Es sei an erster Stelle eingeräumt: Die Wanderung vom 24. März 2019 beruhte auf einem Missverständnis. Oder auf Unvermögen. So oder so wird dies Folgen haben.
Mindestens drei Limpäche, Limpachs oder Limpächer (wie auch immer sie in der Mehrzahl heissen mögen) gibt es im Kanton Bern. Der bekannteste davon ist ein solothurnisches Erzeugnis, das in einem nach ihm benannten Tal auf einer längeren Strecke die Kantonsgrenze bildet, bei Bätterkinden vollauf bernisch wird und schliesslich bei Wiler in die Emme mündet (die dann später wiederum in die Aare fliesst). Ein Aare-Nebenfluss zweiten Grades also und damit nicht konform mit dem Konzept «Aare reloaded».
Folglich befassten wir uns mit seinem Vetter in der Agglomeration Thun. Limpach 2 fliesst von Kirchdorf zunächst nach Süden Richtung Uetendorf, überlegt es sich dann aber anders und beschreibt eine tollkühne 180-Grad-Kurve, um sein Wasser bei Uttigen vertrauensvoll der Aare zu überreichen. Beim Recherchieren entging mir allerdings eine wesentliche Einzelheit: Den letzten Kilometer bis zur Mündung legt Limpach 2 nicht solo zurück, sondern gemeinschaftlich mit dem Glütschbach, und weil das Fusionsprodukt nach letzterem benannt wird, ist Limpach 2 streng genommen gar kein Aare-Zufluss, jedenfalls nicht gemäss erwähntem Konzept. Die Folgen sind klar: Das Konzept muss künftig entweder mit vermehrter Konsequenz eingehalten – oder aber geändert werden.
Ich bin für den zweiten Ansatz. Es war ja schon mal ein Entwicklungsschritt von der Aare als Basis zur Öffnung nach «Reloaded». Science-Fiction-Kenner ahnen, was die nächste Stufe sein wird: «Aare Revolutions»!
Bis es soweit ist, muss die vorliegende Tour allerdings als Mogelpackung eingestuft werden, und dies erst noch in doppeltem Sinne. Sie kam nämlich in gefährlicher Tarnung daher, indem sie sich als leichter, höchst einfacher Spaziergang gab. Von der psychischen Leistung her, die es beim Beschreiten zu erbringen galt, war sie jedoch etwas vom Anspruchsvollsten, was die Aaronauten in ihrer gesamten Expeditionskarriere je zu bewältigen hatten. Damit sind nicht die Asphaltstrapazen angesprochen, die am Anfang quer über die Gürbe-Ebene auszuhalten waren, auch nicht der Umstand, dass sich der Gerzensee den Wanderern bloss aus keuscher Distanz und nicht auf intimem Uferweg zeigte. Die wahre Herausforderung begann in Kirchdorf. Ein Marsch durch das Limpachtal ist nämlich beides zugleich: stinklangweilig und wunderschön. Das ist mithin ein schwierig auszuhaltendes Spannungsfeld. Etwa so, wie wenn die Füsse in Eiswasser stecken, während man sich mit einem kaputten Föhn die Haare grilliert.
Die prachtvolle Seite der Medaille verdankte sich der grossartigen Aussicht. Über dem frühlingshaft grünen Gras ragte der noch immer schneebedeckte Niesen wie ein kristalliner Vulkan in den Himmel – schön und doch aus sicher-angenehmer Distanz anzuschauen, also just so, wie besonders Flachländer die Berge mögen. Die Kehrseite war der Weg an sich, ein zwar hübsches Gebilde mit Kiesoberfläche, das sich allerdings schnurgerade durch die Ebene zog. «Langweilig», wurde da und dort gegrummelt. Die Schritte beschleunigten sich unwillkürlich. Eine Vorhut bildete sich heraus, die es sich unbewusst in den Kopf setzte, die monotone Angelegenheit zügig hinter sich zu bringen.
Noch andere Prüfungen lauerten unterwegs. Wir hatten Frischlinge dabei. Herbert, einer von ihnen, erkundigte sich schon vor der Mittagspause vorsichtig nach einem Kaffeehalt – in Kirchdorf gebe es ein famoses Etablissement. Als wir nach der Rast weiterbummelten und zwanzig Minuten später just dort vorbeikamen, erneuerte er seinen Vorschlag. Ich erbarmte mich und liess abstimmen, aber ausser Vogelgezwitscher und zwei vorbeifahrenden Automobilisten waren in der Umgebung vorübergehend keinerlei Lebenszeichen festzustellen.
Das Drama erfuhr später gar noch eine Steigerung: Doris hatte dem Imperativ ihrer schmerzenden Füsse gehorcht, sich vorzeitig von der Wanderung ausgeklinkt, war dann auf komplizierten Wegen mit Bus, S-Bahn und Auto ans Routenziel Uetendorf gefahren und schlug nun einen Umtrunk vor. Doch das Aaronauten-Grüppchen blieb verstockt. Die Januar-Eskapaden im Rössli Oberbipp hatten offenbar eine ausserordentlich nachhaltige Wirkung.
Vielleicht liegen in diesem Zusammenhang allerdings auch erbliche Differenzen vor. Es gibt ja Menschen, die hauptsächlich wandern, um einzukehren. Der «Wander-Fritz» etwa predigt immer wieder das Evangelium der Wirtschaftsförderung: Ein anständiger Wandermensch bekenne sich zur Trias von Startkaffee, mittäglicher Einkehr und Abschlussbier. Ich vermute, dass mir in dieser Beziehung ein Gen fehlt. Wandern ist für mich halt eher das «Ding an sich», also das Gehen und Unterwegssein, die ständig sich verändernden Perspektiven, das Schauen und Riechen und Hören, das Reden und Schweigen. Die «Idee Gasthaus» braucht es da nicht zwingend.
Für Herbert allerdings schien es weniger um diese Idee zu gehen, sondern vielmehr um einen handfesten Benzinschub: Sein Metabolismus dürstete nach Koffein. Nächstes Mal werde ich ihm zum Auftakt einen Becher aus dem Selecta-Automaten spendieren.







