
Von Afghanistan in die Grosse Enge
Fortsetzung der Aare-Wanderung am 28. September 2014: Auf dem Weg von Guttannen nach Meiringen begegneten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer penetrant kontaktfreudigen Kälbern, einem Kristallschleifer und einem haarsträubenden Wildtier.
Das alte Klischee, in der Schweiz gebe es keine Bodenschätze, wird im Grimselgebiet deutlich widerlegt. Wasser in Hülle und Fülle sowie satte Höhendifferenzen gibt es hier, wohin man blickt. Die Gegend gilt förmlich als Wasserschloss der Schweiz. Seit bald 100 Jahren wird diese Gegebenheit für die Stromproduktion genutzt, und zwar in grossem Stil: Die Kraftwerke Oberhasli versorgen eine Million Haushalte mit elektrischer Energie. Mehrere grosse Stromleitungen durchziehen das Haslital und verbinden den wilden Osten des Kantons Bern auch energetisch mit Europa. Die Stromwirtschaft drückt der Landschaft einen diskreten, doch eindeutig wahrnehmbaren Stempel auf: Bäche werden von einem Seitental zum anderen umgeleitet und wilde Wasser zu Seen gestaut, unter dem Boden stürzen die Fluten auf mächtige Turbinen, während oberirdisch zahme Restwasser durch bisweilen etwas zu gross geschneiderte Bachbette strömen. Eines davon ist die Aare.

Den Kraftwerksbetrieben ist zu Gute zu halten, dass sie dem Bergbach deutlich mehr Volumen zugestehen, als vorgeschrieben wäre. Es ist somit kein Alibiwässerchen, das da gegen Innertkirchen fliesst. Doch den bisweilen ungestümen, ja wilden Charakter, den die Aare hier eigentlich hätte, muss man sich eher denken. Es gibt ihn nach wie vor, doch er muss sich in den unterirdischen Druckrohren austoben.
Rettung für die Toreros
Eine deutliche Ahnung von der gewaltigen Wirkung des Wassers erlebten die Aare-Wanderer unterhalb von Guttannen, als sie die riesigen Schutthaufen passierten, die der Spreitgraben ins Aarebett verfrachtet hat. Ein altes Bauernhaus direkt am Fluss musste bereits abgebrochen werden, weil es früher oder später bei einem Hochwasser mitgerissen worden wäre; weitere Gebäude dürften folgen. Auch die Transitgasleitung, die Italien mit nordeuropäischem Erdgas versorgt, musste verlegt werden. Würde bei einem Murgang ein Loch in die Stahlröhre gerissen, dann käme es zu einer explosionsartigen Selbstentflammung des Gases und zu einem grossflächigen Inferno. Punkto Energie erweisen sich die Alpen nicht einfach als Segen, sondern manchmal auch als Fluch.

Sehr kontaktfreudig zeigte sich eine Gruppe von Kälbern am Weg. Besonders manchen weiblichen Mitgliedern der Aare-Wandergruppe war die Zutraulichkeit indessen bald einmal zu viel. Mit Bildern von aufgespiessten Toreros vor dem geistigen Auge hasteten sie dem rettenden Gatter zu.
Warum Kristalle Schlitten fahren
Bei der Trinkpause im Weiler Boden gesellte sich der frühere Guttanner Gemeindepräsident Joseph Häfliger zu uns. Er ist als Kristallschleifer tätig und stellt aus grossen, klaren Bergkristallen Trinkgläser her. Das sind äusserst kostspielige Objekte; seine Kunden leben vorwiegend im arabischen Raum. Früher war er selber als Strahler unterwegs. Das ist ihm mittlerweile zu anstrengend geworden. Manche Kristallfunde wiegen über 100 kg. Es sei eine endlose Plackerei, solche Brocken ins Tal zu bringen – am besten gehe es noch im Winter mit Hilfe eines Schlittens.

Heute kauft Häfliger den Rohstoff für seine Gläser daher bei anderen Strahlern ein, teilweise auch im Ausland. Auf diese Weise kam er vor Jahren erstmals nach Afghanistan. Dort fährt er noch jetzt regelmässig hin. Die Lage sei allerdings immer prekärer geworden. Trotzdem hält er über zuverlässige Mittelsmänner einen privat organisierten Handel mit afghanischen Teppichen aufrecht. Den Erlös aus diesem Geschäft investiert er ins afghanische Gesundheitssystem, indem er dortige Ärzte, die er persönlich kennen gelernt hat, mit Geräten und Instrumenten versorgt.
Auf dem alten Grimselweg gelangten wir zur eindrücklichen Passage der Sprengfluh. Gleich vier Generationen der Passroute kann man dort entdecken: Neben dem heutigen Saumweg, auf dem man selber steht, sieht man auf der anderen Seite der Aare die alte Passstrasse und dahinter die teilweise in einem Tunnel verlaufende neue Strasse. An der senkrechten Felswand über dem Fluss finden sich zudem noch Spuren eines ersten Passwegs, mit dem dieser einst praktisch unüberwindliche Abschnitt bewältigt wurde.
Hypnotisches Getier
Auf andere Art nahezu unüberwindlich wurde der Weg für einzelne von uns Aare-Wanderern oberhalb der Äusseren Urweid. Schuld daran war ein Getier, das den Pfad ebenso unschuldig wie schamlos überquerte: Ein Schnegel – eine urweltliche Kreuzung aus Schnecke und Egel. Das vorliegende Exemplar trug ein spektakuläres Design zur Schau: Seine hinteren zwei Körperdrittel waren im Leopardendesign gestaltet, und zwar so täuschend echt, dass man eher ein Fell als eine schleimige Haut zu erblicken meinte. Ekel und Faszination machten sich in der Gruppe in ziemlich ausgewogenem Verhältnis breit.

Nachdem wir uns von dem hypnotischen Anblick losgerissen hatten, durchquerten wir Innertkirchen. Ausserhalb des Dorfs wächst die Aare auf wundersame Weise an, denn dort werden dem Restwasser die Fluten zugeführt, die soeben noch die Turbinen antrieben. Dies war der Moment, in dem die Aare für uns erstmals ihren Charakter voll entfaltete: Sie zeigte sich nicht mehr als Bergbächlein, sondern als wackerer, ja erstaunlich kräftiger Fluss.
Die Kleine ist grösser als die Grosse
Damit hatte sie sozusagen in letzter Sekunde ihre wahre Gestalt gewonnen, um den wohl aufregendsten Abschnitt ihrer langen Reise ins Meer zu bewältigen: Zwischen senkrechten, bis zu 200 m Felswänden kämpft sie sich durch den Felsriegel des Kirchet nach Meiringen. Seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert ist die Schlucht mit einem Steg erschlossen. Wer sie, so wie wir, von Osten her durchquert, steigt gleichsam in einen Trichter, der sich zusehends verengt: Anfänglich bildet die Schlucht noch ein breites Tal, das von oben mit reichlich Sonnenlicht versorgt wird. Doch dann verschlankt sich der Einschnitt immer mehr. Bei der Grossen Enge sind sich die ausgeschliffenen Wände schon bedrohlich nahe gerückt; von oben dringt nur noch wenig Tageslicht hinunter. Die Steigerung folgt sogleich, und sie heisst nicht etwa Allergrösste Enge, sondern – sehr treffend: Kleine Enge. Der Durchgang ist hier nur noch gerade einen Meter breit. Mattes Licht und dumpfe Feuchte erzeugen eine gespenstische Atmosphäre. Das ist ausgesprochen faszinierend, doch irgendwie waren wir doch froh, als wir diese beklemmende Kühle hinter uns lassen und bei mildem Sonnenschein das letzte Teilstück nach Meiringen unter die Füsse nehmen konnten.
