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Land der Aare (3): Trockengelegte Sümpfe und zielstrebige Berge

Rastplatz Funtenensee
Rastplatz Funtenensee

Verzicht ist herrlich, Verzicht ist dämlich

Und schon wieder Glanzwetter: Die dritte Etappe der Aare-Wanderung führte am 26. Oktober 2014 von Meiringen nach Brienz. Der Bummel durch frühere Katastrophenzonen war reizvoll. Unterwegs bot sich Gelegenheit zu ausgiebigen Reflexionen über das Thema Verzicht.

Man findet oft gute Gründe, um auf etwas zu verzichten. «Schwindel» war seinerzeit meine probate Rechtfertigung, wenn ich den Turnunterricht schwänzte. Ich fand, das klinge gut und sei obendrein extrem ehrlich. Die Erziehungsberechtigten klemmten solche Verzichtsbemühungen allerdings relativ rasant ab.

Tausend Verzichtsgründe

Aber wieso sollte man aufs Wandern verzichten? Auch dafür gibt es tausend Gründe. Manche davon mögen zwar nicht gerade umwerfend gut sein, sie sind aber zumindest so kurios, dass sie hier erwähnt zu werden verdienen. Ich zitiere aus Mitteilungen im Vorfeld des Aare-Projekts:

  • Wir zügeln nächste Woche und haben den Keller seit 16 Jahren nicht mehr aufgeräumt.
  • Ich muss den Nachwuchs an ein Casting begleiten.
  • Habe meinem Partner beim Trekking mit einer Pfanne heissem Wasser den einen seiner beiden Wanderfüsse verbrüht. Aus Solidarität bleibe ich ebenfalls daheim.
  • Habe Einsatz in einer Schaukäserei.
  • Bin grad in Utah.
  • Muss an einer Chilbi helfen.
  • Gehe am Nachmittag in die Oper.

An dieser Stelle möchte ich Cornelia aus Hochdorf speziell erwähnen. Sie war die Einzige, die auch diesmal nicht auf die Aare-Wanderung verzichten mochte. Gewiss, es gab schon attraktivere Strecken (und es wird auch wieder solche geben). Doch obwohl die Aare auf dem Abschnitt von Meiringen und Brienz auf weiten Strecken zwischen Eisenbahn und Autobahn eingeklemmt ist, durchströmt sie eine spannende Landschaft.

Hier wird neuerlicher Versumpfung vorgebeugt.
Hier wird neuerlicher Versumpfung vorgebeugt.

Das ist allerdings bloss die touristische Optik. Jene Menschen, die vor 200 Jahren das Pech hatten, hier zu leben, waren ganz anderer Meinung. Das hatte viel mit dem Thema Verzicht zu tun. Weil das Alte Bern Raubbau an der Oberländer Natur betrieben hatte, bildete sich im Haslital eine riesige Sumpflandschaft. Die Bewohner der Gegend hatten erst auf fruchtbare Böden und dann auf ihre Gesundheit zu verzichten. Regelmässig ereigneten sich katastrophale Überschwemmungen. Neben Mücken und Seuchen gedieh hier vor allem eines bestens: Hunger. Die Situation besserte sich erst, als man die Aare vor 150 Jahren in ein künstliches Bett verlegte und die umliegenden Böden entwässerte.

Er lauert auf sein Frühstück.
Er lauert auf sein Frühstück.

Der Kampf gegen die Versumpfung ist eine Daueraufgabe. Gegenwärtig sind in Meiringen umfangreiche Bauarbeiten an der Aare im Gang. Die Vorland-Gebiete zwischen den Dämmen und dem Fluss werden dabei ausgeräumt, damit die Aare auch bei Hochwasser genug Platz hat. Unser erster Wanderkilometer querte daher eine ausgedehnte Baustelle, die nur deshalb begehbar war, weil die Bagger die Sonntagsruhe zelebrierten.

Flugbetrieb ausserhalb der Bürozeiten

Am Ufer flatterte ein prachtvoller Reiher auf – er hielt offenkundig nach einem Imbiss Ausschau. Flugbetrieb herrschte auch über dem Flugfeld des nahen Militärflugplatzes Unterbach. Im Unterschied zum Jet-Gedröhne an Werktagen (die eidgenössische Luftwaffe hält sich bekanntlich strikt an Bürozeiten) war im Luftraum allerdings bloss eine Ente unterwegs: In dem Moment, als ich auf den Auslöser der Kamera drückte, flatterte sie vorbei.

Sonntäglicher Flugbetrieb (Ente) über dem Militärflugplatz
Sonntäglicher Flugbetrieb (Ente) über dem Militärflugplatz

Die Wetterverhältnisse waren spannend. Ein Ausläufer des mittelländischen Nebeldeckels hatte sich ausnahmsweise bis nach Brienz ausgebreitet, in Meiringen hingegen schien bereits am Morgen die Sonne. Die Nebelgrenze schob sich während unserer Wanderung hin und her (glücklicherweise mit klarer Tendenz zu «her»), und das gab immer wieder reizvolle und manchmal geradezu dramatische Konstellationen am Himmel.

Zwei Flüsse kreuzen sich

Geradezu kurios war der Anblick während der Mittagsrast. Von erhöhter Warte bei Brienzwiler blickten wir ins Aaretal hinunter. Über dem nach Westen fliessenden Wasser zog ein luftiger Fluss von Nebelschwaden mit frappanter Entschiedenheit in die Gegenrichtung. Nachdem wir das Freilichtmuseum Ballenberg durchquert hatten, fragten wir uns, ob wir nun für den Rest der Wanderung wohl auf die Sonne verzichten müssten, denn ein dichter grauer Teppich lag über der Landschaft.

Ziegen am Ballenberg, dahinter fliesst der Nebel talaufwärts
Ziegen am Ballenberg, dahinter fliesst der Nebel talaufwärts

Doch dann gelangten wir auf die Louwenen, und weg war der Wolkenspuk – buchstäblich fortgeblasen von der Bise. Die milde Spätherbstsonne glänzte nun ungehindert über dem Brienzersee und den Bergen rundherum. Auf dem Weg zum Etappenziel galt es noch die Schwemmgebiete von Lammbach und Glyssibach zu durchqueren. Das sind harmlos scheinende Zuflüsse der Aare, die im Sommer manchmal zu kümmerlichen Rinnsalen eindampfen oder sogar komplett verschwinden, gelegentlich aber mit massiver Wucht zuschlagen. Der Grund dafür ist die Erosion. Oder noch einfacher: Die Schwerkraft. Die Gipfel der Brienzer-Rothorn-Kette haben nämlich nur ein einziges Ziel, und dieses verfolgen sie seit Millionen Jahren zielstrebig: Sie wollen in den See.

Der Bahnhof als Sprungbrett

Während wir uns im Verlauf der heutigen Wanderung zusehends von der Aare entfernten, rückten wir zum Abschluss wieder ganz dicht an sie heran. Der Bahnhof Brienz liegt nämlich unmittelbar am See – vom Steg am äusseren Perron könnte man direkt ins Wasser springen. Nun mögen zwar See und Fluss nicht das Gleiche sein, aber letztlich ist ja der Brienzersee nichts weiter als eine Verdickung seines Zubringers. Also endete auch die dritte Etappe der Aare-Wanderung, wie es sich gehört, an der Aare.

Die Vorhut des Spähtrupps ist in Brienz eingetroffen.
Die Vorhut des Spähtrupps ist in Brienz eingetroffen.