Zum Inhalt springen

Land der Aare (17): In der Nässe

In Aarau wurde der Bann gebrochen.
In Aarau wurde der Bann gebrochen.

 

Wasser in allen Dimensionen

Etappe Nr. 17 am 18. Oktober 2015 brachte eine weitere Premiere: Erstmals fielen während unserer Aare-Wanderung Regentropfen. Und dies gleich richtig fleissig. Allerdings lag es nicht am Wetter, dass der Dreimännertrupp am Schluss komplett durchnässt war.

Auf unserer Suche nach Bildern und Eindrücken von der Aare hatte sich allmählich eine Befürchtung herauskristallisiert. Zugegeben: den meisten Wanderern, die regelmässig im oft feucht-kalten Klima der Schweiz unterwegs sind, käme sie vermutlich absurd vor. In vielerlei wechselnden Lichtverhältnissen hatten wir den Fluss der Flüsse jetzt bereits erleben dürfen. Samtweich und seidenzart zog er dahin, glitzernd von unzähligen Reflexen der Sommersonne, der Herbstsonne, der Wintersonne und, erraten, der Frühlingssonne.

Auf zur anderen Aare

Wo aber blieb die andere Aare? Es musste sie geben, kein Zweifel. Wo war der Fluss, in dem sich das Element spiegelt, aus dem er entstanden ist? Mit anderen Worten: Wir begannen allmählich zu verzagen, ob wir auf dieser Aare-Wanderung jemals einen Regentropfen zu Gesicht bekommen würden. Noch drei Etappen blieben, um den wundervollen, zauberhaften, genussreichen, aber – psst! – irgendwie auch ätzenden Bann des ewigen Sonnenscheins zu brechen. Wer würde einem schon glauben, wenn man verschämt erläutern müsste, warum auf den Fotos von gut anderthalb Dutzend Wanderungen nur immer blauer Himmel zu sehen ist?

Im abverheiten Bahnhof. Ach ja, es war noch Wahlsonntag.
Im abverheiten Bahnhof. Ach ja, es war noch Wahlsonntag.

Aarau hat uns gerettet. Wir liessen den missgestalteten Bahnhof und den nicht minder abverheiten Bahnhofplatz zügig hinter uns und marschierten stracks an die Aare. Dort erwartete uns ein geradezu magischer Anblick. Der Fluss zog still dahin wie immer, vielleicht ein bisschen weniger blau als sonst und eher etwas graugrün. Es war alles gleich und doch vollkommen anders, denn jetzt war die Oberfläche des Wassers nicht mehr glatt und klar, sondern sie befand sich in einer gleichsam tanzenden Bewegung, die von den unzähligen, vom Himmel herabfallenden Wassertropfen herrührte. Regen sättigte die ganze Welt um uns herum: den Boden, die Bäume, die Aare. Auch unser Gemüt. Jaja, und später dann natürlich noch unsere Rücksäcke, Hosen und Schuhe.

Im Regenwald

Die Wetterprognosen hatten für den Nachmittag «etwas Regen, vor allem im Osten und an den Voralpen» verheissen. Nun war zwar erst Morgen, und wir waren weder in den Voralpen noch im Osten, doch es goss bereits recht wacker. Das war soweit kein Problem. Nur, was würde der Nachmittag bringen? Für einen von uns wurde es bereits vorher zum Problem. Finn hatte sich von Stefan von neuem für eine Aare-Wanderung motivieren lassen, und zwar mit der Aussicht auf ein Badevergnügen. Doch die Nässe stellte sich bereits lange vor Schinznach ein, denn Finn hatte am Morgen, wie es für seine Altersgruppe üblich ist, väterliche Ermahnungen in den Wind geschlagen und zugunsten von Turnschuhen auf Wanderschuhe verzichtet.

Bei der Suhre-Mündung waren die Schirme noch intakt.
Bei der Suhre-Mündung waren die Schirme noch intakt.

Wir streiften durch den Aargauer Regenwald. An fast jeder Ecke begegneten wir einem Schachen (kein Grund zur Sorge – das alte Wort bedeutet nichts anderes als Wald): Vom Aarauer Schachen ging es zum Rohrer Schachen, dann durchs Schächli zum Aarschachli und in den Giesseschache, später an Martilooschache und Oberem Faarschache vorbei nochmals zu einem Giesseschache. Überall floss, stand, fiel Wasser: Aare, Bäche, Tümpel, Teiche formten ein glitzerndes Mosaik. Auf den Wegen bildeten sich schon bald grosse Pfützen, die mit gewissen Schuhen nach und nach in einen saftig-schmatzenden Dialog traten.

Berner Hinterlassenschaft

Fast vier Fünftel der insgesamt knapp 290 km langen Aare liegen im Kanton Bern. Die Aare ist somit zur Hauptsache ein Berner Fluss. Jetzt waren wir zwar unterwegs in einem Kanton, der sie in seinem Namen führt, doch was sahen wir, als wir auf der Bibersteinbrücke standen? Den Berner Bär. Das schwarz-rot-gelbe Wappen zierte die markante Fassade von Schloss Biberstein. Merkwürdig, wie wenig enthusiastisch sich die einstigen Untertanen im Aargau von ihrer Besatzungsmacht zu emanzipieren wussten: Noch mehr als 200 Jahre nach dem Abzug der Berner Landvögte prangt dort deren Hoheitszeichen an der Wand.

Kirche Küttigen im Dunst der Regenwolken
Kirche Küttigen im Dunst der Regenwolken

Später sahen wir wieder einmal Biberspuren. Aber merkwürdig, die Frasskanten waren vollkommen geometrisch angeordnet, als wären sie mit dem Lineal gezogen worden. Während die Biber im Bernbiet ziemlich wild drauflos knabbern, scheinen sie im Aargau einen ausgeprägten Sinn für den rechten Winkel zu haben.

In Zeitlupe gegen die Hydra

Ein Schild klärte uns dann aber auf, dass hier Motorsägen am Werk waren. Man versucht auf diese Weise einem üblen Gewächs Herr zu werden: Die Robinie hat keine natürlichen Feinde und breitet sich deshalb ungehindert aus. Perfiderweise schlägt sie erst recht aus, wenn sie einfach gefällt wird. Dann wachsen wie bei der antiken Hydra gleich mehrere frische Stämme aus dem Strunk. Man kommt dem Miststück nur bei, wenn man seine Rinde ringförmig wegschneidet und ihm dadurch ganz langsam den Saft abklemmt. Ein Mord in Zeitlupe, sozusagen.

Ein Teil der Wildegger Reiher-Szene
Ein Teil der Wildegger Reiher-Szene

Der Mittag nahte, wir suchten ein Obdach und fanden es beim Freianglerverein Rupperswil. Unter dem Vordächlein des Clubgebäudes verzehrten wir unser Picknick. Stefan zog erste Trends des Wahlsonntags auf sein Smartphone. Wir malten uns aus, wie man sich landesweit in Abertausenden Haushalten jetzt langsam auf einen nachmittags- und abendfüllenden Resultatekrimi einrichtete.

Ach, all diese Mörgelis, Bäumles und anderen Kasperlis – der Aare waren sie egal. Stoisch zog sie dahin. Finn begann sich über eine bestimmte, hier nicht genannt sein sollende Volkspartei zu ereifern, argumentierte geschliffen und differenziert, entwarf stringente Thesen der politischen Psychologie – wenn einer der Kasperlis zugegen gewesen wäre, hätte er sich wohl verschämt in die Aare gestürzt.

Nahe der Heimat eines Weltkonzerns
Nahe der Heimat eines Weltkonzerns

Dann kamen wir an den Urwurzeln eines Weltkonzerns vorbei. Holcim verdankt seine ersten drei Buchstaben dem Dorf Holderbank. Vom Uferweg sieht die monströse Zementfabrik ja nicht gerade lieblich aus. Und doch steht sie für ein bedeutendes Kapitel der Schweizer Industriegeschichte. Müsste es da nicht hordenweise Kulturtouristen geben, die zu einer solch geschichtsträchtigen Stätte pilgern? Weit gefehlt. Wir begegneten auch heute kaum jemandem.

Aare-Tourismus – eine inexistente Kategorie

Es scheint im Schweizer Tourismus so eine Art Gretchenfrage zu geben: Wie habt ihr’s denn mit der Aare? Auf unseren Aare-Wanderungen ist uns ausser an der Grimsel und in der Aareschlucht kaum je ein Tourist über den Weg gelaufen. Dieser Fluss scheint definitiv kein touristischer Hotspot zu sein. Vielleicht ist dieses Distanznehmen ein Abglanz alter Ängste aus einer Zeit, da die Aare mit Hochwassern und mit Sumpffieber für Furcht und Schrecken sorgte. Heute ist sie im besten Falle Naherholungsgebiet. Da läge eigentlich Potenzial brach. Wann kommen die ersten Koreaner auf die Idee, im Aarschachli sei es definitiv schöner als in den Zermatter Uhrenboutiquen? Wo bleibt der Tourismusdirektor, der die Destination Aare aus der Taufe hebt?

Landschaften wie von flämischen Meistern gemalt
Landschaften wie von flämischen Meistern gemalt

Möge er im Pfefferland bleiben und die Aare weiterhin den stillen Geniessern überlassen. Die Landschaft glänzte frisch gewaschen. Auenwälder am gegenüberliegenden Ufer zeigten sich in dezent buntem Blätterkleid. Da und dort spreizte ein Reiher gelassen seine Flügel. Die Welt sah aus, wie wenn ein flämischer Meister sie gemalt hätte. Schon bei Wildegg hatte der Regen nachgelassen. Finns Schirm war nahezu in Auflösung begriffen. Jetzt konnte er die Trümmer getrost verräumen. Wir näherten uns der finalen Nässe. Schon rückte das Schinznach Stauwehr von Schinznach in Sichtweite. Ein kleiner Abstieg, ein paar Schritte über den Golfplatz, danach standen wir vor dem Thermalbad Schinznach.

Vom Regen in die Thermaltraufe

Das gleichnamige Dorf liegt praktisch am Fuss der Habsburg. Doch wer denkt, dass schon die alten Habsburgerkönige dort der Wellness frönten, täuscht sich: Die Quelle sprudelt erst seit Mitte des 17. Jahrhunderts. Freigelegt wurde sie übrigens durch – die Aare, und zwar bei einem Hochwasser. Innert kurzer Zeit entstand reger Kurtourismus, doch dann überschwemmte die Aare das Gelände erneut. Die Quelle mit schwefelhaltigem Thermalwasser wurde verschüttet und konnte erst nach jahrelanger Suche wieder erschlossen werden. Seither kriegt man dort nasse Füsse, wenn man will. Die Aaronauten wollten, und zwar dezidiert.

Routenbeschreibung: Wanderung Aarau-Schinznach

Die finale Durchnässung steht kurz bevor.
Die finale Durchnässung steht kurz bevor.