
Gemessen an all den Gefahrenhinweisen und Warntafeln, denen die Aaronauten am 9. April 2017 unterwegs begegneten, war ihre Tour ein echter High-Risk-Hike. Vielleicht lag es daran, dass zwar eine Art leichte Bergwanderung auf dem Programm stand, diese aber gleichsam kopfüber durchgeführt wurde: Erst stiegen wir ab, dann marschierten wir geradeaus, schliesslich ging’s zackig aufwärts.
Mit dem Fleissig-mahnen-und-zu-bedenken-geben fing es gleich in Goldiwil an: Kaum hatten wir den Choleregraben erreicht, schockte uns ein handgelismetes Schildli mit der Botschaft, weiter unten sei eine Brücke weggerissen worden, weshalb das Bachbett zu Fuss durchquert werden müsse, wovon abgeraten werde. Manche von uns mussten sich dann tatsächlich ein klein wenig zusammenreissen, als wir das schmale Rinnsal überschritten, das sich zwischen griffigen Steinplatten dahinschlängelte.

Der Hünibach kann allerdings auch ganz anders tun (d.h. wesentlich gröber daherkommen), jedenfalls weiter unten. Dort hat er nämlich eine zünftige Schlucht geformt, die man bei einem heftigen Gewitter lieber nicht durchqueren möchte. Schön und eindrücklich war es jedoch am heutigen sonnigen Frühlingstag, durch diesen prachtvollen Graben zu wandern. Wir begegneten sogar einem richtigen Märchenprinzen im Larvenstadium: In einer Spielzeugseilbahn konnte man einen grünen Plüschfrosch über den Bach hinwegkurbeln. Unter den Aaronautinnen wurde kurz der Gedanke erörtert, den glitschigen Knaben wachzuküssen. Aufgrund der Vorstellung, wie er sich verwandeln und dadurch die winzige Gondel sprengen würde, wurde die Idee indessen rasch wieder verworfen.
Mehr als einem Dutzend Bächen begegneten wir im Verlauf der Wanderung. Weil jeder von ihnen sein Wasser in den Thunersee und damit in die Aare trägt, erlebten wir damit zumindest hinsichtlich der Stückzahl einen quantitativen Zufluss-Rekord. Die Wassermengen in den einzelnen Gräben und Gräblein zeigten sich allerdings wegen der wochenlang trockenen Witterung relativ mager.

Besonders ausgemergelt war der Louelibach: Einzig massive Dämme verrieten, dass durch die trockene Steinwüste zuweilen tatsächlich Wasser fliesst. Dem offenbar höchst launischen Wildbach hatte man ein eigenwilliges Korsett verpasst: Quer im Bachbett stand eine hohe Mauer, an deren unterem Ende ein Metallrohr eingelassen war. Als wir hindurchguckten, sahen wir dahinter zwei monströse Pfosten, die wie Beine eines Riesen aussahen. Wie es hier wohl zu und her geht, wenn die Wasserfluten grosse Felsblöcke an die Sperre schieben? Man möchte eher nicht in der Nähe sein…
Die Gefahrenherde folgten nun Schlag auf Schlag. Beim Picknickplatz kurz vor Burech lud eine mobile Toilette die Damenwelt zu zivilisierter Erleichterung ein. Allerdings gab es kein fliessendes Wasser und dadurch auch keine Gelegenheit zu schicklicher Händereinigung, was einen Teil der Herrenwelt zu vollkommen berührungsfreiem Wandern veranlasste, bis beim nahen Feuerwehrmagazin das Hygienedefizit weggespült werden konnte.

Nachdem die Diskussion damit vorübergehend ein etwas tieferes Niveau erreicht hatte, lagen eigenartige Wortspiele in der Luft. Vom nahen Oberhofen fiel die Rede auf ein mysteriöses Unterhofen. Da lag natürlich ein gewisser Kalauer förmlich auf der Zunge, doch erst Evi traute ihn von dort in die Umlaufbahn zu schicken. Die Assoziationskette wurde flugs weiterentwickelt, bis sich die seltsame Vorstellung von Slips mit Hosenträgern einstellte – was Urs, der wegen eifrigen Brillenputzens momentan den Anschluss verpasst hatte, verwundert feststellen liess: «Ähm – Entschuldigung, wo seid Ihr gerade?»
Im Tannebüel kam schon der nächste Hammer: Eine Tafel am Wegweiser gelobte, der Wanderweg könne «auch bei Schiessbetrieb in beiden Richtung gefahrlos begangen werden», was wohl so zu verstehen ist, dass man hier nicht nur im Diesseits, sondern auch ins Jenseits wandern kann. Monika wurde es allmählich zu bunt, und als es wenig später kurz, aber dramatisch aufwärtsging, entschied sie, nach Oberhofen abzusteigen, wo sich mit einem Magnum zu befassen gedachte. So unterschiedlich können Bedürfnisse manchmal sein: Urs hoffte demgegenüber inständig, jetzt bloss nicht abwärts gehen zu müssen, marschierte deshalb unerschrocken bergan und jagte furchtlos an der nächsten Warntafel vorbei: «Vorsicht Steinschlag, nicht verweilen, Begehung auf eigenes Risiko!» Der Magnum-Virus war allerdings auch bei ihm eingewurzelt, wie sich später zeigen sollte.

Uns stand der wohl spektakulärste Abschnitt des Tages bevor. Einer senkrechten Nagelfluhwand entlang marschierten wir auf einem Holztreppchen zur Balmflue hinüber und betraten eine grandiose Zauberlandschaft: Überall ging es hinauf und hinunter, zwischen den Bäumen ragten riesige Felspilze in die Höhe, auf denen wiederum Wald wuchs, dazwischen dehnten sich riesige Moos- und Farnpolster aus, die wahrscheinlich schon zur Zeit der Dinosaurier so urwüchsig ausgesehen hatten.
Die nächste Warnung ignorierten wir erneut frohgemut: «Bei Schneeschmelze im Frühling und bei Regenwetter ist das Überschreiten der Wildbäche erschwert oder gar unmöglich.» Der nahe Riderbach erwies sich als eher kümmerliches Wässerchen. Neckischerweise gab es an der Stelle, wo er sich in einen Wasserfall verwandelt, weder Tafeln noch Geländer. Dabei kann man sich dort auf recht elegante und extrem unkomplizierte Weise 30 m senkrecht in die Tiefe stürzen: Es genügt, wenn man an die Geländekante tritt und dann noch ein Schrittchen weiter geht. Evi kriegte jedenfalls sichtlich weiche Knie, als sie ihren tapferen (bzw. leichtsinnigen) Wandergenossinnen und –genossen beim Auskosten der Tiefblicke zuschaute.

Später wanderten wir durch Aeschlen. Dazu gibt es an dieser Stelle einzig zu vermelden, dass wir geneigt waren, das Dorf als Berner Oberländer Kitschkapitale einzustufen. Grund dafür war einerseits ein Gesträuch, das mit etwa tausend Plastikeiern behängt war (jaja, Ostern, ich weiss – und doch…), andererseits eine Phalanx von eingetopften Buchsbäumen, die wohl von einer Art Gartencoiffeur zu Teddybären und anderen Figuren aus dem Disney-Universum zurechtgeschnipselt worden waren. Ich sage es immer wieder: Wandern weitet den Horizont – es ist doch wahrhaft unglaublich, was es alles zu entdecken gibt in der Welt!
Nun stand uns noch das Dessert der Tour bevor, doch wir vermochten uns nicht auf eine gemeinsame Bestellung zu einigen. Bei den Aaronauten ist die Fraktionsbildung jüngst ja grad so richtig in Mode gekommen. Die einen spazierten also stracks über die Hängebrücke Richtung Magnum, während die anderen den Schluchtweg wählten. Die Gumischlucht bietet von oben natürlich einen reizvollen Anblick, aber ich muss bekennen, dass mir die Durchquerung auf dem schmalen Fussweg schon noch ein bisschen besser gefiel. Man kann dort unten spektakuläre Blicke ins tief eingeschnittene Bachbett werfen. An mehreren Stellen sprudelt der Guntenbach über runde Steinblöcke hinweg, die zwischen den fast senkrechten Felswänden eingeklemmt sind und wie Dinosauriereier aussehen.

Auf der anderen Seite des Grabens ging es steil nach Sigriswil hinauf, was zwar ordentlich anstrengend war. Doch das finale Feuerwerk an Natureindrücken hatte Ruth und Cornelia offenbar dermassen erquickt, dass sie in geradezu provozierender Frische die Bushaltestelle bei der Kirche erreichten. Dort bot sich uns ein überraschend kläglicher Anblick: Die Bequemfraktion hing nämlich halbtot in den Seilen. Urs jammerte kleinlaut, sie hätten kein Magnum im Dorf. «Für dich heisst das in dem Fall offensichtlich Magnümm», konstatierte Ruth.
Routenbeschreibung: Wanderung Goldiwil-Sigriswil
