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Land der Aare (18): Im Fusionswirrwarr

An der vereinigten Aare halten die Aaronauten nach Spuren von Reuss und Limmat Ausschau.
An der vereinigten Aare halten die Aaronauten nach Spuren von Reuss und Limmat Ausschau.

Pardon, wie hiess dieser Fluss noch gleich?

Die zweitletzte Etappe der Aare-Wanderung hatte es in sich: Am 8. November 2015 sahen die Aaronauten vor lauter Wasser zuweilen die Aare nicht mehr. Trotzdem konnten sie einander nur mit Mühe vom sofortigen Durchmarsch bis zur Mündung abhalten.

Die Sonne meinte es einmal mehr gut mit uns Aare-Wanderern. Verschwenderisch goss sie schon am Vormittag goldenes Herbstlicht über die Schinznacher Auenwälder. Insgeheim hatten wir, wie wir uns gegenseitig eingestanden, auf ein zartes Nebelschleierchen gehofft, das der Landschaft eine mystische Aura verliehe. Wohlgemerkt, Nebel natürlich nur in streng dosierter Form, also mit Auflösung spätestens am Mittag.

Bei Schinznach: Oh doch, der Weihnachtsmarkt steht vor der Tür.
Bei Schinznach: Oh doch, der Weihnachtsmarkt steht vor der Tür.

Aber auch den morgendlichen Sonnenschein nahmen wir gerne hin. Einzig die Tafel, die den Schinznacher Weihnachtsmarkt annoncierte, verwirrte uns ein bisschen. Der Hinweis schien aus einer anderen Welt zu stammen (Schnee, Kälte etc.), die wir uns an diesem paradiesisch schönen, lichtgetränkten Morgen kaum vorzustellen vermochten.

Verkabeltes Paradies

Mystisch war die Stimmung jedenfalls kaum. Dafür wurde es bald einmal mysteriös. Ein Stromkabel lag auf dem Waldboden, führte die Böschung hinunter ans Wasser und verlor sich in den Wellen. Einige Minuten später entdeckten wir ein weiteres Kabel. Es säumte auf einer erstaunlich langen Strecke den Weg. Weitere Kabel lagen im Gebüsch, verliefen am Ufer, tauchten in den Fluten unter. Am anderen Ufer befand sich nicht Festland, sondern eine langgezogene Insel, die zwischen zwei Aare-Armen liegt. Offensichtlich führten die orangen Kabel zum Eiland hinüber. Die Gegend war richtiggehend verkabelt.

Einblick in die Kabellandschaft
Einblick in die Kabellandschaft

Wir begannen zu rätseln, was dahinterstecken mochte, und entwickelten folgende Thesen:

  • Auf der Insel hatte am Vorabend eine Party stattgefunden, die es quer über das Wasser hinweg mit Strom zu versorgen galt.
  • Es musste irgendwas mit dem schon bald bevorstehenden Advent zu tun haben.
  • Wahrscheinlich eine neue Methode, Fische zu fangen.
  • Die messen hier irgendetwas – vielleicht die Fliessgeschwindigkeit des Wassers oder die Grösse der Fische.
  • Da probiert jemand, Wasserkraft direkt in Strom zu verwandeln.

Brugger Hexenkessel

Unter solchen Spekulationen erreichten wir Brugg und kamen der Aare noch näher als im Auenwald. Doch dann verengte sich das Flussbett zusehends, und der Uferweg schraubte sich auf ein höheres Niveau. Schmal und zierlich wie ein Bächlein floss die Aare durch ein enges, tief eingeschnittenes Tal. An der schmalsten Stelle hatten die nachmaligen Brugger eine Brugg gebaut und damit die Grundlage für ihre Siedlung gelegt. Das Flussbett sei hier so tief wie nirgends sonst im ganzen Aarelauf, heisst es. Verlässliche Informationen dazu fanden meine Suchmaschinen allerdings nicht.

Hier achteten wir weniger auf die Kabel, aber sie waren gleichwohl da.
Hier achteten wir weniger auf die Kabel, aber sie waren gleichwohl da.

Als wir an der Hangkante standen und aufs Wasser hinunterguckten, wurde uns immerhin rasch klar, dass die Harmlosigkeit, mit der die Aare durch ihr schmales Bett gluckert, ausgesprochen trügerisch ist. An manchen Stellen quoll nachtschwarze Flüssigkeit in regelmässigen Abständen aus der Tiefe hervor, bildete ungute Wirbel und zwang nachströmendes Wasser, flussaufwärts Reissaus zu nehmen. Es sah aus, wie wenn tief unten (so ungefähr in der Nähe des Erdkerns) eine urweltliche Echse ein- und ausatmen würde und dabei den Fluss oszillieren liesse. Man möchte jedenfalls nicht hineingeraten in dieses Inferno, und darum war es uns letztlich auch schnurz, wie tief der Brugger Hexenkessel ist.

Pausenloser Pausendrang

Diesmal waren wir zu dritt unterwegs, jedenfalls anfänglich (im Verlauf der Tour kam es zu einem wundersamen Zuwachs; mehr davon später). Urs hatte sich entschieden, die Strategie zu wechseln und jetzt nicht mehr mit Penetranz, sondern beklemmend schonungsvoll auf die nahende Mittagsstunde aufmerksam zu machen. Barbara wies ihn jedoch vergnügt darauf hin, dass er mit seinen pausenlosen Pausenbedürfnissen diesmal, d.h. in vorliegender Konstellation, ganz schön in der Minderheit sei. Unterdessen rückte Windisch näher. Dem Frieden zuliebe schlug ich vor, an der nahen Reuss zu picknicken, was von meinen beiden Begleitern mit unterschiedlicher Vehemenz befürwortet wurde.

Beim Aare-Engnis in Brugg
Beim Aare-Engnis in Brugg

Doch dann verschlug uns die Wanderroute nicht wie erwartet zu den Sitzbänken am Gestade, sondern verfrachtete uns hinter dem Fabrikgelände des einstigen Spinnereikönigs Kunz vorbei an den früheren Fabrikkanal. Wir marschierten an ganzen Carport-Batterien vorbei (kann man in solcher Umgebung noch von Wandern sprechen?) und ergötzten uns an der Firmenbezeichnung «Riverside-Beauty», die an einem Einfamilienhäuschen prangte. Bald darauf verliessen wir das Siedlungsgebiet und folgten dem ewig gleich gekrümmten, kühl beschatteten und sowohl von Aussicht als auch von Sitzgelegenheiten freien Wasserlauf, was relativ trostlos und langweilig war.

Im Wasserschloss
Im Wasserschloss

Glücklicherweise besserte die Situation schlagartig – wir erreichten das Wasserschloss. Aare, Reuss und Limmat fliessen dort zusammen und bilden mit ihren Hauptläufen, Seitenarmen und künstlichen Kanälen ein fantastisches und ziemlich unübersichtliches Mosaik. Im Moment hatten wir gerade noch den Überblick: Reuss rechts, Aare links. Einzig ein Schloss im Wasserschloss vermochten wir noch nicht auszumachen. Immerhin entdeckten wir neben unserem Picknickplätzchen einen alten Militärbunker. Wir wollten gerade darüber nachsinnen, ob dieser einst vielleicht ein Schloss gewesen sei.

Lohengrins unzerstörbare Wanderkarte

In diesem Moment trat Sigi auf den Plan. Er war erst um zwei Uhr in der Frühe vom Jassen heimgekehrt, hatte sich dann aber doch entschieden, sich den Aaronauten anzuschliessen, einfach ein bisschen später. Also war er nach Brugg gefahren. Am Bahnhof hatte er sich eine Wanderkarte vom Wasserschloss gekauft, die dank wasserfestem und unzerreissbarem Papier das Überleben erleichtert. Doch als er anrief, hatte er keine Ahnung, wo er war. In Brugg habe er drei Leute gefragt, welchen Weg er nehmen solle, und drei verschiedene Antworten erhalten. Er marschiere jetzt gerade über eine Eisenbahnbrücke.

Kartografisches Fachsimpeln beim Wasserbunker
Kartografisches Fachsimpeln beim Wasserbunker

Es war die gleiche Brücke, an deren Fuss wir rasteten. Dreissig Sekunden später war er bei uns. Uns stockte schier der Atem. Sigi sah sozusagen ein wenig mitgenommen aus. Was für ein Luder, diese Aare! Sie hatte ihn heimtückisch in die Irre geführt. Zwischen Geissenschachen und Aufeld hatte er einen Wasserlauf überqueren wollen, aber keine Brücke gefunden, und sich deshalb eine Art Furt zusammenfantasiert. «Hier, nass!» sagte er, hob den Fuss in die Höhe, und seine Geste erinnerte entfernt an einen Helden aus einer Wagner-Oper.

Voodoo-Zauber im Vogelsang?

Durch Sigis Erscheinen erlangte die verpflegungsorientierte Aaronauten-Fraktion sogleich doppelte Stärke. Die Mittagsrast expandierte daher auf natürlichem Weg – Urs frohlockte. Dennoch gelang es Barbara und mir, unser Trüppchen irgendwann zum Aufbruch zu bewegen. Als wir das Vogelsang durchquerten (ein Wohnquartier, in dem früher wohl tatsächlich noch Vögel gezwitschert hatten), erkundigte sich ein Vertreter besagter Fraktion bereits nach der nächsten Beiz.

Der Provokationsversuch implodierte indessen auf beklemmende Weise, denn quer über den Asphalt zogen sich weissliche Schleifspuren, die bei zwei Puppen endeten. Diese lagen auf einem gedeckten Parkplatz und wirkten auf eine puppenhafte Art tot. Was war hier los, fragten wir uns. Was führte man im Vogelsang mit einer solch bizarren Inszenierung im Schild? War am Ende gar Hexerei oder Voodoo-Zauber im Spiel?

Zum Schluss begegneten wir einem ungestressten und fotografierfreudigen Biker.
Zum Schluss begegneten wir einem ungestressten und fotografierfreudigen Biker.

In Turgi erreichten wir den dritten grossen Fluss innert einer halben Stunde. Wir überquerten die Limmat auf einer Brücke und folgten ihr auf der Nordseite flussabwärts. Aufgrund des Richtungswechsels wurde es langsam unübersichtlich. «An welchem Fluss sind wir jetzt eigentlich?» erkundigte sich Barbara, und wir pflichteten ihr bei, dass die Anordnung der Wasserläufe relativ verwirrend sei.

Fast so titanisch wie der Amazonas

Jetzt, nachdem sie nach der Reuss auch die Limmat verschluckt hatte, wäre die Aare eigentlich zu ihrer maximalen Grösse aufgelaufen, doch Häuser und Bäume verhinderten die freie Sicht auf die fusionierte Wasserfläche. Kurz vor der Ruine Freudenau senkte sich die Wanderroute wieder bis nahe ans Wasser, doch erst bei der Stilli-Brücke konnten wir den Fluss wieder vollständig ins Auge fassen. Jetzt zeigten sich seine wahrhaft titanischen Dimensionen in voller Pracht.

Eigentlich wären wir nun so richtig schön in Fahrt gewesen. Kurz streifte uns der Gedanke, ob wir das Ding nicht einfach grad durchziehen und die Wanderung gleich bis zur Mündung fortsetzen sollten. Wetter und Stimmung hätten jedenfalls gepasst. Weil wir aber schon von anderen (sowohl versierten als auch potenziellen) Aaronauten gehört hatten, dass sie beim Finale im Dezember ebenfalls dabei sein möchten, zwangen wir uns zur Zurückhaltung.

Auf unserem Spaziergang entlang der Aare waren wir heute mehreren pressierten Individuen im Weg gewesen. Interessanterweise liessen sie sich nach Gemeinsamkeiten ordnen: Die einen rannten, waren weiblich und riefen ungeduldig, die anderen fuhren Velo, waren männlich und klingelten ungeduldig. Zum Abschluss begegneten wir jedoch einer wohltuenden Ausnahmeerscheinung. Nein, kein klingelnder männlicher Jogger, sondern ein Biker, der es ausgesprochen gemütlich nahm: Er stieg ab, um zu plaudern, und bestand darauf, von uns allen ein Föteli zu machen.

 

Routenbeschreibung: Wanderung Schinznach-Siggenthal