
Winterwandern ohne Schnee – funktioniert das? In manchen Skigebieten denkt man scheint’s schon darüber nach, ob man Winterwanderwege nicht ebenfalls beschneien sollte, grad so wie Skipisten. Statt dem Schnee nachzujagen, wählten die Aaronauten ein anderes Verfahren. Sie liessen am 4. Dezember 2016 das nebeldurchseuchte Mittelland hinter sich, strebten in die Höhe und streiften durch das Tal des Lombachs. Föhnstürme hatten die Gegend wenige Tage zuvor ziemlich radikal vom Novemberschnee befreit. Die Expedition führte zu folgendem Befund: Wandern im Winter geht auch ohne Schnee, und zwar sehr gut.
Das Zeitmass in Habkern ist etwas anders als unten im Tal. In Interlaken tobte auch an diesem nebensaisonalen Sonntag die Reiseindustrie. Fast rund um die Uhr werden dort Menschen aus aller Welt in ihrer aufrichtigen Suche nach der wahren Essenz der Schweiz unterstützt. In dezent parfümierten Uhrenkathedralen versorgt man sie barmherzig mit den bescheidenen Landesprodukten, die der karge Boden hergibt. Anschliessend treffen sie sich zum Hornussen auf der Höhematte. Bei diesem typisch schweizerischen Volkssport geht es darum, iPads durch die Luft zu schwingen und einzigartige Eindrücke einzufangen, z.B. von Menschen, die Luftsprünge vollführen.

Wie gesagt, Habkern ist anders. Dort steht man noch mit beiden Beinen auf dem Boden. Es gibt keine Einkaufszentren, keine Bars und Discos, weder Ferienresorts noch Bergbahnen und nicht einmal überall Mobilfunk (mehr dazu später). Hier ist die Welt noch in Ordnung. Naja, jedenfalls fast. Im Dorf gibt es sehr viele Kühe, folglich auch viele Bauern, ergo auch viel Hartbelag.
Wir marschierten anfänglich mehrere Kilometer auf Alpsträsschen. Zum Glück war das nur zum Auftakt, wo die Knochen jeweils noch frisch und munter sind. Es ging leicht bergauf. Der Skilift im Dorf stand etwas verloren auf der noch immer grünen Wiese. Beschneiung ist dort kein Thema. Dafür werden die Pisten ausgiebig begüllt (so roch es jedenfalls); vielleicht wächst dann ja auch der Schnee besser.

Auf unseren Wegen durchstreiften wir sämtliche Jahreszeiten und Klimazonen: Die Dezembersonne goss fleissig ihr klares Licht auf Wiesen und Wälder – Jacken und Pullis traten sogleich den Rückzug in die Rucksäcke an. Letzte Spätblüher sprossen auf den Weiden, an den Bäumen hatte der Föhn noch etwas Dekorationslaub hängen gelassen. Wo die Sonne nicht hinkam, lag hingegen dicker Raureif und eisiger Schatten. Der Boden knirschte dort brüchig unter den Sohlen.
Einen ersten Zwischenhalt machten wir auf der Alp Traubach. Mit ihren flachen, von einem Bächlein durchzogenen Weiden, mit den behäbigen Hütten und den daran aufgestapelten riesigen Holzbeigen ist sie ein kleines Paradies und mithin ein perfektes Plätzchen für die Mittagsrast. Allerdings war es noch etwas früh und wir hatten einen happigen Aufstieg vor uns. Deshalb entschieden wir uns weiterzuziehen. Der Beschluss sollte sich alsbald als ungünstig erweisen.
Das besagte Bächlein ist übrigens nicht der Lombach, um den es an diesem Sonntag eigentlich ging (oder hätte gehen sollen, denn er ist es, der in die Aare fliesst). Weil man ihn nur punktuell bewandern kann, hatte ich bei der Routenwahl etwas improvisieren müssen. Ich weiss, solches Treiben stösst die prinzipiengläubige Fraktion unter den Aaronauten zunehmend vor den Kopf. Aber vor die Wahl gestellt, konzeptgetreu durch schattige Tobel in die Tiefe zu stolpern oder Aussicht und Sonne zu geniessen, entschied ich mich für einen Seitenbach – den Traubach.

Wo die Strassen enden, fängt das Motorenvergnügen manchmal erst richtig an. Auf dem Land verlegt sich die Jugend in ihrem emsigen Forschen nach möglichst sinnvoller Freizeitgestaltung zuweilen darauf, nachmittagelang mit dem Motocross über Wiesen zu pflügen. Auch am Traubach waren die Sinnsucher unterwegs gewesen. Vertrauensvoll folgten wir den Reifenspuren, die sich im Schatten hoher Bäume über die dünne Schneeschicht zogen. Sogleich gingen wir in die Irre. Knapp bevor wir im steilen Bett des Wildbachs endeten, zogen wir die kartografische Notbremse, sahen unseren Irrtum ein und kehrten geläutert auf den rechten Weg zurück.
Es wurde steil und schweisstreibend, doch Ruth schritt mit geradezu provozierender Leichtigkeit bergan. Beiläufig gab sie zu erkennen, täglich mehrstündige Märsche zu unternehmen, was ihr anerkennende Blicke eintrug. Die Frage, ob sie denn einen Hund habe, verneinte sie zwar, räumte aber ein, sie führe zuweilen einfach den inneren Schweinehund spazieren. Wenig später betraten wir den Perimeter des Naturschutzgebiets Hohgant-Seefeld. Der Regierungsrat des Kantons Bern liess uns auf einer Tafel wissen, das unbeaufsichtigte Laufenlassen von Hunden sei hier verboten. Ruth schien den ihren glücklicherweise ohnehin nicht von der Leine gelassen zu haben.
Stundenlang waren wir nun schon unterwegs, ohne auch nur einer Menschenseele begegnet zu sein. Doch kurz bevor der Aufstieg zu Ende war, erklang aus der Ferne so etwas wie Rufen und Schreien. «Habt Ihr auch Stimmen gehört?» fragte ich. Doch Barbara entzauberte das Mysterium sogleich und erklärte, das seien wohl ihre quietschenden Schuhe. Je nach Witterung beginne das Leder zuweilen Klänge von sich zu geben. Dank den sprechenden Schuhen fühle sie sich jedenfalls kaum je allein.

Wie sich allerdings zeigte, war es nicht kommunizierendes Schuhwerk, sondern eine stattliche Bauernfamilie samt Grosi, Onkeln und Tanten, die für die Geräuschkulisse verantwortlich zeichnete. Der Clan besass offenbar genau die Hütte am Haglätsch, die wir für unser Picknick ausersehen hatten. Es roch antik – Schwaden von denkmalgeschütztem Pommesfrites-Fett zogen durch die frische, klare Bergluft. Kein Wunder, dass die armen Kerle dort auf der Alp dermassen herumbrüllten, wenn ihnen ein solch übelriechendes Mahl bevorstand.
Wir nahmen Reissaus und stapften weiter. Manche von uns legten dabei allerdings eine zunehmende Lustlosigkeit an den Tag. Knurren und Murren war zu vernehmen. Evi meinte, ihr Magen melde sich, aber vielleicht handelte es sich auch einfach um die allgemeine Laune, die aufgrund fortschreitender Unterzuckerung langsam abwärts rumpelte. Ruth erkundigte sich unverfänglich nach allfälligen Raubtieren in der Gegend: Wölfe, Bären, Luchse? Urs wies auf sich selbst und deklarierte: «Vielfrass!» Seltsamerweise vermochte sein Provokatiönchen nicht die erhoffte Heiterkeit zu wecken.
Nach einer wärmenden Hüttenwand Ausschau haltend wanderten wir weiter, weiter und weiter. An der Widegg wurden wir endlich fündig, aber oje, mittlerweile stand die Sonne so tief, dass die Alphütte schon halb im Schatten lag. Und die Älpler hatten zwar eine hübsche Holzbank eingerichtet, aber sie stand an der Nordseite und war damit der giftigen Bise ausgesetzt. Also pflanzten wir uns nun doch einfach auf die Wiese und begannen zu stoffwechseln. Nach kurzer Zeit schon fiel uns auf, welch himmlische Ruhe an diesem wunderbaren Plätzchen herrschte. Die sprechenden Schuhe waren verstummt, das Magengeknurre hatte aufgehört, der friedliche Dezembersonntag schnurrte auf der Widegg still und leise vor sich hin.

Im Abstieg kamen wir an der Alp Heubühlen vorbei. Ein Plakat verhiess Bauernwürste und Sennen-Frühstück. Wir waren gesättigt und die Alpbeiz seit Ende September geschlossen. Dennoch nahm Evi die Speisekarte wörtlich. Sie begann sich ein bisschen zu ekeln und sagte, ein Schweinswürstchen nähme sie lieber als eine Bauernwurst, und ein ganzer Senn wäre ihr sowieso zu viel. Urs wies sie sanft darauf hin, sie brauche den Frühstückssenn ja nicht unbedingt zu verspeisen, sondern könne ihn vielleicht auch anderweitig verwenden.
Später erzählte Barbara einen dezent männerfeindlichen Witz, in dem es um ein Weihnachtsgeschenk für die Pioniere der Menschheit ging. Als erste Option vergab der Schöpfer die Fähigkeit, im Stehen zu pinkeln. Adam griff sofort zu, rannte in den Wald und ging von Baum zu Baum seinen Geschäften nach. Eva musste daher mit der zweiten Option vorlieb nehmen – für sie gab es nur noch Gehirn.
Vielleicht unbewusst, vielleicht auch im Sinne eines offensiven Dementis versuchten Urs und ich in der Folge, uns auf subtile Weise in ein herrlich ( = männlich) vorteilhaftes Licht zu rücken, indem wir unsere umfassenden Kenntnisse und Kompetenzen in Szene setzten. Ich verfiel zunächst auf die Idee, meine botanische Weisheit zu demonstrieren. Die ist zwar gering, aber Blumen ziehen ja fast immer, jedenfalls bei Damen, wie ich mir habe sagen lassen. Dummerweise war die Jahreszeit gerade eher ungünstig: Ausser einigen zahnlosen Löwenzahnblüten, etwas kläglichem Klee und zwei leblosen Herbstzeitlosen gab es nichts zu bestimmen.

Also verlegten wir uns auf die umliegenden Berggipfel. Eiger, Mönch und Jungfrau schafften wir mit links, Finsteraarhorn, Schreckhorn und Morgenberghorn gerade auch noch, aber an diesem blöden Daumen rechts vom Dreispitz scheiterten wir furios. Allgegenwärtige Behelfslösungen wie Stockhorn oder Matterhorn schieden sofort aufgrund unüberbrückbarer optischer Differenzen aus. Auch die geballten Vermutungen von Urs brachten uns nicht wirklich weiter, obwohl er dafür zu unbestreitbar imposanten Neukreationen ansetzte. Unter anderem behauptete er, es sei der Zahn neben dem «Gebärmutter-Dingsbums» (später erläuterte er, den Kindbettipass gemeint zu haben).
Was zusätzlich ungünstig war: Wir befanden uns nicht nur in der grössten Moorlandschaft, sondern auch im grössten Funkloch der Schweiz. Daher konnte selbst Peakfinder nicht helfen. Erst am Abend vermochte der Atlas der Schweiz das Rätsel zu lösen. Es handelte sich um ein Gipfelchen, mit dem nun wirklich kein Staat zu machen ist – es sei denn, man erblicke es von der Widegg aus und zerbreche sich den Kopf über seinen Namen. Ach Ärmighorn, was sollen wir bloss mit dir anfangen?
Ein langer und wunderbar aussichtsreicher Abstieg führte uns in den Weiler Bolsiten, der bereits halbwegs im Schatten lag. Eisige Kälte umfing uns. Als Dessert stand für unsere mittlerweile ausgezehrten Wanderbeine nochmals ein Stück Strasse bereit. Zuvor aber hatten wir den Traubach, den wir bis anhin in einem weiten Bogen umrundet hatten, zu überqueren. Er fliesst an dieser Stelle durch ein fast unüberwindliches Tobel der Mündung in den Lombach entgegen, doch eine elegante Betonbrücke überwindet den Schlund mit Leichtigkeit. Das kühne Bauwerk wirkt an dieser einsamen Stätte schmerzlich verloren, ja auf eine geradezu lächerliche Weise deplatziert, doch das liegt nicht an seiner architektonischen Qualität – im Gegenteil.

Erbaut wurde die Brücke 1932 von Robert Maillart, einem Pionier des Stahlbetonbaus. Ein Zwilling der Traubachbrücke quert wenige hundert Meter weiter nordwestlich den Bolbach. Dass der begnadete Ingenieur solche Meisterwerke zuhinterst in einem einsamen Bergtal errichten musste, wo sie hauptsächlich von Kälbern und Traktoren genutzt werden, ist Folge einer tragischen Verkennung seiner innovativen Schöpfungen durch die damalige Öffentlichkeit. Amtsstellen begegneten ihm teilweise mit grossem Misstrauen und schikanierten ihn mit absurden Auflagen.
Freie Hand beim Gestalten fand Maillart primär in abgelegenen Gegenden. Sein Glanzstück steht denn auch nicht etwa in einer grossen Stadt, sondern im bündnerischen Salginatobel. Eine über 130 m lange Stahlbetonbrücke spannt sich dort straff und grazil wie ein zum Sprung bereites Raubtier über den Abgrund. Die Konstruktion wurde ein halbes Jahrhundert nach Maillarts Tod geadelt, indem man ihr ein internationales Prädikat verlieh, das gleichsam als Nobelpreis des Ingenieurwesens gilt. Weltweit gibt es bloss etwa 30 herausragende Bauwerke mit der entsprechenden Auszeichnung. Dazu gehört beispielsweise der Eiffelturm in Paris. Zum Abschluss der Wanderung im Lombachtal bekamen die Aaronauten somit noch eine gute Prise Weltläufigkeit zu schnuppern.
Routenbeschreibung: Wanderung Habkern-Traubachalp-Widegg-Habkern