

Armer Kerl – er übernimmt sich total!
Mit dem Schlussstück Stilli-Koblenz ist die Aare-Wanderung am 6. Dezember 2015 zu Ende gegangen. Die Mündung erwies sich als reichlich banal, so dass der vermeintliche Höhepunkt zur emotionalen Implosion geriet. Dafür erlebten die Aaronauten am Klingnauer Stausee eine rauschende Party.
Gross und weiss war der Himmel, der sich an diesem Morgen über dem Aargau wölbte. Die Aaronauten sahen anfänglich wenig davon, denn der Aare-Uferweg zog sich durch Wälder dahin. Uns bot sich wieder einmal eine völlig neuartige Perspektive: Über unseren Köpfen hing Watte, die alles schluckte – Licht, Lärm, Zeit. Wir bummelten durch unaufgeregte Auenlandschaft. Die ganze Welt schien ruhig, es gab weder Biker noch Hündeler, und sogar die Jogger hatte man um diese Tageszeit noch nicht freigesetzt.

Endlich erreichten wir einige mysteriöse Lagerhallen, aus denen es monoton summte. Die Smartphones informierten, dass hier das Paul-Scherrer-Institut lag, in dem an allerlei Strahlensachen herumgeforscht wird. Für Wanderer ist das Areal freilich eine Blackbox. Daher liessen wir uns in unserer Sonntagsruhe nicht beirren.
Jugenderinnerungen an die Atominsel
Kurze Zeit später gelangten wir zur Beznau. Auf der Insel im Fluss standen die beiden ominösen Reaktoren (ja genau, die mit den zirka 1001 Rissen), und darum herum gruppierten sich Bürogebäude, die so fröhlich-poppig bemalt waren, dass man unwillkürlich an eine selbstverwaltete Studenten-WG dachte. Werner geriet ob des Anblicks der antiken Meiler in ein Jungbrunnenfeeling: Er begann sich zu erinnern, dass er in jungen Jahren temporär im AKW gejobbt hatte. In der Folge tischte er uns eine haarsträubende Geschichte auf, in der es unter anderem um strahlende Labormäntel ging, die es zur Begleitmusik piepsender Alarme zu reinigen galt.

Beim Freibad in Döttingen hielten wir Mittagsrast. Das Bad liegt direkt an der Aare, doch eigenartigerweise verhindern hohe Betonmauern und Maschendrahtzäune jeglichen direkten Zugang allfälliger Badegäste zum Fluss. Die Sonne begann gerade die Hochnebeldecke aufzulösen, als uns auf dem Uferweg ein Aaronauten-Nachzügler entgegenwankte.
Vor der Wanderung schläft sich’s bestens
Sigi hat für sich sozusagen eine neue Tradition begründet, indem er am Vorabend der Aare-Wanderungen jeweils fetzige Feste besucht, sich dann mit rauchendem Kopf («Prosecco und solche Dinge») verschläft und zur Mittagsstunde als Schlusslicht einherschreitet. Auf diese Weise konnte er auch heute die Hälfte der Wanderung mitmachen. Er hatte sich eindeutig für die schönere Hälfte entschieden: Die Uferwälder lagen hinter uns, das Terrain war jetzt offen.

Allerdings hatte die Aare mittlerweile ein landschaftliches Stadium erreicht, das keine grossen Sprünge in Sachen Aussicht mehr erlaubt. Das unterste Aaretal ist nämlich eine reichlich flache Gegend. Malerische Tiefblicke gibt es da keine zu gewinnen. Dafür locken spektakuläre Blicke in ein Vogelrefugium von internationaler Bedeutung. Der Klingnauer Stausee ist jedenfalls Pilgerstätte für zahlreiche Vogelkundler. Mit wuchtigen Teleobjektiven tigern sie durch die Gegend und halten nach seltenen Vögeln Ausschau. Werden sie fündig, dann bringen sie ihre Kanonen mit verbissener Ergriffenheit in Position.

Die unblutige Jagd erinnerte uns ein wenig an die sogenannten Pufferküsser, die ihre Freizeit damit verbringen, Lokomotiven zu fotografieren. So kreuzten sich denn wieder einmal die Bahnen: Dort die Vogelfreaks, hier die tumben Wanderer. Einer aber brach die Fronten auf: Stefan outete sich als Kenner, schmiss mit Vogelnamen, die er schon als Kind auswendig gelernt hatte, nur so um sich, so dass ihm zwischendurch unterstellt wurde, er sei wirklich gut im Erfinden. Die Wasserralle, auf die er begeistert hinwies, unterschied sich für die meisten von uns allerdings nur dadurch von einem gewöhnlichen Flusskiesel, als dass sie sich leicht bewegte.
Fischekstase im Vogelparadies
Wenig später verblasste die Vogelthematik schlagartig und vollständig. Vom leicht erhöhten Dammweg aus konnte man am Ufer eine eigentümliche Unruhe diagnostizieren. Das Wasser brodelte und schwappte hin und her, wie wenn es koche würde. Wenn man näher hinschaute, dann konnte man in den unruhigen Fluten haufenweise zappelnde Fischlaiber erkennen. Urs näherte sich wie ein Zombie dem Wasser: Sehr langsam, sehr entschlossen. Er hatte sich offensichtlich in einen Fischereiroboter verwandelt. Im nächsten Moment würde er sich vermutlich in die Fluten stürzen und die Filets mit blossen Fäusten ernten.
Doch Barbara gelang es, den Bann zu brechen. «Durchatmen!» befahl sie. Nach einigen bangen Augenblicken kehrte Urs in den Kreis menschlicher Wesen zurück und begann in überraschend natürlichem Tonfall zu reden. Die Fische seien am Laichen, erklärte er. Das funktioniere wie folgt: Die Weibchen legen ihre Eier im seichten Ufergrund ab. Die Männchen warten gierig, bis sie damit fertig sind, eilen dann herbei und sprayen ihren Samen darüber. Dabei müssen sie sich gegen heftige Konkurrenz behaupten: Die Meister halten sich unten auf, die minderen Exemplare tummeln sich in höheren Schichten und wühlen mit wilden Flossenschlägen das Wasser auf.
Endgültiger Niveauverlust
Die tumben Wanderer staunten bereits wieder: Aha, eine Bunga-Bunga-Party im Reich der Fische. Noch immer in leichter Trance begann Urs mit Werner darüber zu fachsimpeln, um welche Fischsorte es sich handelte. Rotaugen? Rotfedern? Hasel? Die Experten vermochten sich nicht zu einigen. Irgendwann gelang es uns, die beiden vom Wasser wegzuziehen und schonend auf den Dammweg zurückzuführen. Schon bald erreichten wir das Stauwehr Klingnau, wo der See zu Ende ging und die Aare ein letztes Mal einen Sprung in die Tiefe vornahm. Ein Blick auf die Karte zeigte uns, dass sie sich hier, genau an diesem Punkt, endgültig auf das Niveau des Rheins herabliess.

Noch knapp ein Kilometer Uferweg stand uns bevor. Der Himmel war mittlerweile wolkenlos. Die Sonne durchwärmte das Ufergehölz mit mildem Schein. Die Aare war in ihrem Herbst angekommen, und gleichwohl lag so etwas wie Frühling in der Luft. Schliesslich erreichten wir die Strassenbrücke, die sich direkt an der Mündung quer über die Aare spannt. Wir schauten flussaufwärts in die glitzernden Fluten, über denen sich sanfte Hügelwellen ineinanderschoben. Seit Monaten verzeichnete die Schweiz anhaltende Niederschlagsdefizite, weshalb die Flüsse mittlerweile ziemlich niedrige Pegelstände aufwiesen. Doch selbst dieser missliche Umstand vermochte der Aare-Opulenz nichts anzuhaben. Mit breiter Geste und in zeitlupenhafter Eleganz floss sie in ihrem stattlichen Bett dahin. Sie ist schlicht und einfach das wahre Wasser.
Überforderter Juniorpartner
Hätte es noch eines Beweises bedurft? Wir erhielten ihn unter der Brücke, als wir nach dem Fusionspartner der Aare Ausschau hielten. Oh weh, als welch kümmerliches Gewässer da der Rhein doch in Erscheinung trat! Er konnte einem richtig leidtun. Der arme Kerl zeigte sich völlig überfordert damit, die grossartigen Fluten aus dem Herzen der Schweiz aufzunehmen. Ein Zusammenschluss unter Gleichen sähe wohl anders aus. Zumindest in diesem Fall gilt für einmal: Das Ganze ist deutlich weniger als die Summe seiner Teile.

Letztlich ist allerdings auch die Aare nichts anderes als die Summe vieler einzelner Elemente. Was würde sie denn schon darstellen ohne ihre zahllosen Seitengewässer!? An der Grimsel entspringt sie als schmalbrüstiges Gletscherbächlein. Erst eine Vielzahl von Zuflüssen verhilft ihr zu ihrem Format als stattlicher Strom. So beschlossen wir denn hier, am Ende der Aare und der Aare-Wanderung, die Expeditionen im Land der Aare fortzuführen und zu vertiefen, hin zu ihren Nebengewässern. Mit anderen Worten: Fortsetzung folgt.