
Wo kein Weg, da ist auch kein Wille
Kartenlesen und Improvisation seien gefragt, hatte es im Vorfeld der 15. Etappe der Aare-Wanderung geheissen. Es kam ganz anders an diesem 30. August 2015. Die Tour war ziemlich einfach und verlief extrem wohlgeordnet. Dabei führte sie buchstäblich durch Niemandsland.
Mit diesem Moment hatte ich schon lange gerechnet. Dauerregen, stürmische Winde, Schneegestöber – Petrus verfügt über ein reiches Arsenal, um die Leute vom Wandern abzuhalten. Irgendwann einmal würden alle meine Wandergspänli zur gleichen Zeit von der Teilnahme an der Aare-Wanderung absehen. In Murgenthal also war es soweit: Am Bahnhof stand – niemand. Naja, fast niemand. Zu den Ausnahmen kommen wir später.

Weder Nässe noch Kälte hatte die übrigen Aaronauten abgehalten, sondern die Drohung der Wetterfrösche: 35 Grad seien zu erwarten. An solchen Hitzetagen zieht es normale Wanderer, tja, wohin wohl? Natürlich in die Berge! Ich wollte mein Aare-Ding aber gleichwohl durchziehen. Umso mehr, als dass es auf dieser Etappe darum ging, sich seinen eigenen Uferweg zu suchen. Zwischen Murgenthal und Olten verlaufen die offiziell signalisierten Wanderwege nämlich auf längeren Strecken fern der Aare.
Zweifelhaftes Naturidyll
Bei der Anreise wurde dem Aaronauten der Grund dafür klar. Zum Ausgangspunkt Murgenthal fuhr er via Olten. So konnte er die bevorstehende Wanderstrecke wenigstens bruchstückhaft einsehen. Als neuralgische Zone erwies sich das Teilstück zwischen Murgenthal und Rothrist: Auf der rechten Aareseite war nichts als Bahngeleise und Industriegebäude. Am gegenüberliegenden Ufer gab es mehr Natur, aber solche von der zweifelhaften Sorte: Unberührter, d.h. zeckenverseuchter Auenwald, absurd steile Böschungen, dazwischen kleine Lichtungen, auf denen Zelte standen sowie Geräte, die wie Gartengrills aussahen, aber vielleicht auch Selbstschussanlagen waren, mit denen sich die eingeborenen Aaregeniesser allfälligen ungebetenen Besuch vom Leibe halten würden.

Da sichtlich kein Weg vorlag, erlahmte auch der Wille des letzten verbliebenen Aare-Mohikaners. Mögen doch andere den Pfadfinder spielen und im Gelände herumexperimentieren, sagte er sich und wählte eine Alternative, die gleichsam das andere Extrem darstellt: Er schlug eine der wohlsignalisierten Routen der Aargauer Wanderwege ein. Es ist eine Art von religiösem Erlebnis, sich deren Reich anzuvertrauen: Mit perfekt ausgeschilderten Wegen wird man gleichsam bei der Hand genommen und fürsorglich durch die Welt geleitet. Im Hinblick auf die Aare war die Wanderung durch das Langholz allerdings gewissermassen ein Sündenfall – die Strecke führte abseits des Flusses durch Niemandsland. Doch da niemand dabei war, stellte dies praktischerweise kein Problem dar.

Begegnungen im Niemandsland
Zu den oben erwähnten Ausnahmen: Unterwegs begegneten dem Aaronauten (in chronologischer Reihenfolge)
- zwei ziemlich welke Irokesen (einer pink, der andere orange), die auf dem Heimweg von der Street-Parade in Murgenthal aus dem Zug taumelten,
- drei Hundeinhaber mit ihren bepelzten Spaziergangsmotivatoren,
- eine Nordic-Walking-Läuferin (ach, wie nostalgisch – sowas gibt es tatsächlich noch immer!), die mit laut klappernden Stöcken durch den Wald hastete,
- ein Haufen Frösche, die sich beim Waldweiher im renaturierten Langholz ins Wasser stürzten, weil sie den Aaronauten offensichtlich mit einem Storch verwechselten.
Ab Aarburg gab es weitere Ausnahmen gleich en gros. Dazu weiter unten mehr.

Übrigens, erwähntes Langholz ist ein ziemlich schönes und ordentlich grosses Stück Wald, das den Umweg abseits der Aare durchaus rechtfertigt. Auch das Dorf Rothrist hat seine Reize. Unerwarteterweise zeigte es sich nicht einfach als gesichtslose Agglozone (dies allerdings ebenfalls), sondern auch mit schönen alten Häusern. Heftig war dann dafür das Bahnhofsviertel mit keimtötenden Lärmschutzwänden und unermesslich langer Unterführung. Anschliessend folgte die Industriezone, und grad als sich der Aaronaut ausmalte, dass diese Betriebe auch schon bessere Zeiten hatten als die jetzige Ära des schwachbrüstigen Euro, da schepperte und brummte es in einer riesigen Fabrikhalle. Man war am Werk, sogar sonntags.

Danach ging es endlich an die Aare. Zweiarmig strömt der Fluss unterhalb des Stauwehrs Ruppoldingen dahin. Am Ufer lagen grosse Sandbänke, auf denen Unerschrockene den vor Schwall und Sunk warnenden Tafeln der Kraftwerksbetriebe trotzten und sich im Wasser erfrischten. Kurz vor Aarburg war es bereits wieder vorbei mit Stille und Einsamkeit: Im «Aare-Chill» fläzten Hundertschaften (vermutlich das halbe Städtchen) in Lounge-Sesseln, auf Liegestühlen oder einfach so im Gras. Andere schwammen im Fluss, planschten oder sassen ganz simpel im seichten Wasser.
Wälzendes Zusammenstossen
Aarburg ist bekannt für seine Aarewoog ( = Waage). Am Fluss steht eine Tafel, die das Phänomen wie folgt erklärt (Auszüge): «Die Entstehung einer Walze oder Woog ist auf das wälzende Zusammenstossen etc. … entsteht eine Trennzone, welche wiederum zyklusartig eine lokale Erhöhung etc. … Dadurch ist es möglich, dass ein Wasserspiegel-Längsgefälle in der Ablösungszone entgegengesetzt dem Längsgefälle der Hauptströmung entsteht.» Alles klar? Man könnte es bei Bedarf auch relativ einfach ausdrücken: Ein Teil der Aare fliesst dort rückwärts.

Danach ging’s hinüber ins Solothurnische. Sofort war es vorbei mit dem fürsorglichen Service der Aargauer Wanderhirten. Alles war unklar: Die eine Wegweisertafel zeigte in eine Wiese, die andere hangaufwärts, wo der Aaronaut just nicht hinwollte. Also galt es den Kompromiss zu wählen, und dieser führte mittendurch auf den Veloweg, der einigermassen nah am Fluss verläuft. Links die Lärmschutzwand, hinter der die Eisenbahnzüge Anlauf für die Hochgeschwindigkeitsstrecke nehmen, rechts das Ufergehölz, dahinter die mit sanftem Rauschen dahinziehende Aare.
Do-it-yourself-Uferweg
Ganz zum Schluss dann, kurz vor dem Chliholz, gab es doch noch eine kleine Herausforderung für den Möchtegern-Pfadfinder, so nach dem Motto: Wir basteln uns unseren eigenen Uferweg. Statt auf dem Asphalt weiterzuwandern, beschritt der Aaronaut einen Feldweg, der alsbald in einen sumpfigen Pfad überging und danach zur Bahnlinie einschwenkte. Was würde dahinter folgen – ein Absperrgitter? Die Fallgrube eines bis anhin unentdeckt gebliebenen steinzeitlichen Kannibalenstamms? Das Ende der Welt?

Nichts von alledem, es ging unspektakulär weiter, und das Niemandsland nahm rasch ein Ende: Das Weglein führte am oberen Ende einer steilen Uferböschung dem Waldrand entlang und mündete in den Wanderweg, der nach Olten hinein und, weiterhin der Aare entlang, an den dortigen Bahnhof führte.
Und die Bilanz? Mit maximal reduziertem Teilnehmerkreis legte das Aaronautentrüppchen diesmal eine überdurchschnittlich hohe Disziplin an den Tag. Dies zeigte sich insbesondere darin, dass es erstmals keinerlei Diskussionen über Anzahl, Dauer und Intervalle von Pausen gab (ehrlich gesagt fehlten sogar die Pausen selbst, da der Aaronaut angesichts der sengenden Hitze auf jegliche äh unnötige Aktivitäten verzichtete). Die Qualität der Gespräche über Gott, die Aare und die Welt wurde seitens des erwähnten Teilnehmerkreises allerdings als ausserordentlich dürftig beurteilt.
Routenbeschreibung Murgenthal – Olten