
Die Sache mit den Faschinen
Zu Beginn war die fünfte Etappe der Aare-Wanderung ein harmloser Allerweltsspaziergang. Aber exakt bei der Ruine Weissenau kam es an diesem 14. Dezember 2014 zur Wende. Die Ursache war läppisch, doch die Auswirkungen erwiesen sich als überraschend nachhaltig.
Eigentlich ist ja jede Wanderung einzigartig. Aber oft fängt man an einem Wandertag vorerst mal damit an, einfach so drauflos zu marschieren. Es ist ja nichts Besonderes, wenn ein paar Leute zusammen durch die Gegend ziehen. Doch plötzlich stellt sich dann ein Wendepunkt ein. Irgendetwas kippt, und genau in diesem Moment wird die gesichtslose Durchschnittstour zur unverwechselbaren, einmaligen Wanderung.


Promenieren wie am Mittelmeer
In diesem Sinne war das Aaronauten-Fünfergrüppli noch vollkommen ahnungslos, als es in Ringgenberg loszog. Gemäss Kalender herrschte bereits Winter, doch das Wetter gebärdete sich herbstlich mild. Brienzer- und Thunersee weisen an ihrem Nordufer Passagen auf, die eine landschaftliche Grandezza vermitteln und ein wenig an den Mittelmeerraum erinnern. So promenierten wir anfänglich also eher, als dass wir wanderten. Die Eisenbahnbrücke zwischen Goldswil und Interlaken überquerten wir nur, weil wir wollten, nicht weil wir mussten.
Man kann es ziemlich locker nehmen auf dieser Tour. Deren zweite Hälfte führt auf dem sogenannten Pilgerweg zur St.-Beatus-Höhle. Das ist einer dieser typischen Scherze, die sich die Berner Oberländer mit ahnungslosen Touristen erlauben. Vor bald 500 Jahren wurde ihnen auf Geheiss der Gnädigen Herren zu Bern der Katholizismus ausgetrieben, und seither haben Heilige und Pilgerwesen nichts mehr in der Gegend verloren – es sei denn, sie dienten als Geschäftsbasis. Mit dem Herrn Beatus, der einst einen bösen Drachen in den Thunersee trieb, so dass dort das Wasser zu sieden begann, gelingt das trefflich.

Orientierungslos in Unterseen
Unser Geplaudere über reformierte Heilige machte das nahezu Undenkbare möglich: Mitten in Unterseen mussten wir vor lauter Seitenarmen und Kanälen tatsächlich die Aare und unseren Weg suchen. Urs, der Kartograf, errettete uns mit einem raschen Blick auf eines seiner Werke vor dem endgültigen Irregehen.
Ausgerechnet er war es dann aber auch, der eine halbe Stunde flussabwärts, dort, wo die Aare in den Thunersee mündet, die friedvolle Ruhe jäh unterbrach, indem er die aufwühlende Frage in die Runde warf: «Was um Himmels Willen sind Faschinen?!?»

Zielstrebig war der Hobbbyfischer auf diese eine, grosse Frage der Menschheit gestossen, als er eine Informationstafel studierte, die über Fische berichtet, welche im Uferbereich des Thunersees leben. Sogleich begannen die Detektivaggregate in unseren Wanderhirnen zu brummen. «Aha, der Fall ist klar», wurde nach kurzer Zeit gefolgert: «Wir stehen ja direkt vor der Ruine Weissenau, und da hat doch vor Jahren ein Rechtsextremist einen anderen Rechtsextremisten gemeuchelt. Faschinen müssen weibliche Faschisten oder so sein.»

Wohl eher nicht. Gemäss der unseligen Tafel werden die Dinger nämlich für die «Uferstrukturierung» (was immer das sein mag) verwendet: Diese erfolgt mittels «faschinenähnlichen Totholzstrukturen». Ehe man den Stab über den Urheber dieser abenteuerlichen Silbenfolge bricht, sollte man sie sich auf der Zunge zergehen lassen. Und zwar ausgiebig. Das taten wir denn auch. Wiederholt, laut und deutlich. Die Faschinen wurden zu einem überraschend spannenden und dominanten Gesprächsthema. Was für ein Genuss, sich tiefsinnige Debatten über einen vollkommen sinnlosen und unverständlichen Begriff zu liefern.

Faschinensorbet als Nachspeise gefällig?
Das Geplänkel endete auch im Restaurant Neuhaus nicht. Dort brachen wir mit dem bisher geübten Grundsatz, mittags im Freien zu picknicken. Cornelia war zwar ein bisschen untröstlich, dass ihr das Ämtli der «Maîtresse de sandwich», mit dem sie seit der letzten Etappe geliebäugelt hatte, aus diesem Grund flöten ging. Sie fand dann aber auch, die herrliche Lage der Beiz am See rechtfertige die Ausnahme. Der Versuchung, zum Dessert ein Faschinensorbet zu ordern, konnten wir knapp widerstehen.

Übrigens: Faschinen sind eine Art Besen, die aus Zweigen geflochten und in den seichten Seegrund gesteckt werden. Aber «Totholzstrukturen», das klingt doch einfach irgendwie knackiger, nicht wahr?