
Der stillste See der Schweiz
Einmal mehr sorgte die Aare für eine Überraschung. Als die Aaronauten am 8. Mai 2015 die elfte Etappe von Hagneck nach Brügg unter die Füsse nahmen, war Improvisation gefragt, denn wegen Hochwassers war der Uferweg teilweise im See verschwunden. Das hatte allerdings auch Vorteile.
Manchmal enden Wanderungen nicht am ursprünglich vorgesehenen Ort. Es kann aber auch vorkommen, dass sie an einem anderen Ort beginnen als geplant. Den Aaronauten widerfuhr am selben Tag sogar beides zugleich, und es erwies sich nicht einmal als besonderes Kunststück. Man sass im Zug von Biel Richtung Hagneck, schwatzte über dies und das, schaute zum Fenster hinaus, sah plötzlich die Aare und – schwups, war sie schon vorbei.
Vermeidungsstrategie?
Hagneck war uns von der letzten Etappe als ausgesprochen hässliche Bahnstation in unvorteilhafter Erinnerung geblieben, und vermutlich begannen vor diesem Hintergrund geheime seelische Kräfte zu wirken. Wir empfanden wohl nicht gerade ein erdrückend grosses Interesse, wirklich hier auszusteigen. Also übersahen und überhörten wir geflissentlich den Hinweis «Halt auf Verlangen». Daher: Start in Lüscherz…

Das bescherte uns zunächst einmal eine zusätzliche halbe Wanderstunde, die sich allerdings in einem sehr ansehnlichen Frühlingswald voll spriessendem Grün abspielte. Als Gratisbeilage erhaschten wir einen eindrücklichen Tiefblick auf das gewaltige Wasserkraftwerk Hagneck, den wir unmöglich erlebt hätten, wenn wir die Wanderung ordnungsgemäss begonnen hätten.
Auf Irrwegen
Irgendwie schafften wir es danach aber nicht, vom Ausguck gleich direkt zur Mündung der Aare abzusteigen. Vielmehr führte uns ein verlockend hübsches Weglein zuerst recht zaghaft, dann immer entschiedener flussaufwärts, bis wir tatsächlich wieder ganz nahe an dieser vermaledeiten Bahnstation Hagneck waren. Von dort näherten wir uns dann auf regulärem Wanderweg dem See.

Mit der Regularität war es allerdings rasch wieder vorbei. Östlich des Wasserkraftwerks verlief der Wanderweg durch flaches, üppig grünes Wiesland. Rechts erhob sich dunkler Tannenwald, links war durch den Auenwald hindurch der See zu erahnen. Nichts als Natur! Aber oha, da hob sie an zu zetern, die Natur. Ein urtümliches Gekreisch erklang, zuerst leise, dann, als wir näher kamen, immer lauter. Es waren Frösche am Werk, und sie veranstalteten einen Mordskrach.
Jauchzende Amphibien
Offensichtlich waren sie im Element. Ihr Gequake war der hörbare Ausdruck eines geradezu amphibischen Glücks: Der Bielersee war randvoll an diesem Tag, oder sogar noch ein bisschen voller. An manchen Stellen schwappte das Wasser über die Ufer. Was den Fröschen behagte, zeitigte für die Aaronauten Nachteile. Der Uferweg war an verschiedenen Stellen ganz einfach im See verschwunden.

Auf der Wanderkarte war nahe Mörigen ein Flurname «Am See» vermerkt. Es musste sich um einen Druckfehler handeln, denn die Stelle lag heute eindeutig «Im See». Wir umgingen das Gewässer landeinwärts und gelangten an einem Haus vorbei, vor dem ein Radiator stand. Daran klebte ein Zettel mit der Aufschrift «Wer vermisst mich?» Zuvor hatte es an mehreren Kandelabern schon Vermisstmeldungen zu lesen gegeben, die sich allerdings auf entlaufene Katzen bezogen. Hier lag jetzt offensichtlich ein herrenloser Heizkörper vor. Urs fand den Fall interessant und meinte, ein solches Schnäppchen gehöre doch einfach in den Rucksack.

Noch mehr schleppen? Oje… Mit fortschreitender Wanderung wurden unsere Beine schwerer und schwerer. Schuld war das Hochwasser. Es gab zwar durchwegs Ausweichmöglichkeiten, etwa über den Veloweg oder auf etwas erhöhten Strässchen. Die Ersatzrouten erhöhten jedoch den Hartbelagsanteil der Wanderung beträchtlich.
Schwimmend auf dem Uferweg
Die Flut hatte allerdings auch sehr reizvolle Aspekte. Land und Wasser verschwammen ineinander, was der Uferlandschaft mitunter einen surrealistischen Anstrich verlieh: Die Trennlinien zwischen festem und fliessendem Grund verwischten sich. Kurios war etwa der Anblick des Wanderwegs beim Von-Rütte-Gut: Unter den gut zehn Zentimetern Wasser, die das Ufer hier überspülten, zeichneten sich die Konturen des Kieswegs deutlich ab. Die Enten, die darüber hinwegschwammen, kümmerte dies freilich nicht.

Einen weiteren Effekt nahmen wir erst nach einer Weile wahr, dann aber mit umso grösserem Genuss. In Gerolfingen hielten wir Ausschau zu den Dörfern auf der gegenüberliegenden Seeseite und zum Chasseral, der sich darüber erhebt. Ein Zug fuhr dröhnend durch die Rebberge. Danach war es wieder still. Und zwar radikal. Kein Hauch trübte die Ruhe dieses sonnigen Maientags.
Wegen des Hochwassers hatten die Behörden kurzerhand jeglichen Schiffsverkehr auf dem Bielersee verboten. Das traf nicht nur die Schifffahrtsgesellschaft, sondern auch den privaten Kleinbootverkehr. Des einen Leid, des anderen Freud, denn damit unterblieben Beeinträchtigungen durch jeglichen Wellenschlag: Keine Wasserstösse schädigten die Ufervegetation, keine Luftschwingungen vergällten die friedliche Stimmung.

Allerdings verschaffte sich die motorisierte Penetranz andere Mittel, um sich zu verwirklichen. Rund um den Bielersee hatten sich offensichtlich Heerscharen von verhinderten Bootsführern ein E-Bike beschafft. Jedenfalls flitzte eine ganze Armada von unnatürlich schnellen Zweirädern auf den Uferwegen herum. Die Aaronauten waren ihnen lästige Hindernisse, die es gehörig aus dem Weg zu klingeln galt.
Wer nicht radelte, führte zumindest eine Kreation aus der Hundeboutique spazieren, die sich bevorzugt vor uns in Drohpositionen aufbaute – die Natur am Bielersee scheint über eine unerschöpfliche Phantasie zu verfügen. Doch just an diesem Tag war das Aaronauten-Team auch wieder einmal mit einem Hund unterwegs. Karin hatte ihre Ayla mitgenommen, die mit stoischer Gelassenheit ihre Design-Konkurrenz ignorierte.

Das Stauwehr bei Port dient seit der Juragewässerkorrektion dazu, den Pegelstand des Bielersees zu regulieren. Heute aber gab es nichts zu regulieren. Sämtliche fünf Schleusen standen einfach offen. Wo die Aare sich sonst die Verengung auf einen schmalen Durchlass gefallen lässt und anschliessend mehrere Meter in die Tiefe plätschert, schoss sie jetzt pfeilgerade und ohne Höhenunterschiede einfach durch das Bauwerk hindurch. 700 Tonnen Wasser pro Sekunde seien es gegenwärtig, stand in der Zeitung zu lesen, und die Redaktion hatte berechnet, wie oft man mit dieser Menge die Toilette spülen könnte: 70’000 Mal.
Betörendes Eisfach
Trotz dieser erfrischenden Perspektive wurde uns allmählich flau. Eigentlich hatten wir die Absicht, unsere Tour bis nach Büren durchzuziehen. Doch der viele Asphalt und das ewige Geklingel der Zweirad-Kapitäne entfalteten zusehends ihre Wirkung, und den Rest besorgte die sengende Maisonne. Knochen und Gelenke meldeten sich mit diskretem Räuspern. In Brügg gaben die Aaronauten der Erschöpfung nach – und dem Lockruf der Magnum-Kühltruhe im «Avec» beim Bahnhof.
Routenbeschreibung: Wanderung Hagneck – Brügg