatte sich offensichtlich eine Temperatur über dem Gefrierpunkt angemasst.
Hans-Peter setzte daher zu einem Definitionsversuch an: «Zu einer echten Winterwanderung gehört, dass es mindestens einen von uns tüchtig auf den Sack haut.» Evi lud ihn ein, er dürfe gerne sogleich den Anfang machen. Vor lauter Verzückung über diese Schlagfertigkeit übersah ich prompt die Abzweigung zur Bahnstation St-Blaise.
Nach einer Weile musste ich meinen Lapsus verschämt eingestehen. Da loderte das Zaudern erneut auf: «Wollen wir jetzt noch bis Neuenburg tschumpeln, oder nehmen wir den Bus?» Auch diese Frage blieb ungeklärt über dem nun in rotgoldenes Abendlicht getauchten Neuenburgersee hängen. Ach, was hier doch für eine Zihlstrebigkeit zu Tage trat!

Es gab Fussgelenke, die schmerzten, und es gab da diesen halbwegs ausgewachsenen Hund mit einer Überdosis Katzenfutter im Bauch, der sich mit allmählich immer grösserem Abstand hinter uns dahintrollte (würde er auf der Heimfahrt womöglich sogar miauen?). Und auf der anderen Seite gab es diese vagen Zweifel am Neuenburger Verkehrssystem: Fahren da wirklich Busse? Und wo, wenn nicht am anderen Ende der Stadt, sind die Haltestellen?
Wir kamen zum Schwimmbad, und da stand tatsächlich ein Bushäuschen. Ein Blick auf den Fahrplan zeigte, dass die Station sogar bedient wurde – von Montag bis Samstag. Das Hallenbad war ziemlich gut belegt. Wir begannen uns auszumalen, wie diese armen Neuenburger jetzt die ganze Nacht schwimmen, planschen und duschen müssen, um die Wartezeit zu überbrücken, bis der erste Bus am Montag früh fährt. Die niederschmetternde Vorstellung trieb uns auf unserem Marsch weiter. Langsam brach die Dämmerung an, als wir unser Zihl erreichten.
Routenbeschreibung: Wanderung Le Landeron – Neuchâtel