
Lieblich kann man diese Gegend nicht nennen: Das Reichenbachtal ist von wilder Schönheit. Mit seiner noch heute vergletscherten Ostflanke und der stellenweise extrem durch die Vertikale geprägten Topografie stellte es die Menschen, die hier früher ihr Auskommen fanden, vor gefährliche Herausforderungen. Immer wieder richteten Bergstürze schwere Schäden an und formten das Gesicht der Landschaft dramatisch um.
Doch gleichzeitig kommt dem Tal eine überaus anziehende Wirkung zu. Der Kontrast zwischen den flachen Wiesengründen des Gschwantenmads, den sich darüber auftürmenden Felsmassen der Wellhörner und dem sich ins angrenzende Hochtal schmiegenden Rosenglauigletscher zog schon im 19. Jahrhundert ganze Heerscharen von Reisenden an. Die Tourismuspioniere stammten vorwiegend aus Grossbritannien. Ihnen stand der Sinn nach romantischer Stimmung mit schauerlichen Nebelschwaden vor schroffen Flühen, wilden Bergbächen und dunklen Wäldern. Für sie gab es nichts Schlimmeres als einen wolkenlosen Himmel.

In diesem Sinne hätte unsere Wanderung für sie katastrophal begonnen. Auf der Grossen Scheidegg wölbte sich am 14. August 2016 tiefes Blau über sonnengetränkten Grashügeln. Selbst das nahe Wetterhorn, das seine Nordwand sonst gerne hinter einem Negligée aus dramatischem Wolkengefuchtel verbirgt, war die Harmlosigkeit in Person.
Die Wanderung durch das Reichenbachtal gehört zu den Passrouten-Klassikern. In aller Regel wird dabei aufgestiegen, von Meiringen zur Rosenlaui und weiter zur Grossen Scheidegg, danach folgt dann logischerweise der Abstieg nach Grindelwald. Einiges spricht für diese Richtung, etwa der Anblick der Gletscher auf beiden Seiten des Wellhorns oder die Sicht zu den Nordwänden von Schreckhorn und Eiger.

Es geht aber auch anders, und dafür gibt es ebenfalls triftige Gründe. Da Sommerhitze herrschte, gedachten wir in der Kühle zu beginnen und unnötige Anstrengungen zu vermeiden. Zudem beabsichtigten wir die Engelhörner nicht bloss mit dem Blick zu streifen, sondern recht tüchtig ins Auge zu fassen. Und zu guter Letzt wollten wir den Reichenbach erleben, wie er sich vom schmächtigen Bächlein zum tosenden Wasserfall entwickelt. Also entschlossen wir uns, die Rosenlaui gleichsam gegen den Strich zu bürsten.
An Bord des Postautos, das uns auf den Pass fuhr, hatte es einige recht absurde Dinge. Zum Beispiel Zweiräder im Besitz bequemer Biker, die sich nicht mit mühsamem Aufwärtsstrampeln quälen mochten. Oder zusammengeklappte Modellflugzeuge – die Grosse Scheidegg gilt als Hotspot der Bonsai-Fliegerei. Als wir ausstiegen, warteten wir gespannt, was da noch alles aus dem Fahrzeug geschleppt würde. Vielleicht ein paar herzige Zuchthyänen? Oder ein Safe, Drehorgeln, dampfbetriebene Faxgeräte? Die Hobbies der Menschheit sind bekanntermassen unergründlich.

Wir hingegen frönten nun sogleich einer vergleichsweise trivialen Aktivität: Wir begannen zu schreiten. Interessanterweise waren wir die einzigen auf dem Wanderweg. Jedenfalls die einzigen, die talwärts marschierten. (Aus der Gegenrichtung kamen uns Dutzende entgegen.)
Das idyllischste Plätzchen des Tages erreichten wir schon nach gut einer Stunde: Am weiten, gerölligen Bachbett des jungen Reichenbachs hätte man sich im Schatten einer jungen Tanne ohne weiteres für Stunden niederlassen können, um die grandiose Hochgebirgswelt zu bestaunen und dem Plätschern des Wassers zu lauschen. Wir aber wollten wandern und liessen das Paradieslein schnöde beiseite. Auch auf Einkehrmöglichkeiten verzichteten wir traditions- bzw. konzeptgemäss. Stattdessen rasteten wir auf der Schwarzwaldalp direkt am tosenden Bach.

Acht Alpen gibt es im Reichenbachtal. Die Bauern haben dort ein schlaues Verkaufssystem aufgezogen. Manchenorts stehen Selbstbedienungs-Kühlschränke am Wanderweg, andernorts wird direkt aus dem Kofferraum gedealt, wobei hier natürlich vorgängig degustiert werden kann. Ich vermochte nicht zu widerstehen und deckte mich mit Käse von drei verschiedenen Alpen des Tals ein (Schwarzwaldalp, Rosenlauialp, Grindelalp), was meinen Rucksack tüchtig erschwerte, aber gleichzeitig auch mein Picknick erheblich bereicherte. Die Alpkäse schmeckten wunderbar – einer besser als der andere, wirklich sehr lecker.
Monika kostete ebenfalls und mutmasste: «Den da wirst du mögen.» Weil ich die Sprecherin bereits seit einem Weilchen kenne, wusste ich instinktiv, wie das gemeint war: «Bitte weiche mit dieser Substanz hinweg! Das ist ein fürchterlicher Stinkkäse, den ein normales Lebewesen nur gegen fürstliches Schmerzensgeld zu sich nähme.»

Das Reichenbachtal hält einige hübsche Merkwürdigkeiten bereit. Das wunderbar nostalgische Hotel Rosenlaui etwa. Es besteht zwar durch und durch aus Holz, tut aber so, als ob es ein Steinbau wäre. Grund dafür ist ein hübsches Dilemma: Einerseits hatte die städtische Hautevolee zur Zeit der Belle Epoque das Bedürfnis, nur in Logements zu nächtigen, die ihr standesgemäss erschienen – also in stattlichen, massiv gebauten Bürgerhäusern. Andererseits wäre es zu jener Zeit aber ein unerschwinglicher Luxus gewesen, Backsteine, Sandsteinquader oder dergleichen Klimbim in das abgelegene, mit Tannenwäldern reich gesegnete Tal zu karren. Also behalf man sich mit Fake-Architektur.
Weiter unten im Tal, ein Stück oberhalb der Kaltenbrunnensäge, sieht man auf der gegenüberliegenden Seite des Bachs ein etwas unförmiges Gebäude mit steinernem Fundament und Holzaufbau. Es handelt sich um eines der wenigen Überbleibsel eines hochfliegenden Bauprojekts, mit dem sich ein deutscher Industrieller zu Beginn des 20. Jahrhunderts verewigen wollte. Das Gebäude hätte in der Nachbarschaft eines schlossähnlichen Anwesens als Maschinenhaus für den Betrieb eines Springbrunnens dienen sollen, dessen Fontäne höher als der Genfer Jet d’Eau schiessen sollte. Weil sich der Bauherr mit Kriegsanleihen verspekulierte, implodierte das ganze Vorhaben schliesslich sang- und klanglos.

Reichlich kurios ist der weisse Stern, der an einer Felswand beim Reichenbachfall angebracht ist. Die Szenerie ist ein denkbar günstiger Standort für spektakuläre Inszenierungen. Von diesem Gedanken liess sich der englische Krimiautor Arthur Conan Doyle bei seiner Kurzgeschichte «The Last Problem» leiten. Seine Romanfigur Sherlock Holmes tritt darin zu einem dramatischen Kampf gegen ihren Erzfeind Professor Moriarty an. Die schicksalhafte Begegnung der Kontrahenten beim Reichenbach endet damit, dass beide in die Tiefe stürzen und von den tosenden Wassermassen mitgerissen werden.
Das gewalttätige Ende seines Romanhelden hatte den Autor, dem das Schreiben ständig neuer Detektivgeschichten mühsam geworden war, von einer Last befreit. Darüber konnte er sich jedoch nicht lange freuen, denn unzählige Leser protestierten so lange gegen den Tod des populären Helden, bis Conan Doyle ein Einsehen hatte und den fiktiven Todessturz in einer Folgeerzählung relativierte. Am Reichenbachfall entstand eine regelrechte literarische Pilgerbewegung: Seit Jahrzehnten suchen Sherlock-Holmes-Fans die mit dem Metallstern gekennzeichnete Stätte auf, um hier dem verehrten Meisterdetektiv nahe zu sein.

Unmittelbar neben der «Absturzstelle» ist eine Gedenktafel zu Ehren von Sherlock Holmes angebracht, die eine einigermassen skurrile Signatur trägt: Gestiftet wurde sie nämlich von «The Bimetallic Question of Montreal and The Reichenbach Irregulars of Switzerland». Man möchte solche Typen eigentlich ganz gerne kennenlernen.
Die Wanderung endete fast im gleichen Groove, wie sie begonnen hatte, nämlich in der Begegnung mit eigenartigem Spielgerät. Unterhalb von Schwendi kreuzten Geschöpfe unseren Weg, die verblüffend ähnlich wie erwachsene Menschen aussahen. Auf Trottinetts mit aufgeblähten Pneus bretterten sie johlend zu Tal.