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Lieferanten en gros

Gute Ausrüstung gibt oft auch eine gute Laune.
Gute Ausrüstung gibt oft auch eine gute Laune.

Die Wettervorhersage war entsetzlich: Heftige, andauernde und teilweise intensive Niederschläge wurden angekündigt. Die Realität war an diesem 17. April wesentlich angenehmer. Die Anreise war trocken verlaufen; erst in Innertkirchen begann es zaghaft zu tröpfeln. Die Aaronauten begannen dennoch, kaum dem Zug entstiegen, die erste Stufe auf der Regenschutzskala zu zünden. Der Tenüwechsel sollte nicht der letzte des Tages sein.

Wir hatten es heute mit wenig klingenden Namen unter den Aare-Zuflüssen zu tun. Statt Grosslieferanten wie Reuss, Kander oder Saane standen Winzlinge auf dem Programm, diese dafür gleich im Dutzend. Den Auftakt machte das Milibächli im Innertkirchner Ortsteil Bottigen. An einem hübschen Plätzchen im Wald hatte das Wasser ein ganz eigenartiges Bett gewählt: Es floss wie in einem Tunnel unter einem Baum hindurch. Der Anblick war magisch. Barbara zeigte sich überzeugt, an einer solchen Stätte seien Elfen und Trolle nicht weit. Ausschau hielt sie allerdings erfolglos.

Nicht zum ersten und auch nicht zum letzten Mal an diesem Tag: Tenüwechsel
Nicht zum ersten und auch nicht zum letzten Mal an diesem Tag: Tenüwechsel

Das Gadmerwasser überquerten wir rasch und diskussionslos – es ist kein Bächlein, sondern ein stattlicher Fluss, dem es zu gegebener Zeit eine eigene Tour zu widmen gilt. Dafür verdient eine andere Flüssigkeit Erwähnung, die sich auf den bisherigen Wanderungen im Land der Aare noch ausgesprochen rar gemacht hatte, sich aber jetzt mit zunehmendem Drängen auf die Bildfläche schob: Es regnete, und das fiel uns ausgerechnet beim Wegweiser «Wyler/Sunnsyten» in aller Deutlichkeit vor Augen.

Ich sag’s jetzt trotzdem, auch wenn vermutlich nicht alle diese Meinung teilten: Es war ein ausgesprochen schöner Regen – gleichmässig vom Himmel fallend und nicht übertrieben nässend, weder eisig kalt noch böig wirbelnd, sondern bedächtig und frühlingshaft mild. Ein wunderbarer Landregen eben, wie man ihn sich kaum gemütlicher wünschen könnte. Es sei allerdings nicht verschwiegen, dass uns die Kombination von lauer Temperatur und exorbitanter Luftfeuchtigkeit tüchtig ins Schwitzen brachte.

Das Milibächli unterquert einen Baum.
Das Milibächli unterquert einen Baum.

Über eine Bergwiese voll blühender Schlüsselblumen stiegen wir steil auf. Sonst wird oft recht fleissig kommuniziert im Kreis der Aaronauten, doch jetzt herrschte eine annähernd klösterliche Stille: Eine Prozession von kapuzenbedeckten Nonnen und Mönchen schlängelte sich schweigend den Hang hoch. Das Gezwitscher einiger unverdrossener Vögel und das «Sch-sch-sch» der aneinander reibenden Regenhosen waren die einzigen Geräusche weitherum.

Mittagsrast hielten wir im Grüöbi. Bei einer Hütte entdeckten wir unter einem Dachvorsprung einen Satz uralte Gartenstühle. Wir pflanzten uns hin, picknickten und guckten den Regentropfen zu, wie sie zur Erde fielen. Wenig später gelangten wir ins Gebiet Syten, wo sich uns ein malerisch-wilder Anblick bot: Auf einer sanft geneigten, von Bergwald umgebenen Wiese stand eine Scheune, davor ein Baum, und neben diesem lag ein Felsblock, der mindestens so gross war wie das Gebäude. An der Seite dieses verschleiert dramatischen Ensembles plätscherte das Moosbächli zu Tal. (Übrigens: Man kann diesen und viele andere Namen von Gewässern dem Geoportal des Kantons Bern entnehmen.)

Das Land der Aare kann auch ganz schön steil tun: Abstieg durch den Föhrenwald nach Bergschwendi.
Das Land der Aare kann auch ganz schön steil tun: Abstieg durch den Föhrenwald nach Bergschwendi.

Kurz darauf kamen wir zu einer diskret heimtückischen Passage. Manche Leute sind ja überzeugt, es brauche mindestens einen schmalen und ausgesetzten Gratweg, damit man gründlich abstürzen könne. Weit gefehlt! Hier bewegten wir uns auf einem unverfänglich scheinenden Pfad, der durch prachtvollen Föhrenwald führte. Rechts stieg das Terrain felsig an, links ging es ebenso steil ein Grasbord hinunter. In der Tiefe erblickten wir mit stillem Grausen die Kabel einer Hochspannungsleitung.

Bei Bergschwendi überquerten wir den Brachbach. Ein bisschen weiter unten kamen wir zum höchstgelegenen Berner Weinberg. Dieser ist Teil eines kleinen Paradieses: Auf der einen Seite der Rebenreihen steht ein herziges Hüttlein mit Aussichtsbank, auf der anderen Seite hat es einen Karpfenteich. Weintrinkende Fischliebhaber, die sich für ein opulentes Panorama begeistern können, fänden hier somit alles, was sie brauchen.

Der Weinberg auf der Karte…
Der Weinberg auf der Karte…

Weinbau an dieser Stelle und vor allem auf einer Höhe von fast 900 Metern über Meer wirkt natürlich relativ kurios. Wie kam es dazu? Nachdem der Sturm Vivian 1990 auch in Innertkirchen grosse Waldflächen niedergemäht hatte, gründeten ein paar originelle Köpfe einen Weinbauverein und pflanzten auf der Bodenfluh über 800 Weinstöcke der Sorte Blauburgunder. Man kommt bei solchen Verhältnissen natürlich rasch in Versuchung, ein bisschen zu lästern, von wegen Essigproduktion und so.

… und in natura
… und in natura

Ein Kirschbaum brachte auch die ärgsten Skeptiker unter uns aber sogleich zum Schweigen: Es war Mitte April, und er stand genauso in voller Blüte wie seine Artgenossen tief unten im Flachland. Der blühende Baum bestätigte: Die Lage des Weinbergs ist optimal, weil perfekt nach Süden ausgerichtet. Der wahre Oechsle-Booster aber ist der Hasli-Föhn: Er bläst während über 1000 Stunden pro Jahr und treibt die Temperaturen in Höhen, von denen sie im Burgund und im Bordelais nur träumen können.

Kurz darauf gelangten wir an einem ganzen Arsenal von bescheidenen, aber dennoch munter dahinsprudelnden Bergbächen vorbei. Besonders der Styrigbach gefiel uns. Er bildet zwei schöne Wasserfälle. Neben dem oberen steht ein romantisches Bänkli, das wie geschafffen scheint für glühende Liebesschwüre. Urs fand den Standort ungemein praktisch, denn wegen des lauten Wasserrauschens würde die Schöne nicht hören, was ihr Holder zusammenlüge.

Beim Styrigbach: Wasserfälle am Weg und vom Himmel
Beim Styrigbach: Wasserfälle am Weg und vom Himmel

Ein paar Schritte weiter folgten Stebibächli, Tschuggenbächli und Stapfbach. Fast unten im Talboden überquerten wir noch die zwei schmalen, trotz des Regens fast ausgetrockneten Wasserläufe des Mattenbächlis. Den Abschluss dieser Wasserlauf-Kaskade bildeten nach der Ruine Resti der Milibach, der nach einem tückischen Hochwasser recht heftig verbaut worden ist, und schliesslich der Alpbach, den wir uns für eine eingehendere Betrachtung zu einem späteren Zeitpunkt aufhoben.

Am Ziel waren wir uns einig: Die Regentour war wunderbar entspannend gewesen. Urs äusserte gar, er habe jedes Zeitgefühl verloren. Einzig jetzt am Bahnhof habe er das Gefühl, es sei Zeit für eine Glace. Man hat halt so seine Gewohnheiten beim Wandern – Witterung hin oder her.

Kalt und heiss: Kontrastierende Bedürfnisse am Ziel
Kalt und heiss: Kontrastierende Bedürfnisse am Ziel

Routenbeschreibung: Wanderung Innertkirchen – Meiringen