Nein, einen Fluss namens Enigme (Rätsel) gibt es in der Schweiz nicht. Die Angabe in der Einladung zur jüngsten Wanderung im Land der Aare war eine kleine Finte, denn es galt, das Mysterium nicht vorzeitig zu lüften. Nun aber ist es soweit: Am Sonntag, 17. November 2019, schritten die Aaronauten zu einer kleinen Revolution, indem sie das Einzugsgebiet der Mutter aller Schweizer Flüsse nochmals beträchtlich erweiterten.
«Jedes Wetter ist schön» – diesen wunderbaren Satz schrieb Marianne, als sie am frühen Morgen vorsichtig anfragte, ob die Wanderung denn nun wirklich stattfinde. Die Wetterprognosen hatten in den zurückliegenden 48 Stunden einen wahren Höllensturz erlebt. Statt der anfänglich gemeldeten einigermassen trockenen Verhältnisse mit Aufhellungen verkündeten die Meteorologen nun Dauerregen, der gar zu Schnee ausarten könne.
Zu dritt boten wir diesem Pessimismus die Stirn: Auch Cornelia hatte sich entschieden, ihrem inneren Ruf nicht nachzugeben. «Bei derartigem Wetter würde ich ja normalerweise den ganzen Tag zuhause bleiben», bekannte sie. Allein, sie habe die Erfahrung gemacht, dass es auf solchen Wanderungen immer etwas zu entdecken gebe.
Tief ins Waadtländer Hinterland stiessen wir vor. In Bavois zogen wir los, einer Bahnstation im weiten Tal des Nozon, eines Zubringers der Thielle, die ihres Zeichens wiederum ein Aare-Nebenfluss ist. Zunächst wanderten wir ein Weilchen einer Strasse entlang, dann folgten wir, weiterhin fern von Wanderwegen, auf sich zusehends morastiger gebärdenden Natursträsschen dem Canal d’Entreroches. Wir hielten es ganz mit Karl Valentin: «Ich freue mich, wenn es regnet, denn wenn ich mich nicht freue, regnet es trotzdem.»
Und schon am Kanal begann das von Cornelia prophezeite Entdecken. Auf der gegenüberliegenden Seite des Wasserlaufs sahen wir in der Böschung zwei Klappen, die sich in rhythmischem Wechsel öffneten, einen kräftigen Wasserschwall in den Kanal ergossen und sich dann wieder schlossen. Marianne war begeistert: «Eine Kunstinstallation!» Roman Signer hätte das nicht besser zustande bringen können, versicherte sie. Ein schwefliger Geruch lag in der Luft. Wir rätselten, ob das irgendwie mit einer Kläranlage zu tun haben könnte, doch auf der Karte war nichts dergleichen zu entdecken.
Dann ging’s aufwärts: Wir bestiegen den Mormont. Er ragt zwar bloss 150 Meter über die Ebene hinaus und ist doch ein richtiger Berg. Ein Rudel Gämsen sahen wir, auch einige Lärchen im goldenen Herbstkleid – die Entdeckungen häuften sich. Ihren Höhepunkt erreichten sie, als plötzlich ein schwarzes Wildschwein aus dem Gehölz brach und vor uns über den Waldweg rannte.
Es tropfte und tröpfelte ringsum, doch auf einmal gelangten wir an ein völlig trockenes Plätzchen: Eine Eibe breitete ihre Äste wie ein Schirm über den Weg und liess den Novemberniesel von ihren Nadeln abperlen. Wir beschlossen kurzum, einen Steh-Lunch abzuhalten. Nach der Rast entdeckten wir ein paar Dutzend Schritte weiter einen gedeckten Unterstand mit Tischen und Bänken. Na ja… So lauschig wie unter unserem Baumdach war es in dem finsteren Loch allerdings nicht.
Der Gipfel des Mormont ist eine kontinentale Wasserscheide. Nach Norden fliessen die Bäche zur Aare und damit in die Nordsee ab, nach Süden hingegen zur Rhone und somit Richtung Mittelmeer. Vor bald 400 Jahren baute man hier einen Kanal als schiffbare Verbindung zwischen Neuenburger- und Genfersee. Die Initiative für das Projekt ging von Holland aus, das damals Scherereien mit Frankreich hatte und den Feind mittels einer Wasserstrasse quer durch die heutige Schweiz umfahren wollte. Von Yverdon bis Cossonay wurde das Bauwerk tatsächlich realisiert, doch dann ging das Geld aus, denn bis zum Genfersee hinunter hätte es noch etlicher Schleusen bedurft.
Fast 200 Jahre lang wurde der Kanalstummel für den lokalen Handel genutzt. Um die Schleusen auf der Südseite der Wasserscheide zu betreiben, flutete man sie mit Wasser des Flüsschens Venoge, das eigentlich ein Rhone-Nebenfluss ist, aber nun seine Fluten natürlich der Aare überantwortete, jedenfalls teilweise. Wenn man die Sache ein klein wenig grosszügig betrachtet, kommt man unweigerlich zum Schluss, dass nicht nur der Rhein, sondern auch die Rhone letztlich ein Nebengewässer der Aare ist.
Mit dieser Erkenntnis in unseren Herzen stiegen wir von der Kuppe des Mormont ins Tal der Venoge ab. Zunächst galt es, den Grand Canyon von Eclépens zu umrunden. Der Kalkberg ist schon halb ausgehöhlt, das nahe Zementwerk wird ihn eines Tages wohl komplett verdaut haben. Als letztes Drittel der Tour wäre eigentlich eine Uferwanderung nach Penthalaz geplant gewesen. Allmählich regenmüde geworden, verzichteten wir dezidiert und zweigten stattdessen nach La Sarraz ab. Den zweiten Teil der Venoge-Tour werden wir bei anderer Gelegenheit nachholen.







