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Kompromisse am Glütschbach

Bei Höfen weideten Pferde und der Bach war noch weit weg.

Manche Dinge möchte man nie zu Ende gehen lassen. Bei anderen ist es hingegen ganz nett, wenn sie sich allmählich zu einem Abschluss bequemen. Zum Beispiel der Abstieg von Zwieselberg nach Alti Schlyffi. Er begann verdächtig mässig, nahm aber schon bald tüchtig Fahrt auf und wurde schliesslich so steil wie eine Sprungschanze, so dass wir auf dem rutschigen Kies ganz schön ins Schlittern kamen – wären Orthopäden und Physiotherapeuten zugegen gewesen, sie hätten ob der sich abzeichnenden Dividenden zu jauchzen begonnen.

Glücklicherweise war das der einzige nennenswerte Abstieg, mit dem die Aaronauten auf ihrer Tour durch das Glütschbachtal am 10. Juni 2018 konfrontiert waren. Ansonsten war es eine flache Gegend, die sie durchstreiften. Von einem Tal zu sprechen, erwies sich im Nachhinein jedenfalls als etwas gewagt.

Spiel der Elemente im Stockental

Da ist zwar dieser Glütschbach, und er fliesst auch tatsächlich durch ein Tal oder besser gesagt gleich durch zwei, doch das erste wäre zwar seins, heisst aber Stockental, und das zweite wurde zwar nach ihm benannt, aber eigentlich von der Kander geschaffen. Überhaupt sind die Dinge ein bisschen kompliziert. Der Glütschbach schlägt nämlich einen merkwürdigen Haken, indem er zuerst ostwärts fliesst, dann scharf abbiegt und schliesslich wieder nach Westen pilgert. Ungefähr so marschierten auch wir: Scheinbar unentschlossen und doch zielstrebig.

Unser Ausgangspunkt war Blumenstein. Genauso malerisch, wie der Ortsname klingt, sieht es dort aus. Es gibt viel Wiesland und Wald; für die einzige Trübung des Landschaftsbilds sorgen ein paar Hochspannungsleitungen. Und noch etwas anderes bereitete manchen Unbehagen. Man hätte es wissen müssen: Wo Blumen sind, da gibt es auch Pollen. Bereits in Blumenstein und auch im späteren Verlauf der Wanderung wurde wacker geheuschnupft und geniest.

Ohne Hochspannungsleitungen wäre die landschaftliche Harmonie vielleicht unerträglich.

Als wir mittags zur Hohlinde kamen, lag ein Regelverstoss in der Luft. Doch das Ausflugsrestaurant war dermassen gut frequentiert, dass sich sämtliche Aaronauten brav ihrem mitgebrachten Picknick widmeten. Allerdings brach eine interessante Meinungsverschiedenheit um den Standort aus. Die alten Hasen – Cornelia, Monika und Stefan – machten kein Federlesens, setzten sich auf ein Bänkchen beim Spielplatz neben der Beiz und nahmen die Erledigung ihrer Sandwichs in Angriff. Die neuen Hasen hingegen – Isabella, Monica und Fritz – zauderten, drucksten herum und zottelten schliesslich davon.

Für Stefan war der Fall klar: «Da hat’s ein Bänkchen, also braucht man nicht lange zu fackeln.» Parkplatz im Rücken? Sicht auf undefinierbares Spielplatzinventar? Na und! «Hauptsache, man kann sitzen und essen.» Ihm kamen Aare-Wanderungen in den Sinn, in deren Verlauf sich die bedauernswerten Protagonisten mit letzter Kraft an den Rand einer Mülldeponie* schleppten, um auf herumliegenden Felsblöcken** ihr karges Mahl*** zu verzehren.

*, **, ***: bildlich gesprochen

Picknickplatz-Casting 1: Die späteren Verlierer grinsen um die Wette.
Picknickplatz-Casting 2: Die späteren Gewinner geniessen still die Aussicht.

Für Monica war der Fall freilich ebenso klar: «Da hat’s ein Picknickverbot, also braucht man nicht lange zu fackeln.» Aha, es ging ihr weder um die nahen Parkplätze oder um allfälligen Friteusengeruch noch um Landschaftsästhetik oder Feng-Shui, sondern einfach um Rücksicht auf den Hohlinden-Wirt. Man könnte solches Verhalten durchaus als löblich bewerten. Doch als ich dann das Picknickplätzchen der neuen Hasen inspizierte, erkannte ich, dass da auch eine gewisse Portion Eigennutz im Spiel war. Im Casting um den schönsten Standort für die Mittagspause hatten sie die Konkurrenz beim Restaurant-Spielplatz nämlich gnadenlos ausgestochen: Sie genossen einen sagenhaften Ausblick auf das Stockental und den Amsoldingersee.

Ehe wir wieder aufbrachen, sah ich mich zu einem kleinen Outing veranlasst. Ich habe nämlich ein paar Jahre Schlagzeug gespielt in einer Steel-Band, die just an diesem Tag auf der Hohlinde ein Konzert gab. Die Damen luden mich ein, mit ihnen zusammen doch ein, zwei Stücke zu spielen, und ich liess mich blöderweise nicht lange bitten. Also setzte ich mich nach monatelanger Trommelabstinenz an die Kübel. Ich konnte gerade noch entsetzt erkennen, dass es sich nicht um ein normales Drum-Set, sondern um ein vertikal angeordnetes Cocktail-Schlagzeug handelte, und da fing schon das Stück an.

Im Hintergrund der Steel-Band lauert das Cocktail-Drum-Set.

Wie gesagt, bei manchen Dingen ist es ziemlich ok., wenn sie zu Ende gehen. Das können nach meiner Meinung durchaus auch Schlagzeugkarrieren sein. Nach dem versifften Einstieg geriet immerhin das zweite Stück passabel, so dass ich einigermassen versöhnt mit – ja, womit denn eigentlich? – zur Alti Schlyffi absteigen konnte.

Schwatzhafte Herren haben bei der Alten Schlyffi fast die Abzweigung verpasst.

Auf lauschigen Uferpfaden bummelten wir von dort dem Glütschbach entlang, was wiederum eine Angelegenheit war, deren Fortbestehen man gerne noch eine längere Weile in Kauf genommen hätte. Doch nach einem abschliessenden Picknick bei den zu Tropfsteinhöhlen unterspülten Felswänden galt es alsbald den schattigen, kühlen Wald zu verlassen. Erneut durchstreiften wir blühende Wiesen, so dass die Histamin-Eruptionen nicht lange auf sich warten liessen. Speziell für Heuschnupfen-Masochisten eingerichtet war ein Bänkli, das mitten im hüfthohen Gras stand. Gesponsert war es von einem Pflegeheim mit dem sinnigen Namen «Niesen-Blick». Hatschi!

Der Glütschbach im Bett der Kander

Übrigens gibt es unter den Aaronauten genauso wie bei anderen Parteien gewisse Fraktionen, die einander zwischendurch freundlich necken (Aare-Partei) oder offen befehden (das ganze übrige Gemüsespektrum von SP bis SVP). Von einer dieser Splittergruppen wurde mir die Frage zugetragen, weshalb ich denn eigentlich in meinen Wanderberichten ausgerechnet Teilnehmer erwähne, die es gar nicht schaffen, an der Wanderung teilzunehmen.

Hm… Das hat wohl mit Rücksicht zu tun. Wanderer sind doch zuweilen recht empfindsame Gemüter (für Aaronauten-Frischlinge gilt dies womöglich in noch höherem Ausmass), und da möchte ich nicht das Risiko eingehen, jemanden zu vergraulen. Wie überall geht es also auch hier um Datenschutz. Man kann sich diesem Korsett wohl nur entziehen, indem man sich auf die Analyse von Meta-Daten verlagert, anstatt sich einzelne Datensätze vorzuknöpfen.

Die Tropfsteinhöhlen bei Allmendingen

Eine andere Fraktion erkundigte sich, ob ich denn Buch führe, wer alles auf die Wanderungen mitkomme. Tue ich nicht. Doch anhand der Fotos kann man gleichwohl zügig in den Analysehimmel aufsteigen. Ein kurzer Iris-Scan aller Aare-Wander-Föteli hat folgende Befunde erbracht:

  • Die je nach Sichtweise treuste oder vergiftetste Aaronautin ist Cornelia.
  • Die Züri-Aargau-Fraktion hat sich mit Ausnahme von Caroline in westlicher Richtung noch nie über eine Linie Olten-Meiringen vorgewagt.
  • Die Bern-Fraktion hingegen hat keine Berührungsängste gegenüber z.B. dem Aargau.

Vielleicht möchte jemand auf diesem Gebiet weiterforschen. Interessante Fragestellungen könnten sich beispielsweise aus der Korrelation zwischen prognostizierten Niederschlagsmengen, kumulierten Höhenmetern und dem Geschlecht der Teilnehmenden ergeben (meine intuitiv entwickelte These hierzu: Je steiler und nässer, umso weniger weiblich) oder aus dem Zusammenhang zwischen problematischer Picknickplanung im Vormonat und aktueller Tagestemperatur.