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Überraschungen an der Surb

Ein weiter Himmel über Lengnau
Ein weiter Himmel über Lengnau

Mit ihren schlappen 20 km Länge ist sie einer der unscheinbarsten Nebenflüsse der Aare. Und übrigens auch eines der letzten Wässerchen, die sich dem grossmächtigen Schweizer Hauptstrom anschliessen, ehe er ein paar Kilometer weiter nördlich vom Rhein frech aufgefressen wird. Doch als die Aaronauten am 7. Januar 2018 die Surb erkundeten und sich auf eine langweilige Tour gefasst machten, erlebten sie grosse Überraschungen.

Die erste stellte sich bereits wenig oberhalb Döttingen ein. Das vermeintliche Bächlein präsentierte sich dort als munter über Felsblöcke sprudelnder, zuweilen sogar wild schäumender Gebirgsbach. Mit solchen vertikalen Kapriolen hatten wir im sonst bekanntermassen flachen Aargau nicht gerechnet.

Sie merken nicht, was sie tun.
Sie merken nicht, was sie tun.

Es kam noch bunter. Von der Mündung bis nach Tegerfelden führen zwar keine offiziellen Wanderwege dem Wasserlauf entlang, doch auf der Landeskarte war ein schöner Fussweg vermerkt, der mehr oder weniger nahe dem Ufer entlang verlief. Und weil wir uns ja schliesslich den Aare-Zuflüssen widmen wollen, hatte ich mich leichtsinnerweise entschieden, Swisstopo zu vertrauen und beim Beginn der Tour auf das Wanderwegnetz zu pfeifen.

Der vermeintliche Weg löste sich nach wenigen hundert Schritten in einem Gestrüpp von Wurzeln und Ästen auf. Hinter mir tauschten Caroline und Cornelia frohgemut in regem Dialog Erinnerungen an ihre Afrikareisen aus. Sie waren gedanklich in der Wildnis und merkten gar nicht, welch dramatische Veränderung sich unter ihren Füssen vollzog. Ich begann Blut zu schwitzen. Was, wenn uns plötzlich Sümpfe verschlingen würden? Oder uns der vermeintliche Pfad an eine Felswand führen würde? Nach geraumer Zeit kamen wir auf eine Forststrasse, man konnte wieder passabel gehen. Der Gesprächston der beiden Afro-Dialogpartnerinnen erfuhr auch jetzt keinerlei Veränderung. Es war, als ob wir nicht soeben den Urwald durchquert hätten, sondern zuhause am Kaffeetischchen plauderten.

Im Reich von Wasserfischen und Faschinenbuhnen
Im Reich von Wasserfischen und Faschinenbuhnen

Uff, das Gröbste war überstanden. Dachte ich jedenfalls. Doch es fing erst an. Burglind hatte gewütet. Überall lagen Bäume herum. Der Wald sah aus, als ob ein schlecht gelaunter, grössenwahnsinniger Riese Mikado gespielt hätte. Kreuz und quer lagen die hingeworfenen Nadeln herum. Die Waldstrasse war kaum mehr zu sehen. Doch wir hatten eine wandelnde Kompassnadel dabei: Aldo bahnte sich mit zielsicherem Gespür einen Weg durch die Unwegsamkeit, und wir folgten ihm ergeben.

Irgendwann war dann auch dieser Spuk vorüber, und von da an verlief die Wanderung sozusagen stinknormal. Einzig die Informationstafel zur Gewässerrenaturierung bei Tegerfelden sorgte vorübergehend für gehörige Irritation. Einige fachsprachlich mit Tollwut infizierte Biologen hatten sich dort selbstverwirklicht und uns ein Wiedersehen mit lieben alten Bekannten ermöglicht: Von «Faschinen» war da die Rede – exakt von dem mysteriösen Zeug also, dem wir vor drei Jahren schon am Thunersee begegnet waren. Hier aber wurde es noch getoppt mit einer rätselhaften Kombination: «Faschinenbuhnen».

Doppeltüren in Endingen
Doppeltüren in Endingen

Wir liessen uns die unglaubliche Lautkombination auf der Zunge zergehen – und stolperten gleich über das nächste Rätsel. Von «aquatischen Tieren» hatten die Tafeltexter in ihrer Raserei weiter geschrieben. Die Suchmaschinen sprangen an und klärten uns auf: Im Wasser lebende Tiere waren gemeint. Also Fische und so. Das führte uns sogleich zu weiteren Fragen: a) warum hatten sie nicht einfach genau das geschrieben, zum Beispiel «Fische und so»? b) gibt es überhaupt nicht-aquatische Fische? Fliegende Fische, schlug Cornelia vor. Silberfische, doppelte Aldo nach.

Für weitere geistreiche Ergänzungen reichte die Energie leider nicht mehr. Es ging auf Mittag zu. Doch dann kamen wir nach Endingen und machten einen Fehler. Im Dorf gab es zwar die eine oder andere aparte Sitzgelegenheit, doch niemand verspürte gross Hunger (was sich im Laufe der folgenden zwei Stunden gründlich ändern sollte). Stattdessen entdeckten wir die ersten Doppeltür-Häuser, die etwas verborgene Synagoge und weitere Stationen des jüdischen Kulturwegs. Damit begannen wir einen spannenden Trip durch ein kurioses Kapitel der Schweizer Geschichte.

Eingang zur Endinger Synagoge
Eingang zur Endinger Synagoge

Die Exkursion führte uns schliesslich zum ältesten jüdischen Friedhof der Schweiz. Das Areal war allerdings undurchdringlich umzäunt, den Schlüssel hätte man in Lengnau holen müssen, also wanderten wir weiter. Wir nahmen den idyllischsten Abschnitt des Tages in Angriff. Ein hübscher Weg führte uns dem Talebach entlang. Nach einiger Zeit zweigte der Pfad indessen hangwärts ab und führte vom Bachbett weg, weshalb Aldo direkt dem Ufer entlang weiterziehen wollte. Das sah zunächst nach einem Wiesenspaziergang aus, doch weiter hinten lauerte Gestrüpp und Gesumpf.

Der jüdische Friedhof im Surbtal
Der jüdische Friedhof im Surbtal

Caroline wollte Hand bieten und äusserte als Kompromissvorschlag, wir könnten uns aufteilen: Die Herren zu zweit dem Wasser entlang, der Rest auf dem Weg bleibend. Das behagte mir nicht sonderlich, weil ich zwar ebenfalls als sog. Herr eingestuft wurde, aber lieber festen Boden unter den Füssen behalten wollte. Deshalb wandelte ich die Idee ab und schlug vor, wir könnten eine Dreiergruppe bilden, die auf dem Weg bleibt, und eine Einergruppe, die sich dem Bach entlang durchschlägt. Aldo fand, die Situation sei jetzt etwa so, wie wenn drei Füchse und ein Huhn miteinander diskutieren, was es zum Abendessen gibt. Die Gruppenbildung unterblieb, wir zottelten auf dem Weg weiter, die Energiepegel näherten sich dem Tiefststand.

Erst fast am Ziel in Lengnau entdeckten wir eine Stätte, die einigermassen für ein Picknick geeignet war. Naja, jedenfalls schien sie geeignet zu sein. Es handelte sich um einen Kinderspielplatz, und gemäss Hinweistafel hatten die Eltern die Verantwortung zu übernehmen. Schwierig, schwierig, denn wir hatten unsere Eltern im Moment gerade nicht dabei.

Endlich!
Endlich!

Aldo war vor Hunger bereits dermassen abgestumpft, dass er blindwütig weiterstapfte, während Caroline und ich uns zaghaft anschickten, den Spielplatz zu betreten. Da überraschte Cornelia mit einem barschen Ruf: «Essen!» schmetterte sie über die Strasse, worauf Aldo willenlos wie ein Zombie stracks kehrtmachte und in herzergreifender Schicksalsergebenheit zu uns trottete.

Nach der Freilicht-Mahlzeit war er dermassen durchgefroren, dass er es vorzog, den Bus zu nehmen. Der Rest des Bourbaki-Trüppchens marschierte weiter nach Freienwil. Dort meldete Google reihenweise sonntäglich geschlossene Beizen. Beim einzigen Restaurant, das heute eigentlich offen wäre, hiess es, dass ein neuer Pächter gefunden worden sei, der sich freue, seine Gäste ab März zu verwöhnen. Weil wir nicht so lange warten mochten, spazierten wir ein bisschen im Dorf herum, um nicht erneut einzufrieren in der zusehends aufdringlichen Bise, und nahmen schliesslich den Bus nach Baden, wo uns die Migros mit wärmendem Tee verwöhnte.

Auf dem Weg nach Freienwil
Auf dem Weg nach Freienwil