
Einem der respektabelsten Aare-Zuflüsse wendeten die Aaronauten ihre Aufmerksamkeit am 12. März 2017 zu. Die Reuss stand schon länger auf dem Programm, aber irgendwie passte das Wetter nie so recht: Entweder war es zu heiss oder zu neblig. Jetzt aber waren die Bedingungen geradezu perfekt. Entsprechend stattlich war diesmal die Teilnehmerzahl, so dass wir uns flugs zu zwei Expeditionskorps formierten. Das eine bestand aus Sigi, der wieder einmal etwas später auftauchte. Der Rest bildete die zweite Gruppe, die schon mal als Vorhut voranging.
Man hat erstaunlich viele Möglichkeiten, um von Brugg zum Uferweg nach Mellingen zu gelangen. Auf den weiten Umweg über das Wasserschloss verzichteten wir, weil wir den bereits auf der 18. Etappe der Aare-Wanderung genossen hatten. Damit schlossen wir gleichzeitig die rechtsufrige Variante am Fusse des Gebenstorfer Horns aus und verlegten uns stattdessen auf die Durchquerung von Windisch.

Auf diese Weise marschierten wir zum Auftakt über reichlich geschichtsträchtigen Boden. Zu römischer Zeit bestand dort die grösste Garnison auf dem Gebiet der heutigen Schweiz. Um die Legionäre bei Laune zu halten, führte man auf den umliegenden Hügeln die damals neumodische Sitte des Weinbaus ein. Zudem baute man eine riesige Arena, in der Brot und Spiele serviert wurden. Unweit davon wurde anfangs des 14. Jahrhunderts der habsburgische Graf Albrecht von seinem Neffen gemeuchelt. Die Habsburg selbst liegt nicht viel mehr als einen Steinwurf entfernt; sie ist der Stammsitz des ursprünglich bloss lokal bedeutenden Adelsgeschlechts, dessen Einfluss sich im Laufe der Jahrhunderte zu globalen Dimensionen entwickeln sollte.
In Windisch standen bereits wieder zwei Routen zur Auswahl. Die eine schlug gemäss Landeskarte zunächst ein paar Haken, führte dann aber stracks zum Wasser. Die andere war irgendwie einladender signalisiert, und weil der Typ, der vorneweg lief und den manche noch immer für einen sog. Wanderleiter halten, gerade in einen Schwatz vertieft war, geriet die gesamte Meute sofort auf Abwege. Wir standen vor der Wahl, entweder zur letzten Abzweigung zurückzukehren oder kilometerlang fern der Reuss zu marschieren. Folglich entschieden wir uns für eine dritte Variante und stachen querwaldein hinunter zum Fluss.

Lauschig schön war es dort unten. Die Buchen waren noch unbelaubt und liessen deshalb viel Licht durch, doch gleichwohl kündete erstes pflanzliches Spriessen vom nahenden Lenz. Wir entdeckten zarten, noch praktisch geruchsfreien Bärlauch, Schlüsselblümchen und «so rosarotes Zeug». Ratlos guckten wir in die Runde, bis Evi kam und mit eindrücklicher Bestimmtheit aufklärte: «Seidelbast!»
Es war bereits ziemlich viel los in diesem Frühlingswald. Vögel zwitscherten, Jogger spurteten, Velofahrer strampelten, und an einer Vitaparcours-Station überraschten wir ein grinsendes mittelalterliches Pärchen bei etwas kuriosen Liegeübungen, aber ich denke, sie waren wirklich einfach nur fröhlich.

Ungefähr zu dieser Stunde nahm das Detachement Sigi erstmals mit Caroline Kontakt auf. Wie sich herausstellte, war er etwa eine Stunde nach dem vereinbarten Zeitpunkt in Brugg erschienen und hatte sich dann für den rechtsufrigen Uferweg entschieden. «Irgendwo da drüben muss er herumstrolchen», mutmassten wir und suchten das gegenüberliegende Ufer nach dem Separatisten ab.
Wo wir denn seien, wollte er wissen. «Naja, im Wald», lautete Carolines zugegebenermassen leicht undifferenzierte Antwort. Das war der Auftakt zu einem relativ regen Dialog auf allen möglichen Kanälen von SMS über WhatsApp bis Telefon, und wenn er grad einen berittenen Boten zur Hand gehabt hätte, dann hätte S. sicher auch diesen auf die Piste geschickt.

Fristgerecht (diesmal hatte mich die Topografie glücklicherweise nicht im Stich gelassen) gelangten wir zu einem hübschen Picknickplätzchen nah am Wasser. Zwei Sitzvarianten standen zur Auswahl, und schon schieden sich die Geister wieder einmal. Dina und Dubravko sperberten sogleich einen Holztisch mit zugehörigen Bänken aus, die ihnen einen gediegenen und bequemen Imbiss verhiessen. Die übrigen plusterten sich wie Hühner auf eine Holzstange, die allerdings den beachtenswerten Vorteil besass, schön sonnig platziert zu sein. Ich stand dazwischen und vermochte mich erst nach längerem Abwägen zwischen Sitzkomfort und Frühlingswärme zu entscheiden.
Ich wählte den Sonnenschein, und obwohl später mein Rücken schmerzte, fand ich, richtig entschieden zu haben. Das hatte auch damit zu tun, dass auf der besonnten Waldbühne unmittelbar vor mir ein interessantes Schauspiel stattfand. Hans-Peter durchwühlte Laub, Dickicht und Steine und förderte wundersame Fundstücke zutage, darunter eine laminierte Vermisstanzeige für eine im letzten Juli verlorengegangene Kamera sowie ein komplettes Grillbesteck samt fischförmigem Doppelgrill.

«Was die Leute nicht alles wegschmeissen», sagte er kopfschüttelnd. Seine Waldputzaktion war aber vielleicht ein bisschen eigennütziger, als es zunächst den Anschein machte. Wilma, seine vierbeinige Begleiterin, ist nämlich ein Allesfresser. Genauso wie man in England «Brexit means Brexit» raunt, bedeutet für sie «Alles» wirklich restlos alles. Dies hat mitunter zur Folge, dass sie zwischendurch regelmässig ein paar Tage Durchfall oder Brechsucht einschaltet, so dass die Fussböden im Hause anschliessend immer besonders sauber sind.
Schon bald nachdem wir wieder aufgebrochen waren, erreichten wir Mülligen und wechselten nun auf die nordöstliche Seite der Reuss. Auf telekommunikativem Weg gewann das Detachement S. anhand irgendwelcher dubioser Indizien den Eindruck, uns relativ dicht auf den Fersen zu sein. Eigenartigerweise mochte er nicht direkt darum bitten, auf ihn zu warten. Stattdessen wies er auf Morcheln am Weg hin, lobte die Blumenpracht und empfahl uns, die Flusslandschaft intensiv auf uns einwirken zu lassen. Was Caroline denn auch tat, indem sie das offenbar relativ langfädige Telefonat beendete und ihre Aufmerksamkeit wie wir anderen dem zauberhaften Wasserlauf widmete.

Wir begannen ein bisschen zu trödeln, doch das vom Separatisten erhoffte Pilzsammeln unterblieb, ebenso unterliessen wir es, uns der Spiritualität der spriessenden Gänseblümchen hinzugeben. Dafür bestaunten wir eine rosarote Toilette mitten im Wald, die offenbar von der Fasnacht übriggeblieben war. Wen erstaunte es da, dass wir wenig später ausgerechnet die Kläranlage als ersten zivilisatorischen Vorboten von Mellingen sichteten?
In ihrer Nähe passierten wir einen hübschen Sandstrand. Das Wasser zog ruhig vorüber, am Ufergehölz stiess zartes Grün hervor. Die Idylle war fast nicht zum Aushalten, weshalb eine Familie, die sich am Wasser tummelte und lümmelte, verzweifelt zum äussersten Mittel gegriffen und einen bierdosenförmigen Lautsprecher aufgestellt hatte, der nun die so provokativ friedvolle Reuss eifrig beschallte.

Mit der Ruhe in den Auen war es somit vorbei. Ein ebenso jähes Ende fand kurz darauf der Wanderseparatismus. Mitten auf der Brücke, die zur Altstadt hinüberführt, trafen wir auf das Detachement S. Eigenartigerweise wurden wir jedoch nicht von einer abgekämpften, schwitzenden und hochroten Gestalt überholt. Der Nachzügler kam uns vielmehr seltsam entspannt entgegen. Wie sich herausstellte, hatte er uns, ohne es zu merken, überholt und war deshalb deutlich vor uns am Ziel angelangt.
Die Fusion zur nun erneut vereinigten Aaronautenkohorte musste natürlich gefeiert werden, zweckmässigerweise mit einem Regelbruch (im Sinne eines Restaurantbesuchs). Es war frühlingshaft mild, die Sonne schien einladend, also hielten wir nach einer Gartenbeiz Ausschau. Die Suchexpedition verlief allerdings geradezu deprimierend, denn die Altstadt wäre eigentlich recht hübsch, wird aber vom Durchgangsverkehr regelrecht verseucht. Werner zeigte uns ein Eckhaus an der zentralen Gasse, wo sein Vater aufgewachsen war, und berichtete, schon vor 40 Jahren sei der Verkehr mitten durch das Städtchen geflossen. Das Einzige, was sich seither an der tristen Situation geändert hat, ist das Verkehrsaufkommen: Man kann es heute füglich als katastrophal bezeichnen.
Der ernüchternde Schlusspunkt sollte aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass wir eine aussergewöhnlich reizvolle Flusswanderung erlebt hatten. Die Reuss scheint es durchaus wert zu sein, dass man ihr mehr als bloss eine einzige Wanderung widmet. Wir werden sehen…
Routenbeschreibung: Wanderung Brugg-Mellingen