Zum Inhalt springen

Land der Aare (16): Im Zwiespalt

Heftige Kontraste bei Gösgen
Heftige Kontraste bei Gösgen

Ein Unort mit Liebreiz

Etwas zwiespältig waren die Eindrücke, die es auf der 16. Etappe der Aare-Wanderung am 27. September 2015 zu erleben gab. Ausgerechnet an einem der dubiosesten Orte der Schweiz zeigte sich die Aare von ihrer bisher wohl schönsten Seite.

Wer öfters mit dem Zug zwischen Bern und Zürich unterwegs ist, dürfte mit dem Anblick bestens vertraut sein: Wenn der Intercity durch den Bahnhof Däniken braust, zeigt sich im Norden der monströse, aber irgendwie auch elegante Kühlturm des Kernkraftwerks Gösgen. Bei passender Witterung sieht man dieses Gebilde übrigens von der halben Schweiz aus: Auf dem Napf, dem Pilatus oder dem Jungfraujoch (um nur ein paar einschlägige Gipfel zu nennen) zeigt einem die Dampffahne exakt den AKW-Standort.

Bedrohliche Perspektive

Wie würde es sein, direkt an einem solchen Unding vorbeizuflanieren? Das Kernkraftwerk steht unmittelbar an der alten Aare, und unsere Route, so wusste ich, würde heute dort vorbeiführen. Ich wusste aber auch, dass die Region Olten-Aarau zu den berüchtigtsten Nebellöchern der Schweiz zählt und dass die Wetterfrösche just für den Tag unseres neusten Aare-Wanderstreichs dichte und zähe Nebelschwaden herausposaunt hatten. Würde einen der unfrohe Dampf da nicht fast ersticken, wenn er von unten an den grauen Deckel prallt?

Unterwegs an der alten Aare im Niederamt
Unterwegs an der alten Aare im Niederamt

Es kam ganz anders. Tatsächlich lag an diesem Morgen, als ich aufbrach, ein kompakter Hochnebeldeckel – über den Bergen des sonst doch recht sonnigen Berner Oberlands. Dafür blinzelte die Sonne ab Rothrist hervor, und als der Zug in Olten einfuhr, war es schon fast «grand beau». Die armen Oltener begannen mich zu dauern, die jetzt im Vertrauen auf die Meteorologen zum Beispiel an den Oeschinensee fuhren, weil sie dort ein paar Sonnenstrahlen zu erhaschen hofften – um dann den ganzen Tag im Kandersteger Nebel herumzutappen.

Eine Rarität: Herbstsonne in Olten

So zogen wir also los, im atypischen Sonnenschein des herbstlichen Oltens. Eine kühle Bise wehte uns entgegen, doch gleichwohl lag eine merkwürdige Wärme in der Luft. Beim Stauwehr Winznau schieden sich die Geister, oder wenigstens die Wege: Rechts oder links? Für beide Seiten der Aare verhiess die Signalisation Uferwege. Wir entschieden falsch, wie wir nach einer Weile erkennen mussten: Der linke Uferweg war gesperrt und aus unerfindlichen Gründen von der alten Aare zum kanalisierten Flussarm verlegt worden. Uns begleitete damit zwar immer noch Aarewasser, aber halt in etwas öder und langweiliger Form.

Idyllische Auenlandschaft im Gösger Schachen
Idyllische Auenlandschaft im Gösger Schachen

Immerhin gab es alle paar hundert Meter ein Treppchen, das verlockend ins Wasser führte. Sigi stieg einige Stufen hinunter, um mit der Hand die Wassertemperatur zu erfühlen. «Seichwarm!» diagnostizierte er im Brustton der Überzeugung, um dann gleich mit einer schwungvollen Temperaturschätzung nachzudoppeln: «Mindestens 23 Grad, wenn nicht 25.»

Badediskussionen

Caroline sensorisierte ebenfalls, schätzte «etwa 20 Grad» und begann zu bedauern, das Badekleid nicht eingepackt zu haben. Aline hingegen stiess beim Kontakt mit dem Flusswasser einen indignierten Laut aus und stellte schroff fest: «16 Grad!» – was vom anschliessend befragten Orakel der Aare-App flugs bestätigt wurde. Soviel zum Thema Subjektivität in der Wahrnehmung. Gebadet wurde an diesem Tag jedenfalls nicht.

Sigi beim Fühlen
Sigi beim Fühlen

Die Dampffahne aus dem AKW sah angesichts des mild-blauen Himmels überraschend beiläufig aus. Auf der Höhe von Obergösgen wirkte der Kühlturm fast ein wenig gemütlich (man möge mir, einem eingefleischten Atomkraft-Skeptiker, diese Formulierung nachsehen). Mit etwas Phantasie konnte man sich ausmalen, es handle sich um den gigantischen Joint eines Riesen, der da auf dem Rücken lag und vor sich hinpaffte.

Spiel und Sport beim Betonmonster

Je näher wir dem Turm kamen, umso kleiner schien er zu werden (wie der Herr Tur-Tur aus «Lukas der Lokomotivführer»), und schliesslich verschwand er vollends hinter den Bäumen. Doch als wir dann den Auenwald durchquert hatten und direkt gegenüber dem Kernkraftwerk an die alte Aare stiessen, ragte das Betonmonster auf einmal mit beklemmender Wucht in den Himmel.

Aline beim Schwingen
Aline beim Schwingen

Was für ein seltsamer und zwiespältiger Kontrast: Dort drüben diese architektonische Zumutung, und hier eine Flusslandschaft, so zauberhaft und urwüchsig, wie wir das an der Aare noch nie gesehen hatten, obwohl dieser Fluss ja eigentlich schon bisher mit schönen Plätzchen reich gesegnet war. Alte Bäume trieben ihre knorrigen Wurzeln in den sandigen Boden, üppig grüne Graskissen polsterten das Ufer, mit jugendlichem Übermut sprudelte das Wasser zwischen ebenmässig geformten Kieseln dahin.

Von einem der Bäume hing, hart an der Wasserlinie, ein Seil mit eingespanntem Holzgriff herunter. Was eigentlich für sommerliche Schwünge ins kühle Nass gedacht ist, begann auf Aline eine unwiderstehliche Anziehungskraft auszuüben. Allerdings schien sie auch ein gewisses Risiko zu orten: Könnte der Schwung sie womöglich zwar weit über die Wasserfläche hinaus-, danach aber nicht mehr genug weit ans sichere Ufer zurücktragen?

Der Garten des Schuhfabrikanten
Der Garten des Schuhfabrikanten

Vor dem geistigen Auge sah sie sich wohl bereits durchnässt an Land kriechen und danach triefend (womöglich unter diskret hämischen Blicken und Sprüchen) nach Aarau watscheln. Mit gemischten Gefühlen umschlich sie das verlockende Spielzeug, zauderte und zögerte. Doch plötzlich fasste sie sich dann doch ein Herz, krallte sich den Knebel und schwang sich wildentschlossen in den Luftraum über der Aare. Das Selbstüberwindungsmanöver endete zum Glück trockenen Fusses.

Im Schachen Aarau
Im Schachen Aarau

Die Aare in Höchstform

Später picknickten wir beim Inseli mit Blick hinüber zum Bally-Park, danach erjammerte sich Sigi einen Kaffeehalt und gleich anschliessend noch eine Glacé-Pause. Dazwischen brachten wir unansehnliche Schönenwerder Wohnquartiere hinter uns, waren uns aber bewusst, dass wir auf der heutigen Etappe eigentlich mit erstaunlich wenig Bausünderei konfrontiert worden waren (abgesehen natürlich vom Tur-Tur-Joint). Jedenfalls blühte die Aarelandschaft im Schachen Aarau nochmals zu Bestform auf: Inselchen im Fluss und wohlgestalteter Auenwald gruppierten sich zu einem wunderbar harmonischen Bild, das einen die Nähe der Kantonshauptstadt glatt vergessen liess. Naja, so nah war sie dann auch wieder nicht, dachten wir, als unsere nunmehr allmählich schweren Beinen uns vom Flussufer durch den Verkehr an den Bahnhof Aarau trugen.

Routenbeschreibung: Wanderung Olten-Aarau

Am Routenziel: Aarau
Am Routenziel: Aarau