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Normwandern an der Juraklippe

In der Twannbachschlucht
In der Twannbachschlucht

Die Aare spricht – bzw. strömt, rauscht und sprudelt – auch Französisch: Einige (allerdings nur wenige) ihrer Nebengewässer entspringen in der Romandie. Einem davon war die jüngste Aaronauten-Expedition vom 26. Juni 2016 gewidmet: Der Aufstieg auf den Tessenberg führte uns dem Ruisseau de Vaux entlang. Gleichentags begegneten wir noch einem zweiten Aare-Zufluss, nämlich dem Twannbach. Der klingt ziemlich deutsch, aber das täuscht, denn er entspringt zwischen Diesse und Nods; zudem sprach man vor 300 Jahren selbst dort, wo er in den Bielersee mündet, Französisch – das Dorf, das heute Twann genannt wird, hiess damals noch Douanne.

Die Topografie in dieser Ecke der Schweiz ist recht eigenwillig. Auf unserer Wanderung kamen wir zu einem Berg, der kein Berg ist, und sahen eine Insel, die keine Insel ist. Am Chasseral springt der Jura hinunter ins Mittelland, aber bevor er sich in den Bielersee stürzt, macht er noch einen Zwischenhalt, nämlich auf der Montagne de Diesse, die eben grad alles andere als ein Berg ist, sondern ein ausgedehntes Plateau. Gegen Süden nimmt die Hochebene ein jähes Ende, indem sie wie eine Klippe gegen den See hin abfällt.

Der Bannerträgerbrunnen wacht über die Altstadt von La Neuveville.
Der Bannerträgerbrunnen wacht über die Altstadt von La Neuveville.

Als Aarewanderer erlebe ich immer wieder Überraschungen, was die Zusammensetzung der Gruppe betrifft. Da wir auf Anmeldeprozeduren verzichten, weiss ich nie genau, wer kommt. Manchmal nehme ich an, die Route sei wohl eher unattraktiv, und dann sind wir zu zehnt unterwegs. Diesmal dachte ich, die unter den Aaronauten recht kräftig entwickelte Essfraktion dürfte von der Aussicht auf Chasselas und Treberwürste scharenweise angelockt werden, doch wieder war es anders: Am Ausgangspunkt fand sich einzig Evi ein, die mittlerweile zur eifrigsten Aaronautin avanciert ist, aber wie ich weder Weisswein noch Würste mag. Es ergab sich somit eine Duowanderung.

In La Neuveville, wo wir starteten, hielt man gleich gegenüber dem Brunnen mit der Statue einen Freilichtgottesdienst ab. Wir fragten uns, wie oft die Veranstalter in den vergangenen Tagen den Wetterbericht konsultiert hatten, um herauszufinden, ob sie angesichts der garstigen Prognose nicht doch lieber brav in der Kirche bleiben sollten. Offenbar waren sie risikofreudig gewesen, und ihr Wagemut wurde jetzt fürstlich belohnt. Hell glitzerte das Sonnenlicht in den Gassen der schmucken Altstadt, die Häuser und Plätze glänzten selbstzufrieden, die Menschen waren sonntagmorgendlich aufgeräumt. Wir schritten frohgemut bergan.

Kurz vor der Mündung in den See durchfliesst der Ruisseau de Vaux Weinberge.
Kurz vor der Mündung in den See durchfliesst der Ruisseau de Vaux Weinberge.

Nach kurzem Aufstieg kamen wir zu einem hübschen Wasserfall im Wald. Dort trafen wir auf ein wortkarges Dreiergrüppchen von jungen Wanderern. In den folgenden zwei Stunden sollten sie mehrmals unseren Weg kreuzen. Oder besser gesagt würden wir ihnen immer wieder in konstantem Abstand begegnen. Wie sich nämlich alsbald zeigte, schienen wir exakt dasselbe Marschtempo zu haben wie sie. Erst als wir irgendwann ein paar Minuten Pause machten, verloren wir das gleich getaktete Trio aus den Augen.

Das aktuelle Aaronauten-Expeditionsteam beim Ruisseau de Vaux
Das aktuelle Aaronauten-Expeditionsteam beim Ruisseau de Vaux

Auf dem Chemin du Pilouvi in Lignières begegneten wir einer interessanten Szenerie, die uns einiges Kopfzerbrechen bereitete. Zertrümmerte Antikmöbel, morsches Altholz und neuere Designstücke standen in froher Durchmischung im Freien herum. Was lag hier vor – das Aussenlager eines extrem unordentlichen Bauunternehmers oder das Freilichtatelier eines Künstlers mit Holzaffinität? Noch drängender war die Frage: Was ist hier Abfall, was Neukonstruktion, und was bewegt sich im Übergang zwischen diesen beiden Daseinsformen?

Wir wollten zur Twannbachschlucht und liessen daher Spekulation und Recherche bleiben. Wenig später folgte ein weiterer Beleg dafür, dass man in der Gegend eine eigenwillige Vorstellung von Ordnung hat: Vor uns öffnete sich der Ausblick in die wunderschöne Hochebene – untermalt (bzw. getrübt, je nach Sichtweise) von etwa 60 fein säuberlich aufeinandergestapelten Silo-Plastikballen.

Kreative Ansätze bei Lignières
Kreative Ansätze bei Lignières

Der anschliessende Abschnitt vermittelte Wandergenuss ohnegleichen: Ein breiter Mergelweg zog sich zwischen Wiesen, Hecken und Wäldchen dahin, am Himmel herrschte dramatisches Getue mit Wolken und hervorblitzender Sonne, zwischendurch gab es freie Sicht zum Chasseral, einem eigentlich schönen Berg mit allerdings grässlich verunstaltetem Gipfel (Antenne, Parkplatz u. dergl.). Und auf einmal präsentierte sich kurz eine fast unwirkliche Szenerie mit einem Kornfeld, dahinter einer Koppel mit zwei keck herumäugenden Pferden, alles getaucht in das goldene Licht dieses hochsommerlichen und doch kühlen Nachmittags.

Mittagsrast machten wir in Prêles. Die Uhr zeigte 13.07 h an. Ich halte das nicht fest, um abzuschrecken («Wie bitte, Picknick erst nach eins? Was für ein Wahnsinn!!»), sondern um darauf hinzuweisen, dass wir hyperpräzis in der berechneten Marschzeit lagen. Wir waren um 10.04 in La Neuveville gestartet, waren somit seit 183 Minuten unterwegs. Zwischendurch hatten wir 13 Minuten Pause gemacht, waren aber im Übrigen stets brav und gleichmässig marschiert. Das ergibt netto 2 h 50 min – exakt so viel hatte die Marschzeitberechnung auf SchweizMobil prognostiziert. Der Wegweiser verhiess uns nochmals 1 Stunde 10 Minuten bis Twann. Wenn unser Timing weiterhin so zuverlässig war, dann würden wir exakt auf die mathematisch ermittelten vier Stunden Marschzeit kommen. «Wir scheinen richtige Normwanderer zu sein», frohlockte Evi mit subtiler Ironie.

Konstanter Abstand am Tessenberg
Konstanter Abstand am Tessenberg

Während unseres Lunchs sahen wir von weitem einen Hund heranrennen. Er näherte sich zielstrebig unserem Rastplatz, schnappte sich einen herumliegenden Holzstock, legte ihn uns wie zufällig vor die Füsse und warf uns einladend-auffordernde Blicke zu. Irgendwann erbarmte sich Evi, ergriff das Holz und schleuderte es weg. Von diesem Augenblick an bis zum Eingang der Schlucht waren wir abonnierte Sparringpartner. Unser Apporteur verliess uns erst, nachdem eine andere, ihm wohl noch wurffreudiger erscheinende Wandersfrau unseren Weg kreuzte.

Über die Twannbachschlucht braucht an dieser Stelle nicht gross Worte verloren zu werden, denn sie zählt seit Generationen zum Kanon der Schweizer Standardschulreisen. Eindrücklich ist die spezielle Mischung von wilder Natur und verbautem Weg aber alleweil. Und der Obolus von 2 Franken pro Nase, den man am Kassenhäuschen beim unteren Schluchtende zu entrichten hat, ist noch immer ebenso kurios wie unzeitgemäss.

Himmel und Erde in farbenfrohem Dialog
Himmel und Erde in farbenfrohem Dialog

Ausgangs der Twannbachschlucht entfaltete sich vor unseren Augen ein dramaturgischer Höhepunkt: Landschaft und Sichtfeld öffneten sich, wir sahen den Bielersee und in der Ferne die St. Petersinsel, die seit der Juragewässerkorrektion bekanntlich nur noch eine Halbinsel ist.

Nach genau 4 Stunden und 1 Minute Marschzeit kamen wir in Twann an. Wahrscheinlich hatte uns der kontaktsüchtige Hund halt doch ein paar Augenblicke aufgehalten bzw. aus unserem Normtritt gebracht. Auf der Rückfahrt sass im Abteil hinter uns eine Gruppe, von der ich bis anhin nicht gewusst hatte, dass es so etwas gibt, nämlich Kinder-Synchronschwimmerinnen. Die Mädchen waren offenbar unterwegs an einen Wettkampf und repetierten ihre Choreografie – behelfsmässig nicht unter Wasser, sondern auf den Zugsesseln. Dazu verschlangen sie sackweise Saure Zungen. Im Pool würde das wohl weniger gut funktionieren.

Auf dem Schluchtweg hinunter nach Twann
Auf dem Schluchtweg hinunter nach Twann