
«Zurück zum Anfang», das war ungefähr die Devise für die Wanderung im Land der Aare vom 20. August 2017. Diesmal stand nämlich kein Seitengewässer auf dem Programm, sondern der Hauptakteur selbst: Es ging vom Grimsel-Hospiz zum Unteraargletscher – und damit zu dem einen der beiden Ursprünge der Aare.
Eigentlich hätte diese Route ganz an den Anfang der Serie von Aare-Wanderungen gehört, die wir im Sommer vor drei Jahren begonnen haben. Denn die Aare entspringt ja nicht auf der Grimselpasshöhe, wo wir damals starteten, sondern westlich davon, weit hinten im Gebirge. Aber das Wetter, die Höhe, das Schneerisiko – kurzum, ich wagte es erst jetzt.
Es war ein perfekter Tag dafür. Noch in der Nacht hatte es tüchtig geregnet. Am Vormittag, während der Bergfahrt mit dem Postauto, deckten letzte Wolken die frischgewaschenen Berge zu. Doch der Schleier war nicht allzu dicht, und vom Hospiz aus war am anderen Ende des Grimselsees bereits zu sehen, wie dort die Sonne durchbrach.

Ich war seit langer Zeit erstmals wieder alleine unterwegs – und dennoch nicht einsam. Mehrere Aaronauten hatten Bedauern geäussert, dass sie ausgerechnet bei dieser Etappe nicht dabei sein konnten. Aber im ganzen Land fanden Taufen statt, der Schulbeginn bevor stand, die Anreise war arg lang. Und dann war ja noch die Badenfahrt, mithin ein triftiger Grund, an die Limmat zu reisen, um dort ein paar laue Bierchen zu kippen, statt durch Steinwüsten an der Grimsel zu irren.
Jenen, die nicht Gerstensaft vorzogen, habe ich versprochen, für sie und mit ihnen die Wanderung zum Unteraargletscher nächstes Jahr zu wiederholen. Die Tour ist nämlich ausserordentlich schön. Den Anfang fand ich allerdings ziemlich krank. Beim Ausgangspunkt, wo man vielleicht zunächst einmal der lieblichen Stille der Bergwelt lauschen möchte, vernimmt man hauptsächlich närrisches Motorengedröhn. Es sind ledergewandete Vertreter der Spezies «Krone der Schöpfung», die daran sind, auf ihren Zweirädern ein paar Pässe zu «machen». Dabei geht es hauptsächlich darum, brisante Überholmanöver zu inszenieren und in den Kurven der Passstrasse die Maschinen aufjaulen zu lassen.

Speziell war der Wanderauftakt aber auch in landschaftlicher Hinsicht. Vom Hospiz, einem natürlich gewachsenen Felsnollen, ging es auf Metall- und Steintreppen zu einer gewaltigen Staumauer hinunter. 75 Millionen Tonnen Wasser drücken gegen das Bauwerk. Das ist etwa so, wie wenn man 200 Ausgaben des Empire State Buildings auf den Boden legen und gegen die Betonmauer schieben würde. Also nichts wie hinüber ans andere Ende des Riegels. Dort ging es auf ebenso künstlichem Trasse gleich wieder steil hoch und danach durch einen Tunnel (er ist unbeleuchtet und bei den Portalen hat es aufregend grosse, tiefe Pfützen).
Doch dann nahm die Umgebung zusehends natürliche Züge an. Ein letzter Höhepunkt an Synthetik stand allerdings noch bevor. Majestätisch fliessen die Wassermassen des Juchli-Bachs über die Felsen in den Stausee. Der Bach ist im Grunde eine totale Fälschung, denn er sprudelt ein paar hundert Höhenmeter weiter oben mir nichts, dir nichts aus dem Berg. Das Wasser stammt aus dem Bächlital auf der anderen Seite des Bergkamms. Dort wird es in einem kleinen See gefasst und durch einen Stollen unter dem Juchlistock hindurchgeführt, um den Grimselsee zu speisen. Doch selbst der Bächlibach (was für ein kurioser Name…) ist «Fake», denn einer seiner Zuflüsse stammt nochmals aus einem anderen Tal: Das Wasser wird vom fernen Gruebensee durch einen Stollen unterhalb des Alplistocks zugeführt.

Na, beginnt ob solch grossräumiger Wasserschiebereien langsam der Kopf zu schwirren? Willkommen im Wasserschloss der Schweiz! Zwei- bis dreitausend Liter Regen und Schnee pro Quadratmeter gehen hier jährlich nieder. Nach dem Juchli-Imitat begegneten mir zahllose echte, deutlich kleinere, aber mitunter überaus hübsche Bäche und Bächlein, die über den Sonnenhang in die Tiefe strömten. Sie sind allesamt namenlos, jedenfalls gemäss dem kantonalen Gewässernetzverzeichnis. Und gleichwohl sind sie ausnahmslos echte Aare-Nebengewässer. Zuflüsse des bedeutendsten Schweizer Flusses sammelte ich heute somit sozusagen im Dutzend ein.
Der Grimselsee ist zwar gigantisch, doch weil sein Einzugsgebiet ebenfalls riesig ist, vermag er all diese Wassermassen gar nicht komplett zu fassen. Das hat man schon in den 1930er-Jahren gemerkt, wenige Jahre nachdem die Kraftwerksanlagen in Betrieb genommen wurden. Seither sind immer wieder Projekte zur Erhöhung der Staumauern gewälzt worden. Um den jüngsten Vorstoss ist vor Jahren schon ein juristisches Hickhack entbrannt. Das Vorhaben sieht vor, die Staumauern beim Grimsel-Hospiz um 23 Meter aufzustocken. Damit liesse sich das Stauvolumen mehr als verdoppeln.

Man kann darüber streiten, ob Grossinvestitionen in die Wasserkraft angesichts der heutigen Verhältnisse auf dem Energiemarkt überhaupt noch sinnvoll sind. Obendrein hat das Ausbauprojekt natürlich auch seinen ökologischen Preis: Weil der Seespiegel höher läge, würde ein Streifen der heutigen Uferlandschaft im Wasser verschwinden. Davon wäre auch die Moorlandschaft der Sunnig Aar betroffen. Einige Dutzend stattliche, teilweise mehrere Jahrhunderte alte Arven müssten weichen.
Die Wanderung zum Ursprung der Aare setzte sich etwas oberhalb des Sees fort. Nun ging es direkt in den Wilden Westen des Aarmassivs. Eine Weile hörte ich noch das stumpfsinnige Summen der Metallinsekten auf der Passstrasse, doch dann beschrieb der Weg eine Rechtskurve. Unvermittelt wich der einfältige Krach einer himmlischen Ruhe.

Die Sunnig Aar ist mit ihren Sumpfgrasflächen, kleinen Moortümpeln und urwüchsigen Nadelbäumen ein kleines Paradies auf Erden. An einem Felsblock unterhalb des Wanderwegs zeigte ein weisser Streifen an, wie hoch der Grimselsee nach einer Staumauererhöhung reichen würde. Ich bin der Meinung, die Beeinträchtigung sei verkraftbar, da sie in einer Landschaft vorgenommen wird, die bereits seit Jahrzehnten massiv von Menschenhand beeinflusst und geprägt worden ist. Es ist wohl besser, hier einzugreifen als andernorts, wo noch intakte Naturlandschaften vorliegen.
Auf der gegenüberliegenden Seite des Sees waren am Horizont Seilbahnmasten auszumachen, daneben in einem Einschnitt die Staumauer des Oberaarsees. Es waren nur noch geringfügige optische Störungen, die das Wandererlebnis garnierten, und nach der nächsten Biegung verschwanden auch sie. Bald hörte selbst der Einfluss der Staumauer auf: Der See endete, und jetzt betrat die junge, wilde Aare die Bühne – ein ungebändigter Bergbach, der jungfräulich und beschwingt wie ein Wildpferd daherprescht.

Auf einmal verlor der ganze Zivilisationsklamauk am vorderen Ende des Sees jegliche Bedeutung. Der Gletscher hat hier in jahrtausendelanger Erosionstätigkeit ein breites, einigermassen flaches Tal ausgeschliffen. Als man den Grimselsee aufstaute, endete der Eisstrom noch an dessen Ufer. Seither hat er sich um etwa anderthalb Kilometer zurückgezogen. Aus dem einst toten Boden ist lebendiger Grund mit samtweichen Moospolstern und unzähligen bunten Blumen entstanden. Das Gletschervorfeld ist eine wunderschöne hochalpine Aue.
Als ich durch diese Zauberlandschaft schritt, kam mir zu Bewusstsein, dass sich ein weiteres Aufstauen des Sees nicht nur in die Höhe, sondern auch horizontal auswirken würde. Ich betrachtete ein Pölsterchen von zarten rosaroten Blüten, das sich im kargen, steinigen Boden festgesetzt hatte. Der vergrösserte See würde es unweigerlich verschlingen. Und in diesem Moment, in dieser grossartigen Landschaft, verspürte ich einen leisen Zweifel. Ist es wirklich sinnvoll, immer vernünftig abzuwägen zwischen allerlei Interessen, gelegentlich einmal ein Opfer in Kauf zu nehmen und zu sagen, das sei jetzt halt wirklich eine notwendige Ausnahme gewesen? Oder sollten wir den Schutz solcher Kleinode, die ja an so vielen Orten in dieser Welt unter Beschuss stehen, nicht halt doch endlich einmal strikte und absolut ernst nehmen? Ich weiss es nicht.

Langsam näherte ich mich der grauen Wand am Ende des Wanderwegs, die sich schon von weitem abgezeichnet hatte. Die Zunge des Unteraargletschers ist grösstenteils von Schutt bedeckt. Ich kämpfte mich durch eine unwirtliche Steinwüste voran, entdeckte auf dem Boden einen Bergkristall und begann zu überlegen, ob ich womöglich der erste Mensch war, der seinen Fuss in diese Wildnis setzte. Dann erreichte ich das Gletschertor und sah, wie die Aare just vor meinen Augen in einem permanenten Prozess geboren wurde.
Etwas abseits vom eigentlichen Gletscher lag ein Toteisriegel, so gross wie zwei Güterwagen. Seine Oberfläche war kaum von Geröll bedeckt und schimmerte bläulich. Wasser tropfte von den Seitenwänden. Auch hier bildete sich gerade ein klein wenig Aare. Ich legte meine Hand an das Eis, verspürte seine Kälte und merkte, wie es unter meinen Finger zu schmelzen begann. Da stellte ich mir seinen Weg durch Zeiten und Räume vor Ich malte mir aus, wie es vielleicht zur Zeit, als Gutenberg seine ersten Bücher druckte, hoch oben am Finsteraarhorn entstanden war, dann im Schneckentempo talwärts trieb, sich jetzt in Aare verwandelt und schliesslich durch Schluchten, Seen und weite Täler dem Meer zuströmen wird.
Routenbeschreibung: Wanderung Grimsel-Hospiz – Unteraargletscher