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Sonnenoptimiert an der Lütschine

Weisse Lütschine in weisser Umgebung
Weisse Lütschine in weisser Umgebung

Wo bleibt Urs? Als Treffpunkt hatten wir wieder einmal einen Selecta-Automaten auserkoren. In Zweilütschinen steht er luxuriöserweise sogar drinnen im warmen Wartesaal, aber er war verwaist. Unser Kiosk- und Automaten-Aficionado glänzte an diesem 3. Dezember 2017 mit Abwesenheit! Irritiert blieben wir draussen in der eisigen Bise stehen, während Ruth aufs Klo ging, um Sturmhosen überzuziehen. Sie liess sich eine gefühlte halbe Stunde lang nicht mehr blicken. Danach schwärmte sie, wie wunderbar geheizt die Toilette hier im schönen Zweilütschinen doch sei. Wir waren unterdessen nahezu in Eissäulen verwandelt. Es war bissig kalt.

Schnellen Schrittes zogen wir los. Oben an der Fluh glänzten spektakuläre Eiszapfenformationen im Licht der Vormittagssonne. Unten im Tal herrschte noch immer Schatten, und das würde sich angesichts des engen und tiefen Geländeeinschnitts zweifellos erst in Stunden ändern. Ja, ich weiss und höre es immer wieder: Lauterbrunnen sei ein fürchterliches Schattenloch.

Stattliche Eiszapfen bei Zweilütschinen
Stattliche Eiszapfen bei Zweilütschinen

Ach, liebe Motzer, geht doch alle nach Grindelwald, wo man sich im Winter während anderthalb Monaten hinter den Eiger duckt und mit geheimer Sehnsucht die Wiederkehr der Sonne erwartet. Im Lauterbrunnental scheint sie auch am kürzesten Tag des Jahres. Nicht lange zwar – schlappe anderthalb Stunden bloss – , aber immerhin. Und weil das Tal nicht schnurgerade in Nord-Süd-Richtung verläuft, kann man dort auf einer Winterwanderung trotzdem ordentlich viel Sonne tanken. Man muss dafür bloss auf ein einigermassen geschicktes Timing achten. Das habe ich bei der Planung dieser Wanderung eigentlich auch getan. Blöderweise hat mir dann ein fabelhaftes Gadget einen Strich durch die Rechnung gemacht. Dazu später mehr.

Wir stapften mit energischen Schritten voran, um die Kälte zügig aus unseren Knochen zu vertreiben. Ruth hingegen, die noch immer ausserordentlich durchwärmt war, sperberte herum und entdeckte abseits des Weges ein Hüttchen im Schnee. Da möchte sie gerne wohnen, äusserte sie schwärmerisch, denn es habe sogar eine Heizung, wie man am Kamin sehe. «Und bis zur geheizten Bahnhoftoilette hättest du auch nicht weit», ergänzte Cornelia zähneklappernd.

Antiker Rüstungsbetrieb der Gnädigen Herren
Antiker Rüstungsbetrieb der Gnädigen Herren

Im winterlichen Wald kamen wir zu einem steinernen Turm, der auf den ersten Blick wie die Überreste einer Burg aussah, sich aber als Ruine eines mittelalterlichen Schmelzofens erwies. Er war seinerzeit eine der Stätten, an der die Gnädigen Herren von Bern Kanonenkugeln giessen liessen, um etwas Solides in der Hand zu haben, das sie ihren Widersachern an den Keks schmeissen konnten.

Wenig später gelangten wir unvermutet an ein Hindernis: Rot-weisse Bretter versperrten den Weg. Darum herum und dahinter waren Fussspuren im Schnee zu sehen, weshalb wir uns entschlossen, nicht umzukehren, sondern ebenfalls weiterzumarschieren. Am anderen Ende des gesperrten Abschnitts wurde uns schliesslich die Erklärung für die kuriose Sperre geliefert: Wegen Stein- und Eisschlag im Winter gesperrt, hiess es auf einer Tafel. Wir fühlten uns ertappt, doch Ruth gab zu bedenken, dass eigentlich bloss ich illegal gehandelt habe, denn auf dem Schild sei eindeutig nur ein Mann zu sehen, weshalb die Einschränkung ganz sicher nicht für Frauen gelte.

Ertappt! Schwarzwanderinnen am Fusse der Hunnenfluh
Ertappt! Schwarzwanderinnen am Fusse der Hunnenfluh

Kurz danach, im Sandweidli, kamen wir an die Sonne. Wir stiegen zur Heimegg hoch und erblickten den grossmächtigen Staubbach. Im Gegenlicht wirkte er jedenfalls stattlich. Als wir ihn später frontal sahen, erwies er sich allerdings bloss als schmächtiges, ja kümmerliches Bächlein. Bei einer Scheune liess ein Bauer seine Schafherde aus dem Stall. Schnee und Sonne schienen den Tieren geradezu Flügel zu verleihen, jedenfalls hüpften sie herum wie Rodeopferde mit einer Überdosis Koffein.

Wenig später stach uns ein eigenartig strenges Düftchen in die Nase. Wir sahen uns um und entdeckten bei einem weiteren Stall eine Gruppe von neugierig herumguckenden und stark ausdünstenden Ziegen. Wir beeilten uns, um rasch wieder an die frische Luft zu kommen. Die Sonne goss ihr Licht grosszügig ins Tal und in unsere Gemüter, wir erfreuten uns an der dünnen Schneeschicht, welche die Helligkeit noch zusätzlich verstärkte, und erreichten im Talgrund alsbald erneut die Weisse Lütschine. Ihr eisiges Wasser funkelte im Licht der Mittagssonne ebenso verführerisch wie abschreckend.

Die Aussicht fanden wir nicht übel.
Die Aussicht fanden wir nicht übel.

Etwas oberhalb des Flussbetts entdeckten wir einige Holzbänke. Wir befreiten sie vom Schnee und hielten Mittagsrast. Es war betörend still, doch zwischendurch krachte es immer wieder unglaublich heftig. Von der nahen Mürrenfluh, einem himmelhohen senkrechten Bollwerk, polterte wiederholt Eis in die Tiefe. Es klang dramatisch wie Donner oder Feuerwerk.

Nur wenige Dutzend Schritte später kamen wir zu einem Bauernhof, der mit einer wunderlichen Innovation ausgestattet war: In einem Hüttchen an der Strasse stand ein Apparat, den man neutral als eine Art Alpin-Selecta-Automat bezeichnen kann. Wer etwas euphorischer ist, darf füglich von einem Verkaufsroboter sprechen.

Schafe genossen die Wintersonne in wildem Galopp.
Schafe genossen die Wintersonne in wildem Galopp.

Das Ding frisst Münzen und Noten, danach gibt man ein Nümmerchen ein, worauf sich mit leisem Surren und Klicken ein Körbchen in die erforderliche Höhe schiebt, um die gewünschte Ware fürsorglich aufzufangen, die unterdessen von einem Federmechanismus nach vorne befördert worden ist. Das Sortiment umfasst nicht bloss Alpkäse von vier verschiedenen Alpen in drei unterschiedlichen Reifestadien sowie Ziegenkäse, Würste und Mostbröckli, sondern auch delikateres Gut wie Sirup in Glasflaschen, Konfitüre ebenfalls in Gläsern und – ich fasste es kaum – Kartonschachteln mit rohen Eiern.

Wir fütterten den Apparat mit sämtlichen Münzen und Scheinen, die gerade zur Hand waren, und schauten fasziniert zu, wie die Bestellungen zuverlässig und mit maschineller Sorgfalt ausgeführt wurden. Auf diese Weise verplemperten wir eine satte halbe Stunde – was so natürlich nicht vorgesehen war. Weil sich die Sonne im Unterschied zu uns an den Zeitplan hielt, verschwand sie fristgerecht hinter der Fluh, so dass wir den Rest der Wanderung im eisigen Schatten zurücklegen mussten.

Ein faszinierendes Gadget am Weg kostete uns eine Menge Zeit.
Ein faszinierendes Gadget am Weg kostete uns eine Menge Zeit.

Schön war das trotzdem. Besonders vom allerletzten Abschnitt nach der Abzweigung zur Talstation der Schilthornbahn waren wir sehr angetan. Auf ungepfadetem Trassee machten wir dort einen kleinen Schwenker über die Sefinenlütschine hinweg. In einer besonders schattigen Ecke, wo die Sonne wohl während mehreren Wochen nicht kommt, entdeckten wir ein schattiges Bächlein, das langsam zuzufrieren begann und am Rand bereits Eisstrukturen aufwies, die wie zartes Spitzengewebe aussahen. So schön kann Winter sein!

Im Winter sei alles tot und starr? Von wegen.
Im Winter sei alles tot und starr? Von wegen.