
Die korrigierte Landschaft
Auf der zehnten Etappe der Aare-Wanderung vom 12. April 2015 spielte die Aare merkwürdigerweise eher eine Nebenrolle. Im Vordergrund standen Wunsch- und Alpträume – sie bezogen sich unter anderem auf Himbeerkrusten und Papierfalttechniken.
Die Menschheit scheidet sich bekanntlich in Fraktionen: Hundenarren, Knoblauchverächter etc. Auch unter den Aaronauten haben sich schon verschiedentlich interessante Koalitionen gebildet. Barbara und Cornelia etwa sehen den Hauptzweck des Wanderns im Wandern. Wenn ihr Laufwerk in Gang gesetzt ist, dann gibt es buchstäblich kein Halten mehr. Pausen? Zwischenverpflegung? Mittagsrast? Das scheint ihnen im Grunde ziemlich entbehrlich.

Monika und Urs hingegen assoziieren das Gehen konsequent und recht intensiv mit der Nahrungsaufnahme. Für sie gliedert sich eine Wanderung in verschiedene Phasen der Vorfreude, nämlich auf das erste Znüni, das zweite Znüni, das Mittagessen, das erste Zvieri usw., zuzügl. improvisierte Imbisse zwischendurch. Man wird begreifen, dass ich mich noch immer beglückwünsche zur Schaffung der Funktion eines «Maître de Sandwich» auf den Aare-Wanderungen – so darf sich jeweils jemand anderes mit dem Ausgleich zwischen den auseinanderstrebenden Interessen herumschlagen.

In dieser Hinsicht war fast unvermeidlich, was passierte, als wir zum Güggelisloch kamen. Urs sah vor seinem geistigen Auge bereits gebratene Hühner. Aber oha: Der Name des begehbaren Stollens soll auf die Dialektbezeichnung für eine Kröte oder für den Kuckuck zurückgehen – also auf Dinge, die man nicht auf Anhieb als essbar einstuft. Doch der Startschuss war gefallen, das Thema gesetzt – von jetzt an fokussierte die Verpflegungsfraktion ihre Gedankenarbeit (und ihre Sprechleistung) auf kulinarische Dimensionen.
Katalog von kulinarischen Forderungen
Den Höhepunkt erreichte das Geplänkel mit einem Katalog von Anforderungen an die nächste Etappe der Aarewanderung: Picknickplatz mit Feuerstelle zum Würstebräteln, danach ein Erdbeerfeld zum Selberpflücken, am Schluss ein Kiosk mit wohlsortierter Glacéauswahl. Wenn die Ansprüche tatsächlich in diesem Ausmass steigen sollten, werde ich nicht umhin kommen, meinen Brotberuf an den Nagel zu hängen, um mich vollamtlich der Routenrekognoszierung widmen zu können.

Immerhin werde ich dann auch genug Zeit haben, das korrekte Auseinanderfalten von Wanderkarten zu üben. Seit etwa zehn Jahren werden diese nämlich aus Gründen, die mir nach wie vor schleierhaft sind, nach einem irgendwie ungeeigneten geometrischen Muster gefalzt (Kenner nennen es Wickelfalz). Das hat zur Folge, dass ich die Karte fast jedes Mal verkehrt in den Händen halte, nachdem ich sie aufgeklappt habe. Schon auf früheren Etappen gab mich dies zuweilen der Lächerlichkeit preis. Mir wurde mehrfach eingeschärft, es sei ein fataler Fehler, wenn man sich an der Titelseite der Karte orientiere.
Im Tessin wär’s kein Problem
Diesmal goss Urs recht fleissig Hohn und Spott über meine Unbeholfenheit. Kunststück, er arbeitet bei einer topografischen Behörde, deren Name mir im Moment gerade entfallen ist, aber er hat mir eingeschärft, das sei sowieso quasi geheim. Er will meinen «Fall», wie er es zu bezeichnen beliebt, demnächst seinen Kollegen aus dem Marketing unterjubeln, damit die auch mal wieder was zu lachen haben. Oje, es kommen schwere Zeiten auf mich zu. Da lobe ich mir mein ältliches Kartenblatt «Val Verzasca», das noch im vernünftigen Zickzack-Falz gefertigt ist, und denke, dass wir uns, wenn wir mit der Aare fertig sind, vielleicht dem Tessin zuwenden sollten.

Den Nabel und den Blinddarm der Aare hatten wir schon kennengelernt, jetzt war der Bypass an der Reihe. Der Flusslauf, dem die Aaronauten diesmal folgten, ist teilweise ziemlich unnatürlich. Im Raum Aarberg wurde die Landschaft im 19. Jahrhundert radikal umgepflügt. Seit dem Mittelalter war das Berner Seeland mehrmals grossflächig überschwemmt worden. Die Region hatte weitgehend unfruchtbare Böden, und riesige Sumpfflächen bildeten Brutstätten für Mückenplagen und Krankheiten. Die Aare weist in diesem Gebiet nur wenig Gefälle auf, führt aber grosse Geschiebemengen mit sich.
Gemüsegarten dank Staatsgründung
Für Abhilfe sorgte eine grossräumige Korrektion. Pläne dafür waren schon im 18. Jahrhundert diskutiert worden, aber weil das Problem gleich vier verschiedene Staaten betraf (Bern samt Waadt sowie Freiburg, Neuenburg und Solothurn), ging es nicht vorwärts. Erst nach der Gründung des Bundesstaats kam das Vorhaben in die Gänge. Unter der Leitung des Bündner Ingenieurs Richard La Nicca wurden zwischen 1868 und 1891 mehrere aufeinander abgestimmte Massnahmen umgesetzt: Die Aare wurde durch den Aare-Hagneck-Kanal von Aarberg in den Bielersee abgeleitet; die Zihl wurde zwischen Neuenburger- und Bielersee zum Zihlkanal sowie zwischen Nidau und Büren zum Nidau-Büren-Kanal korrigiert und vertieft; die Broye wurde zwischen Murten- und Neuenburgersee zum Broye-Kanal ausgebaut; der Wasserspiegel der Juraseen wurde um ca. 2,5 m abgesenkt. Weil sich das entwässerte Gelände im Laufe der Jahrzehnte senkte, mussten die Korrekturen von 1962 bis 1973 um einen weiteren Meter vertieft werden.

Seither ist die einstige Petersinsel zur Halbinsel geworden. Und das schmucke, früher vom Wasser umspülte Städtchen Aarberg, wo schon die Römer die Aare überquerten, wird vom Fluss jetzt schnöde links liegen gelassen – den ursprünglichen Aarelauf Richtung Lyss dämmt eine Schleuse zu einem schmalen Bächlein ein, während der grösste Teil des Wassers Richtung Bielersee fliesst. Durch diesen Bypass wird natürlich auch die Geschiebelast abgeführt. Wasserbautechnisch war die Juragewässerkorrektion jedenfalls ein Geniestreich: Seither dient der Bielersee als Depot für all den Krempel, den die Aare aus den Bergen herbeischleppt. Auch in landwirtschaftlicher Hinsicht wurde enormer Nutzen gestiftet: Die einstigen Sumpfböden dienen seither als fruchtbarer Gemüsegarten der Schweiz.
Reizvolle und andere Landschaften
Damit nicht genug: Wenige Jahrzehnte nachdem die Aare gebändigt worden war, setzte man sie als Transmissionsriemen für die sich rasant verstärkende wirtschaftliche Entwicklung des Mittellands ein. Gleich in vier grossen Flusskraftwerken zwischen Bern und dem Bielersee (Wohlensee, Niederried, Aarberg und Hagneck) wird die Kraft des Wassers in Elektrizität umgewandelt.

So wanderten die Aaronauten also durch Naturlandschaften, denen von menschlicher Hand der Stempel aufgedrückt worden war. Auf manchen Abschnitten war das sehr reizvoll (etwa entlang des Niederried-Stausees oder unterhalb davon), auf anderen – naja.
Verkehrte Dramaturgie
In Aarberg fand Monika, es sei genug. Insgeheim bewunderte das Resttrüppchen sie – und benied sie um die lockere Zielstrebigkeit, mit der sie ankündigte, zum Bahnhofkiosk zu schreiten, um dort eine neue Sorte Magnum zu erstehen (mit Himbeerkruste, Urs vergitzelte fast). Vorerst munter und energisch schritten die verbliebenen Aaronauten voran, durchquerten die flussnahen Wohngebiete Aarbergs und genossen den Blick in den schattigen Auenwald. Doch nach einer letzten Kurve enthüllte die Landschaft schlagartig ihr wahres Gesicht. Vor uns lag eine pfeifengerade, kilometerlange, exquisit monotone Strecke: Links der Fluss, rechts Wiesland, in der Mitte die breite Wanderpiste, von oben eine sengende Sonne, die sich einbildete, es sei nicht etwa April, sondern Juli.
Es lässt sich nicht dementieren: Sie ist simpel, die Landschaft am Hagneck-Kanal. Für das neue Flussbett der Aare machten sie seinerzeit keine grossen Umstände: Sie baggerten die Rinne aus und schütteten mit dem Material auf beiden Seiten einen Damm auf, fertig. Was ist der Nutzen, diese Strecke zu bewandern? Hauptsächlich dies: Jetzt können wir wenigstens festhalten, einmal in unserem Leben den Hagneck-Kanal in voller Länge abgelaufen zu haben.

In Sachen Landschaftsdramaturgie war diese Wanderung halt irgendwie verkehrt: Den Höhepunkt gab’s zum Einstieg, danach folgte ein längeres, aber ganz passables Intermezzo, und den Schluss bildete ein kilometerlanger Abtörner, bei dem einem Gesicht und Füsse fast einschliefen. Die Expedition nahm ein letztlich unbefriedigendes Ende, nämlich am Bielersee, oder genauer gesagt: fast am Bielersee – wenige 100 Meter fehlten noch bis zum Ufer. In der Fortpflanzungsbiologie gibt es für solch zwiespältige Erlebnisse scheint’s einen eigenen Fachbegriff, der mir im Moment aber ebenfalls nicht einfällt, irgendwas mit Interruptus oder so.
Unfrohes Schweigen
Jedenfalls kam unter den Aaronauten zum allerersten Mal seit dem Start auf der Grimsel so ein leicht klebriger Groove auf, der einen sonst höchstens dann befällt, wenn man am Schluss einer Wanderung noch eine halbe Stunde lang durch wüste Agglo-Gefilde pflügen muss. Es wurde geschwiegen auf dem Weg nach Hagneck. Und es war ein bisschen unfroh, dieses Schweigen, denn unsere Wanderseelen rätselten vor sich hin: Was mache ich hier eigentlich auf diesem blöden Dammweg? Doch im Grunde war ja der Kanal nur die (menschengemachte) Ausnahme, welche die Regel von der unglaublichen Vielfalt der Aare bestätigte. Auf den nächsten Abschnitt entlang des Bielersees dürfen sich die Aaronauten jedenfalls freuen.
Routenbeschreibung: Wanderung Frieswil – Hagneck