
Das Land der Aare ist gross, weit, vielfältig und mitunter auch ein bisschen unübersichtlich. Am 9. Oktober 2016 ging’s in den Jura, konkret: ins Tal der Dünnern im Solothurnischen. Wasser spielte auf dieser Etappe nur eine Nebenrolle. Das Nebenflüsschen der Aare sahen wir erst ganz am Schluss. Der Wolfsbach, ihr Zufluss, dem wir eigentlich folgen wollten, war komplett ausgetrocknet. Von oben gab es immerhin ein paar Tropfen, und zudem hing viel Feuchtigkeit in der Luft, nämlich in Form von Nebel.
Statt mit dem Wasser hatten wir es diesmal eher mit den Tieren – Gänse, Kühe, Ziegen, Wölfe und dergleichen kreuzten unseren Weg, einiges davon zumindest gedanklich. Ungewöhnlich war die Zusammensetzung der Wandergruppe: Neben mir waren einzig Frauen dabei. Das verlockt mich, ein prekäres Minenfeld zu betreten, indem ich die heikle Frage in den Raum stelle, ob sich das Gender-Dings eigentlich auch beim Wandern zeigt. Mit anderen Worten: Wandern Frauen anders?

An dieser Stelle muss ich eine Begebenheit einflechten, die sich wenige Tage zuvor auf einer anderen Wanderung zugetragen hatte. Wir waren zu zweit in stiller, einsamer Karstlandschaft unterwegs, als plötzlich Geplauder zu hören waren. «Da kommt ein ganzes Rudel», konstatierte mein Begleiter, und ich glaubte ebenfalls, mindestens ein Dutzend Stimmen unterscheiden zu können. Tatsächlich kreuzten dann 2 (in Worten: zwei) Frauen unseren Weg. Ich will das Klischee des weiblichen Kommunikations-Multitaskings aber nicht einfach so im Raum stehen lassen, sondern ihm gleich noch den alten Witz von den «Männer-Gesprächen» dazugesellen – man versteht darunter scheint’s anhaltendes Schweigen in einer Herrenrunde.
Und damit zurück zur Jurawanderung. Als Christa beim Ausgangspunkt die etwas einseitige Geschlechtsverteilung überblickte, attribuierte sie mich neckisch als Ober-Enterich. Sie war heute zum ersten Mal dabei, ebenso wie Ruth. Die beiden Debütantinnen hatten möglicherweise noch nicht mitbekommen, dass ich die Rolle eines Wanderleiters hartnäckig verweigere. Ich sah grosszügig darüber hinweg und watschelte voraus.
An einem hübschen Kirchlein vorüber stiegen wir bergwärts. Als ich anderntags recherchieren wollte, wie das Bauwerk heisst, stiess ich auf eine kuriose Information: Man könne die Kapelle St. Joseph (so der Name) kaufen, und zwar auf Ricardo («Zustand: Gebraucht»). Der Verkäufer hatte allerdings ein klitzekleines Detail anzugeben vergessen: Es handelte sich nicht um die Kapelle selbst, sondern um eine alte Postkarte davon. Vielleicht war das der Grund, weshalb er die Auktion ergebnislos hatte schliessen müssen.

Danach ging’s in den Wald und aufwärts. Gleichmässig zog sich der schmale Pfad zwischen den dezent herbstlich gestimmten Bäumen dahin. Überall gab es Buchnüsse: Sie fielen mit zartem Plumpsen auf Steine und Äste, sie türmten sich im Laub, sie lagen auf dem Weg und knackten leise, wenn man darüber schritt. Wunderschön war dieser Aufstieg in einer von friedvoller Ruhe erfüllten Landschaft. Zwischendurch fiel mir auf, wie still auch wir selbst waren. Man könnte sagen, dass meine Begleiterinnen sich Männergesprächen hingaben (mit dieser Feststellung sei das Gender-Thema hiermit abgeschlossen).
Am Malsenberg erreichten wir die Krete der zweiten Jurakette. Vom hier sonst üblichen Weitblick war heute nichts zu sehen; wir waren ins Zentrum der Wolken vorgedrungen. Nebel zog über die Weiden und verwandelte die vereinzelt herumstehenden Bäume in mystische Gestalten. Später begann es zu tröpfeln.

Im Land der Aare sind die Wege meist recht leicht zu finden: Einfach dem Wasser entlanggehen, dann kommt man schon ans Ziel. Hier war es anders. Die Dünnern, der Nebenfluss des Tages, eignet sich nicht für eine attraktive Uferwanderung – den grössten Teil ihres Laufs säumen Strassen, Bahnlinien und Industriegebiete. Also umkreisten wir den Fluss mittels einer Höhen- und nachfolgenden Schluchtwanderung.
Das stellte erhöhte Anforderungen ans Orientierungsvermögen von – naja, wem wohl? Irgendwie rechnete männiglich dann doch damit, dass ich den Leithammel spiele. Allein, ich scheiterte furios. Schon beim Malsenberg schlug ich die falsche Abzweigung ein und wählte einen Phantomweg, der stracks talwärts führte. Uns blieb nichts anderes übrig, als umzukehren und wieder aufzusteigen.

Rasch geriet ich in einen dezidierten Steigmodus, der beim Probstenberg eine gefährlich selbstsichere Dimension erreichte. Als man mich schonend fragte, ob ich sicher sei, dass der Weg wirklich hier hinauf und nicht vielleicht eher dort hinüber etc. etc., gelang es mir vorerst, mir nichts anmerken zu lassen. Doch dann stiegen wir vom Hintere Brandberg ab, und es ging 1.) runter, 2.) runter, 3.) runter. Also insgesamt sehr gründlich und anhaltend abwärts.
Irgendwann kramte ich mit maximaler Diskretion die Wanderkarte hervor und begann sie so beiläufig wie möglich zu studieren. Allein, es war unmöglich, etwas zu verbergen, denn hinter mir marschierten fünf äusserst aufmerksame Frauen, die jede meiner Regungen und Handlungen akribisch beobachteten und vermutlich mit wachsendem Misstrauen auswerteten.

Ich entschied mich deshalb für eine entlastende Massnahme in Form eines frontalen Geständnisses: Es sei möglicherweise damit zu rechnen, dass wir die Schlucht unter Umständen vielleicht eventuell verfehlen würden. Man gab sich gelassen. Doch als wir nach geraumer Zeit dann doch glücklich einen Wegweiser erreichten, der wohlorganisiert zur Wolfsschlucht wies, machte sich allgemeine Erleichterung breit (insbesondere bei mir).
Nicht zuletzt wegen meiner Eskapaden konnten wir unsere Mittagsrast nur mit einiger Verzögerung antreten. Margreth unternahm schon mal einen zarten Versuch, auf das Kaffeeangebot in der nahen Bergwirtschaft hinzuweisen, doch mehrheitlich wurde entschieden, am sog. Konzept festzuhalten und im Freien zu picknicken. Nach einem aussichtsreichen Sitzbänkli hielten wir so lange erfolglos Ausschau, bis Christa ihre Notschoggi zücken musste, sehr zur Erbauung einiger Mitwanderinnen, die augenscheinlich nur auf diese Zwangslage gepässelt hatten.

Unseren Imbiss hielten wir am Rand einer grossen Weide ab. Massige Kühe schoben sich durch den Nebel. Eine davon entbrannte in regem Interesse an uns, kam herbei und guckte uns lange und intensiv an, wie wenn wir Meisterwerke an einer Museumswand wären. Als sie mit ihrem Studium fertig war, drehte sie uns ihr rückwärtiges Gesicht zu und erleichterte sich.
Später entschlossen wir uns dann doch, gegen Regel, Konzept und Usanz zu verstossen: Wir gingen uns im Hinter Brandberg aufwärmen. Die Bergbeiz war übervoll und überheizt, aber wir bekamen dennoch Platz und Trunk. Auf den Tischen lagen gewaltige armierte Teigrohre, die vom Wirt als hausgemachte Nussgipfel gepriesen wurden. Kinder kamen und verwickelten Cornelia sogleich in papierene Schnippschnapp-Spiele.

Man hätte ewig bleiben mögen in diesem Pfuhl der Gemütlichkeit. Doch die (zugegebenermassen etwas instabile) Perspektive hinsichtlich Wolfsschlucht zog uns alsbald wieder hinaus. Die Schlucht war grossartig, auch wenn im Bach seltsamerweise kein Wasser floss. Erosionsspuren im Bachbett und entlang der Felswände zeigten uns ziemlich drastisch, dass es hier auch anders zu und her gehen kann. Wenn reichlich Wasser kommt, dann möchte man jedenfalls nicht dort unterwegs sein.
Margreth war merkwürdig ruhig-zappelig geworden. Das lag aber nicht an der Wolfsschlucht, sondern am Umstand, dass ihr Handyakku daran war, den Geist aufzugeben. Ihre Identität hatte sich dadurch nach eigenem Bekunden um ca. 50% reduziert. Doch die Lücken der Technik können manchmal gnadenreich sein. Im Wald begann sie nämlich auf einmal zu singen. Herbstlieder und Wanderlieder schwangen durch die Luft. Beim Freischütz musste sie allerdings passen, da ihr digitaler Souffleur definitiv keinen Saft mehr hatte.
Routenbeschreibung: Wanderung Gänsbrunnen – Hammerrain