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Land der Aare (4): Am tiefsten Punkt vorbei

1714 km von Santiago de Compostela entfernt
1714 km von Santiago de Compostela entfernt

Vom Umgang mit Unklarheiten

Ganz im Zeichen der Unbestimmtheit stand die vierte Etappe der Aare-Wanderung. Sie führte am 16. November 2014 von Brienz nach Ringgenberg. Ohne sich darüber gross im Klaren zu sein, überwanden die Teilnehmer einen kritischen Tiefpunkt.

Vieles war unklar auf dieser Wanderung. Das Zweifeln fing schon frühmorgens an: Braucht es einen Schirm oder eher Sonnencreme? Ich entschied mich für beides, verwendete dann aber keines. Ich war mir nämlich nicht im Klaren darüber, ob die Sonne im November überhaupt noch ernst zu nehmen ist. Die Quittung am Abend war ein mittelprächtiger Sonnenbrand.

Und dies soll eine Brücke sein?
Und dies soll eine Brücke sein?

Grosses Rätseln stellte sich nach der ersten Wanderstunde in Ebligen ein. Die Hängebrücke, die seinerzeit aus unklaren Gründen gebaut worden war (ja klar, primär für die Biker, aber eigentlich irgendwie auch für die Wanderer), war im Hinblick auf die im Winter hier niederdonnernden Lawinen schon gesperrt, die Umgehung signalisiert. Doch dann verpassten wir geheimnisvollerweise die richtige Abzweigung, gerieten auf einen wunderschönen Hohlweg und fanden uns unverhofft fast unten am See.

Jakob stand nicht bei

Hier könnte es durchgehen. Oder da. Oder etwa dort?
Hier könnte es durchgehen. Oder da. Oder etwa dort?

Müsste der Boden nach dem nächtlichen Dauerregen eigentlich nicht ziemlich glitschig sein? Wenigstens in dieser Frage gewannen wir rasch Klarheit: Im Abstieg oberhalb der Bahnlinie haute es mehrere von uns fast auf den Kiel. Selber schuld, wenn man den Beistand des Himmels unvorsichtigerweise aufkündigt. In unserem tumben Fehlgehen hatten wir nämlich die als Teilstück des Jakobswegs markierte Wanderroute verlassen.

Danach stellte sich bereits die nächste Unklarheit ein. Nach der ersten Etappe waren wir Aaronauten mehrheitlich zur Auffassung gelangt, regelmässige Zwischenhalte wären eine feine Sache. Gesagt, getan. Wir liessen uns also am Strand zu Ebligen nieder, um ein wenig zu ruhen. Es rückte auch bereits gen Mittag, jemand zauberte ein Sandwich hervor, dem alsbald mehrere Artgenossen aus anderen Rucksäcken ans Tageslicht folgten. Die grosse Unbekannte, die bleischwer auf der ansonsten idyllischen Szenerie lastete, war die Frage, ob dies jetzt ein (bzw. «das») Picknick sei oder nicht. Sie stellte sich auch beim nächsten Zwischenhalt in Oberried, als weitere Sandwiches in teilweise andere Mägen wanderten. Am Ziel in Ringgenberg entlud sich der aufgestaute Zweifel in mehrfachen Bekenntnissen, es gebe nun diversen Proviant, der unverzehrt heimkehren müsse, weil nicht klar gewesen sei etc. etc.

Ist das jetzt ein Picknick – oder eher doch nicht?
Ist das jetzt ein Picknick – oder eher doch nicht?

Flashmob-Prinzip auf dem Wanderweg

Ehe ich mir Asche aufs Haupt streue und mich dazu bekenne, hungrige Wandersleute hervorgebracht zu haben, möchte ich daran erinnern, dass die Aare-Wanderung in ihren Grundzügen anarchisch strukturiert ist. Sie funktioniert sozusagen nach dem Flashmob-Prinzip, daher gibt es weder eine fix determinierte Gruppe noch einen Häuptling, der das Programm diktiert. Doch es sei eingeräumt, dass wir auf ein Defizit gestossen sind. Nächstes Mal werden wir vermutlich über die Schöpfung eines Ämtlis («Maître de pique-nique» oder so) befinden müssen.

Bei Unklarheiten Tel. 078 etc.

Der Zweifel noch nicht genug. «Ist das jetzt eine Flusswanderung oder was?» wurde gekeucht, als wir in Ebligen auf der anderen Seite des Bachs die Höhenmeter, die wir zuvor vernichtet hatten, wieder hochstiegen. Und plötzlich war da dieses Papierschild am Wegweiser, das eine Umleitung signalisierte – freilich just für jene Richtung, aus der wir gekommen waren. Wie wenn sie es geahnt hätten, dass diese Information nun alles andere als erhellend sei, hatten die Urheber der Sperrung handschriftlich den Vermerk darunter gesetzt: «Bei Unklarheiten Tel. 078 etc.». Die Gelegenheit, ein klärendes Gespräch mit dem zuständigen Forstexperten zu führen, liessen wir ungenutzt vorbeiziehen. Stattdessen stiegen wir forsch weiter bergan, erreichten ein quer über den Weg gespanntes Absperrtransparent (immerhin war jetzt klar, dass zwar der falsche Weg abgesperrt, aber offenbar der richtige blockiert war) – und stiegen frech darunter hinweg, denn hier waren sicher anständige Forstexperten am Werk, die am Sonntag die Sägen ruhen lassen.

Happige Aufstiege – ist das wirklich noch eine Flusswanderung?
Happige Aufstiege – ist das wirklich noch eine Flusswanderung?

Deshalb konnten wir die Buchenwälder ungestört und in aller Stille geniessen. Manche Bäume hatten ihre Blätter zwar bereits abgeworfen und gaben dadurch schöne Tiefblicke zum See frei. Andere hingegen setzten noch immer leuchtend gelbe, orange und rote Farbtupfer, die in einem eigenartigen Kontrast zur Kulisse der verschneiten Faulhornkette standen.

Herbst. Oder doch schon Winter?
Herbst. Oder doch schon Winter?

Horn in der Hand, Ziege auf dem Dach

Es ist schon fast zur Tradition geworden, dass den Aaronauten allerlei Getier über den Weg läuft. Gleich zum Einstieg begegneten wir diesmal einer Armada von Schwänen, die kampflustig dem Brienzer Quai entlang schwammen. Unterwegs entdeckten wir ferner schottische Hochlandrinder, die sich bereitwillig die Hörner karessieren liessen, und wenig später eine Ziege, die auf das Dach einer Scheune gestiegen war, um dort bequem am Geäst eines Baums knabbern zu können.

Schotten in Oberried
Schotten in Oberried

Ohne gross davon Notiz zu nehmen, passierten die Aaronauten etwas später eine der denkwürdigsten Stätten der ganzen Aare-Wanderung. Etwa auf der Höhe von Iseltwald (dem Dorf auf der gegenüberliegenden Seeseite) befindet sich nämlich der tiefste Punkt nicht nur des Brienzersees, sondern des gesamten Aarelaufs. Er liegt nur gerade 304 m über Meereshöhe – und damit immerhin zehn Meter tiefer als die Flusssohle der Aare bei der Mündung in den Rhein.

Offene Fragen bis zum Schluss

Die finale Unklarheit muss vorderhand offen bleiben: Ist Wandern eigentlich anstrengend? Die Frage lässt sich höchstens auf Umwegen beantworten. Ein geeigneter Katalysator für entsprechende Forschungen wäre vielleicht Michael, der uns mit seiner Frau Anne begleitete. Die beiden stammen aus Amerika und leben seit ein paar Jahren in Basel. Sie ist Wander-Fan, er dagegen versucht offenbar ohne grossen Erfolg, den Sinn des Wanderns zu ergründen. Schon vor dem Abmarsch erkundigte er sich nach Bierquellen am Weg, und kaum hatten wir den seifigen Abstieg nach Ebligen bewältigt, meinte er: «Toll, dann können wir jetzt ja heimgehen!» Seltsamerweise nahm ihm niemand seine theatralischen Verdrussbekundungen ab. Vielleicht wandert Michael nicht ungern. Die Zukunft wird möglicherweise Klarheit bringen.