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Kaltlufttropfen am Stadtbach

Niederwangen darf man als Inbegriff der Exotik bezeichnen, denn dort gibt es eine der wenigen Bahnstationen der Schweiz, die weder mit Selecta- noch mit Kaffee-Automaten ausgestattet sind. Aus dem Koffeinschub, den ich Herbert letztes Mal in Aussicht gestellt hatte, wurde daher nichts.

Ein Kaltlufttropfen liege über der Schweiz, hatten die Wetterfrösche für diesen Sonntag (28. April 2019) verkündet. Ich konnte mir unter einer solch hässlichen Prognose nur vage etwas vorstellen, doch wir sollten gleich zu Beginn den Tarif erfahren. Der Auftakt war nämlich fulminant. Als wir aus der S-Bahn stiegen, schlugen uns nicht kalte Tropfen, sondern eisige Flocken entgegen. Stürmische Böen trieben uns Graupel ins Gesicht. Der Spuk dauerte gerade so lange, bis wir alle Regenkleider angezogen, Rucksäcke präserviert und Schirme hervorgeholt hatten.

Ahnungsvoll hatte ich mich diesmal zu einer Stadtwanderung entschieden. Die initiale Entladung hatte jedoch offensichtlich vollauf genügt, denn kaum waren wir losgezogen, endete der Niederschlag und die Wolken begannen sich zu lichten. Je mehr wir uns Bümpliz näherten, umso freundlicher wurde das Wetter. Im Schlosspark brach dann endgültig die Sonne hervor. Ausgiebig lustwandelten wir durch die Anlage. Wir waren uns einig, dass es kein übler Job wäre, an diesem bernischen Hochzeits-Hotspot als Standesbeamter zu wirken.

Schliesslich entschieden wir uns, gleich hier und jetzt zu picknicken, obwohl es erst halb zwölf war. Damit wollten wir einerseits die Gunst der Witterung nutzen – wer weiss, ob uns eine Stunde später nicht wieder der Schnee um die Ohren fliegen würde. Andererseits ging es natürlich auch darum, ein deutliches Zeichen zu setzen, dass Aaronauten längst nicht immer verspätet Mittagsrast halten.

Das Wetterspektrum zeigte sich am Inhalt unserer Rucksäcke. Cornelia und ich brachten Thermosflaschen mit heissem Tee ans Licht, Herbert eine Flasche Bier. Auch Holzwolle und Zündhölzer hatte er dabei, «für alle Fälle», wie er erläuterte. Den Flaschenöffner hatte er allerdings zuhause gelassen, wohingegen ich immer einen dabeihabe, «für alle Fälle». Auf diese Weise konnte ich ihm doch noch zu einem Getränk verhelfen.

Was sonst noch geschah? Wir durchquerten einen Zipfel des Bremgartenwalds, wo wir eine Steinspirale entdeckten, die jemand mitten auf dem Kiesweg ausgelegt hatte. Cornelia entschloss sich, den Weg nach innen zu gehen und auf diese Weise ins Nirwana aufzubrechen. Irgendwie gelang es ihr aber doch nicht, vollends abzuheben. Kurze Zeit später war sie jedenfalls wieder unter uns. Da durchpflügten wir gerade eine ausnehmend hässliche Stadtlandschaft aus Unterführungen, Strassenbrücken und Eisenbahngequietsche. Die Einöde hat man hochtrabend «Europaplatz» getauft. Wir wunderten uns, ob die Berner wirklich eine dermassen schlechte Meinung von Europa haben. Wie müsste da erst ein Trump-Platz gestaltet sein?