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Kein Murks an der Murg

Melchnau
Herstbliche Farbenpracht in Melchnau

Am 6. November 2016 blieb die Schweiz grösstenteils hinter dem Ofen. Nur Barbara und Urs hatte die Aussicht auf eine vorgezogene Winterwanderung von dort hervorzulocken vermocht. Die beiden sind der Meinung, dass es sich bei «vernünftigem Wetter», wie sie es nennen, angenehmer wandert als bei Hitze. Drum überliessen sie das Schwitzen auf sommerlichen Aare-Touren den Anderen und kehrten erst jetzt, wo es an die Murg ging, in den Kreis der Aaronauten zurück.

An dieser Stelle ist es vielleicht hilfreich, eine kleine Definition einzuschieben, was die beiden unter vernünftiger Witterung verstehen. Die Meteorologen hatten als Synonym den Begriff des sog. Hudelwetters ins Spiel gebracht, also Schneegestöber, eisige Bise und solches Zeug angekündigt.

Grünenberg
Der 26 Meter tiefe Sodbrunnen-Schlund bei der Ruine Grünenberg

Es kam wieder einmal ziemlich anders. Anfänglich regnete es zwar ein bisschen, doch das steigerte den Wanderreiz nur noch: Der Wind hatte eine Menge Blätter von den Bäumen gefegt, die jetzt überall grün-gelb-rote Farbkleckse in die Landschaft setzten und sich dabei vom Regen eine fast übernatürliche Frische verleihen liessen. Das bunte Laub war ein unerwartet intensiver Augenschmaus.

Zuvor hatten wir uns allerdings gedulden müssen. Im Oberaargau haben sie es nicht so mit schlanken Verbindungen. In Langenthal mussten wir fast eine halbe Stunde herumstehen, bis der Bus nach Melchnau fuhr. Barbara und mich zog es deshalb sogleich magisch ins Spettacolo. Urs hingegen schockte uns mit dem Bekenntnis, er sei derzeit eigentlich «rundum gesättigt». Wie bitte?! Auf etlichen Wanderungen im Land der Aare hatte er hart an seinem Image als unverbesserlicher Schlemmer gefeilt – und jetzt dies! Wir verstanden die Wanderwelt schon nicht mehr, bevor die Wanderung auch nur begonnen hatte.

Wässermatten
Mittels Schiebern und Schleusen werden die Matten im Oberaargau gewässert.

Doch rasch kam alles wieder ins Lot. Im nächsten Moment verdrückte er sich an den Kiosk, erstand ein Ragusa und rapportiere, es gebe dort sogar immer noch Glace. Weil es aber fast schneite, liess selbst er das eisige Investment bleiben. «Ragusa haben jetzt wieder Saison», erklärte er dafür beschwingt. Also wie etwa Spargeln im Frühling oder Zwetschgen im Herbst, stellte ich mir vor, blickte deshalb wahrscheinlich etwas verständnislos und entlarvte mich damit natürlich restlos als Schokobanausen. Flugs wurde mir mitleidig und wortreich erklärt, man könne dieses Pralinenzeug nur unterhalb einer gewissen Temperaturgrenze in den Rucksack packen, weil es sonst schmilzt. Barbaras lakonischer Kommentar: «Dann hast du ja den Ragusa-Ramadan hinter dir.»

Oh ja, Urs fühlte sich sichtlich wohl, und noch mehr hob sich seine Stimmung, als wir nach der ersten Marschhalbstunde die Kantonsgrenze überschritten und vom Bernbiet ins Luzernische wechselten. Als bekennender Urschweizer sang er jetzt das Loblied auf das Land der Reuss, was im Grunde ein gewisser Frevel war, da wir uns nach wie vor im Land der Aare bewegten. Und weil er jetzt schon mal in Fahrt war (und sich überdies fern der Berner Staatsgewalt in bequemer Sicherheit wähnte), begann er recht wild abzulästern über das bernische Gejammer wegen dem verlorenen Jura, der verlorenen Waadt und wegen der Aare, die vom Rhein unrechtmässig verschluckt wird. Er spielte damit auf das Faktum an, das ich schon mehrfach als hydrologisch-linguistische Tragödie eingestuft habe: Dass nämlich die wasserreiche Aare von Koblenz an nach ihrem erbärmlichen Nebenflüsschen Rhein benamst wird, bloss weil dieser angeblich ein bisschen länger ist.

Pilz
Geniessbares sieht anders aus – die Pirsch (im Hintergrund) geht weiter.

In diesem Moment fiel es mir wie Schuppen von den Augen, warum das so ist. Hiermit sei folgende These formuliert: Seinen Namen hat der längste Fluss Europas nicht etwa von anmassenden bzw. krankhaft patriotisch gesinnten Bündnern erhalten. Er wurde ihm vielmehr dort verpasst, wo er hauptsächlich fliesst, nämlich in Deutschland. Eines Tages traten die Germanen in Koblenz auf den Plan traten und schlugen den dort ansässigen Häuptlingen vor, den Namen des europäischen Stroms auf den wasserreicheren der beiden Zuflüsse zu übertragen, wie es so übliche Praxis ist. Da hauten die Proto-Berner auf den Putz: «Was, unseren Fluss wollt Ihr Rhein nennen? Ja sagt einmal, spinnt Ihr denn eigentlich! Dem haben wir immer schon Aare gesagt, und so wird es auch bleiben!»

Wenn wir schon bei Gewässernamen sind, dann verdient auf jeden Fall auch die Murg Erwähnung. Sie ist einer der kürzesten Aarezuflüsse, misst sie doch nur gerade 2,4 km. Weil das für Aaronauten ein bisschen mager ist, entschieden wir uns, die Tour um ein Teilstück entlang eines ihrer Zuflüsse zu erweitern. Gespiesen wird die Murg von der Rot und von der Langete. Beide sind ungefähr gleich gross. Clever, diese Oberaargauer! Statt mit einem der beiden Flussnamen irgendetwas herumzumurksen, wählten sie einfach einen ganz anderen Namen. Würde man diese Praxis auf Rhein und Aare übertragen, dann hiesse das Fusionsprodukt zum Beispiel Ragusa.

Chorgestühl
Endlich, das Gestühl!

Bei Altbüron erfuhren wir von einer Planungsleiche der Extraklasse. Als im 19. Jahrhundert europaweit das Eisenbahnfieber tobte, verfiel man auf die Idee, eine Bahnlinie von Nirgendwo nach Nirgendwo zu bauen, genauer gesagt: von Langenthal nach Wauwil. Damit wurde das Ziel verfolgt, Frankreich an den Gotthard anzubinden. Gesagt, getan: Sogleich baute man einen Tunnel durch den Hügel zwischen Altbüron und Ebersecken und schüttete mit dem Ausbruchmaterial Bahndämme sowie einen Bahnhofplatz in Altbüron auf. Nach einem Jahr, im Oktober 1875, endete der Spuk, weil der Bahngesellschaft der finanzielle Schnauf ausging. Seither geniesst Altbüron die privilegierte Situation, über einen fixfertigen Eisenbahntunnel zu verfügen, ohne dass sich jemals ein Zug dem Dorf genähert hätte.

Während wir anhand dieses Beispiels noch darüber debattierten, wie närrisch sich die Menschheit doch bisweilen verhält, näherten wir uns St. Urban. Urs begann wie im Delirium vom geschnitzten Chorgestühl der ehemaligen Klosterkirche zu schwärmen. Als dermassen kunstbeflissene Person hatten wir ihn bis anhin eigentlich noch nicht so wahrgenommen. Was war da los? Zuerst der vorübergehende Appetitausfall in Langenthal, jetzt dieser Gelehrsamkeitsschub – eigenartig… Die beklemmende Situation klärte sich indessen, als wir herausfanden, dass er das besagte Gestühl noch gar nie gesehen hatte, sondern vielmehr einst als wehrloser Schüler von einem muffigen Geografielehrer wochenlang damit gelangweilt worden war. Man muss somit von einer Art gestühlsbedingten Schädigung ausgehen.

Tiere
Zaungäste beim Berghof

Nicht nur aus diesem Grund wollten wir uns die Kirche unbedingt ansehen. Aber oh weh, uns stand eine beklemmende Odyssee bevor. Das ehemalige Kloster war um die Zeit, als man in Altbüron den überflüssigen Tunnel ausbrach, zu einer Irrenanstalt, wie man damals sagte, umfunktioniert worden (allerdings vermutlich nicht primär zwecks Unterbringung grössenwahnsinniger Eisenbahnplaner). Heute wird die Institution als psychiatrische Klinik bezeichnet und erfreut sich reger Nachfrage. Neuerdings schenkt man sich Zuwendung und Aufmerksamkeit ja recht gerne in Form von Mobbing und Leistungsdruck. Entsprechend ausgedehnt ist das Klinikareal – wir nahmen es als annährend unendlich wahr.

Irgendwann näherten wir uns dann doch der Kirche, erblickten eine Tür, die wir für die Pforte hielten, und betraten einen verwinkelten Korridor. Wo geht’s denn hier zum Gestühl, fragten wir uns mit wachsendem Zweifel. Dann entdeckten wir an verschiedenen Türen Aufschriften, die auf hier offenbar stattfindende Kurse hinwiesen. «Aggressionsmanagement» stand auf einem der Zettel. Ui! Was mochte in diesem Raum wohl vor sich gehen? Wir schwankten zwischen zwei möglichen Antworten: Entweder man lernt dort, seine Angriffslust im Zaum zu halten. Oder man macht sich im Gegenteil fit dafür, anderen das Leben schwer zu machen. Vielleicht würde im nächsten Moment ein tollwütiger Boxer die Tür aufreissen und uns vorführen, wie er seine Aggressionen managt. Wir machten uns aus dem Staub. Eine Weile später gelang es uns glücklicherweise doch noch, uns das Gestühl zu Gemüte zu führen. Manche unter uns wirkten bei dessen Anblick sozusagen ergriffen, jedenfalls ein bisschen.

Murg
Kanal und Fluss auf unterschiedlichem Niveau: Zweistöckig fliesst das Wasser nach Murgenthal.

Wenig später liessen wir den Kanton Luzern hinter uns. Ich setzte sogleich zu meiner obligaten Lobhudelei auf die exzellente Wanderweg-Signalisation im Aargau an. Unser Gestühlgeschädigter schien den Abschied von der Zentralschweiz aber irgendwie schlecht zu verkraften. Jedenfalls begann er sich als Test-Aargauer zu gebärden, der die Qualität der gelben Tafeln, Pfeile und Rhomben pedantisch hinterfragt. Sein Verdacht: Im Aargau muss man zwangsläufig perfekt signalisieren, weil die dort zu doof sind, den Weg einfach so zu finden.

Gegen Schluss der Wanderung kam die Sonne hervor. Mit ihren milden Spätherbststrahlen versuchte sie, den überdurchschnittlich hässlichen Ortskern von Murgenthal in ein vorteilhaftes Licht zu tauchen, leider ohne Erfolg. Agglo ist nach meiner Einschätzung sympathisch, solange sie sich ehrlich gibt. Schauerlich wird sie dort, wo sie sich verzweifelt um eine urbane Aura bemüht. Den Inbegriff des Grotesken entdeckten wir gegenüber dem Bahnhof: Dort steht eine Kebab-Pizzeria mit einem Namen, der angesichts des öden Schauplatzes relativ frivol ist: Paradiso.

Walliswil
Optisches Finale: Sonnenschein bei Walliswil

 

Routenbeschreibung: Wanderung Melchnau – Murgenthal