Zum Inhalt springen

Land der Aare (8): Am Nabel

Die Nydeggbrücke (hinten): Grimselgranit fern der Grimsel
Die Nydeggbrücke (hinten): Grimselgranit fern der Grimsel

Verschlungene Umwege

Deutlich einfacher hätten es die Aaronauten auf der achten Etappe haben können. Nur gerade 6 km Luftlinie mass die Strecke, die sie am 8. Februar 2015 zurücklegten. Effektiv bewältigten sie aber dreimal mehr. Dafür erlebten sie den Fluss wieder einmal von einer ganz neuen Seite. Zudem entdeckten sie dessen Nabel.

Die Aare ist jedes Mal für eine Überraschung gut. Nach sieben Etappen sollte man meinen, das Wesen dieses Flusses sei nun eigentlich ergründet und die Angelegenheit könne abgehakt werden. Doch dann bummelten wir durch den Reichenbachwald, sahen in der Tiefe das Wasser glitzern, und da begannen wir Aaronauten uns vorzustellen, wir seien am Amazonas. Aus unerfindlichen Gründen hatte es im äquatorialen Südamerika einen Wintereinbruch gegeben, auf den Wegen lag Schnee, doch dort unten zog der Strom mit unergründlichem Schweigen seine Bahn. All die gefährlichen, garantiert menschenfressenden Tiere, die sich in seinen Fluten bargen, blieben unserem Blick momentan verborgen. Etwas befremdend waren einzig die goldenen Tafeln im Wald, die zu irgendeinem Themenweg gehörten – vermutlich das Ergebnis eines Selbstverwirklichungskurses für Förster.

Im Reichenbachwald, nahe den Fluten des Amazonas
Im Reichenbachwald, nahe den Fluten des Amazonas

Des Städters Naherholungsareal

Die Enge-Halbinsel ist primär Versäuberungszone für Stadtberner Stubenhocker, aber sie ist auch ein Traumland – eine dünn besiedelte Oase in einem vom Verkehr durchströmten Agglomerationsdschungel. Schon vor mehr als 2000 Jahren kam ihr der Status als aussergewöhnlicher Ort zu. Damals lebte hier, im Schutz der kompliziert gewundenen Aareschlaufen, eine grössere Gruppe von Helvetiern. Sie hinterliessen uns unter anderem Reste eines Badehauses und eines Amphitheaters.

Morgentoilette im Dählhölzli
Morgentoilette im Dählhölzli

Mit uns Nachfahren hatte dieser Stamm eine grosse historische Gemeinsamkeit: Er vermochte sein Verhältnis zu Europa nicht sauber zu klären. Versuchsweise warf man sich Julius Cäsar an die Brust, dem damaligen Präsidenten der EU-Kommission oder so ähnlich, aber der fand das nicht toll, sondern schlug die Helvetier bei Bibracte vernichtend und zwang sie, in ihre Heimat zurückzukehren, obwohl sie dort scheint’s schon alle Zelte abgebrochen hatten.

Ein Reparationskuss?

Es war sicher kein Zufall, dass uns ausgerechnet auf der Enge-Halbinsel jene berühmte Kussszene in den Sinn kam. Nein, nicht die von Rodin, sondern das erst wenige Wochen zurückliegende Happening, als sich Cäsars Nachfolger Jean-Claude Juncker an die Wange der derzeitigen helvetischen Clan-Chefin heftete, und zwar so intensiv, dass es aussah, als wolle er sie sich gleichsam einverleiben. Vielleicht sollte man die Geste des älteren Knaben als eine etwas tollpatschige Wiedergutmachung für Bibracte deuten.

Bundeshaus im Schneegestöber
Bundeshaus im Schneegestöber

Aber wenden wir uns doch lieber unverfänglicheren Themen zu. Wie fast immer auf den Aare-Wanderungen begegneten wir verschiedenen Tieren. Das erste dieser Treffen war vorerst rein akustischer Art: Ein Specht klopfte über unseren Köpfen sein Znüni aus dem Geäst. Nach längerem Suchen meinte Cornelia zwar, sie habe ihn auch tatsächlich gesehen, aber vielleicht war das mehr ein Wunsch oder eine Hoffnung. Umso realer waren dann die balzenden Steinböcke im Tierpark Dählhölzli und die Pelikane, die gerade bei der morgendlichen Pflege ihres Federputzes waren.

Erstmals ein Hauch von Niederschlag

Wenig später kam es dann zur Premiere. Nachdem die Aare-Wanderung bisher vollkommen niederschlagsfrei verlaufen war, setzte – nein, nicht Regen, sondern: – Schneegestöber ein. Das Flockentreiben umhüllte das Bundeshaus mit einem surrealistischen Filter. Im nahen Mattequartier begegneten wir dem legendären örtlichen Slang in einer traurig trivialen Form: «Ligu lehm» heisst auf Mattenenglisch eigentlich «ein Stück Brot», steht heute aber für ein Take-Away-Lokal.

Tummelplatz gefährlicher Tiere oder harmloses Traumland?
Tummelplatz gefährlicher Tiere oder harmloses Traumland?

Kopf, Nabel und Fuss

Würde man sich die Aare als Baum denken – wo wären dann die Wurzeln, wo die Zweige? Die Frage wurde während der ersten Etappe der Aare-Wanderung aufgeworfen. Damals, in Guttannen, konnten wir uns nicht einig werden. Saugendes Wurzelwerk, das sind doch die Rinnsale an der Grimsel, die sich nach einer Weile zum jungen Stamm vereinigen. Oder ist es doch eher die Mündung bei Koblenz, wo die Essenz aus Berner Höhen in den Schlund des Rheins entlassen wird?

Anders ausgedrückt: Wenn man den Fluss als Menschen sehen wollte, wo wäre der Kopf, wo wären die Füsse? Die Erörterung ist müssig. Einfach zu beantworten ist hingegen die Frage nach dem Standort des Nabels. Ganz klar, er befindet sich bei der Untertorbrücke. Hier, am ältesten Aare-Übergang der Stadt Bern, liegt der östlichste Punkt einer engen 180-Grad-Kurve, mit der die Aare die Altstadt von Bern umströmt. Die niedere, mit Kopfsteinpflaster versehene Brücke ruht auf zwei Pfeilern. Jeder von ihnen trägt in beiden Flussrichtungen jeweils eine kleine, zugespitzte Plattform, die wie ein Schiffsrumpf in den Fluss hinausragt.

Die Untertorbrücke in Bern
Die Untertorbrücke in Bern

Wenn man auf einem dieser vier Podien steht, kann es einem durchaus passieren, dass man den Bezug zum festen Grund etwas verliert, denn fast wähnt man sich auf einem Boot, das durch die Aare pflügt. Blickt man flussaufwärts, dann kommt einem, bildlich gesprochen, das gesamte Berner Oberland entgegen. Oder jedenfalls dessen Entwässerung. In dieser Richtung sieht man auch die grössere und etwas protzige Schwester der Untertorbrücke.

Grossspurige Fehlplanung

Die Nydeggbrücke wurde zwischen 1840 und 1844 als erste städtische Hochbrücke erbaut. Dafür wurden hauptsächlich Sandsteinblöcke aus der Umgebung Berns verwendet. Beim Hauptbogen wollte man jedoch schönen und hellen Granit einsetzen, wie er vor allem im Grimselgebiet vorkommt. Der Transport auf dem schmalen Saumpfad war allerdings mit den damaligen Mitteln nicht möglich. Daher griff man auf Granitblöcke zurück, die vom Aaregletscher nach der letzten Eiszeit auf dem Kirchet zurückgelassen worden waren. Die Findlinge wurden in Schattenhalb von zeitweise bis zu 50 italienischen Steinmetzen zugehauen und danach mit Kutschen und Weidlingen nach Bern transportiert.

Gefrorene Wasserfälle auf der Enge-Halbinsel
Gefrorene Wasserfälle auf der Enge-Halbinsel

Während einiger Zeit galt die Nydeggbrücke als eine der grössten Brücken Europas. Sie sollte eigentlich eine niveaugleiche Verbindung zwischen der Altstadt und dem Plateau auf der anderen Seite der Aare bewerkstelligen. Leider erwies sich das Bauwerk als kolossale Fehlplanung, weil die Fuhrwerke den steilen Muri- und den Aargauerstalden auf der Ostseite der Aare noch immer kaum zu bewältigen vermochten. Auch die vier Zollhäuschen an den Brückenköpfen dienten ihrem Zweck nicht lange: Im Gefolge der Gründung des Bundesstaats 1848 wurde der Binnenmarkt in der Schweiz liberalisiert.

Wir liessen den Aare-Nabel ohne grosses Aufhebens hinter uns und genossen den Wintertag, der uns zusehends Sonnenschein bescherte. Die Etappe endete nach knapp 18 km auf der Brücke zwischen Bern und Bremgarten. Damit hatten wir an diesem Tag ziemlich genau das Dreifache der reinen Luftliniendistanz zwischen Ausgangs- und Zielpunkt zurückgelegt. Unter dem Gesichtspunkt der Wanderökonomie war das natürlich ausgesprochen ineffizient. Uns war das allerdings herzlich egal, denn das Motto der Aaronauten lautet: Die Aare ist das Ziel.

Am Etappenziel: Auf der Brücke zwischen Bern und Bremgarten
Am Etappenziel: Auf der Brücke zwischen Bern und Bremgarten

Routenbeschreibung: Muri BE – Bremgarten BE