Zum Inhalt springen

Innere Angelegenheiten an der Bünz

Mehr Bach als Fluss – doch auch die Bünz ist ein Aare-Zubringer.
Mehr Bach als Fluss – doch auch die Bünz ist ein Aare-Zubringer.

Während die übrige Schweiz den Muttertag zelebrierte, die Feiertagsbrücke über Auffahrt genoss oder sich in den Gotthardstau stürzte, um das Tessiner Regenwetter zu studieren, unternahmen die Aaronauten am 13. Mai 2018 einen reichlich bünzligen Ausflug: Sie wanderten von Wohlen nach Muri. Das ist jetzt ein bisschen ungenau formuliert, denn in der Schweiz gibt es nicht nur ein doppeltes Bremgarten, sondern auch zwei Wohlen und zwei Muri. Die Verbindung zwischen dem bernischen Duo hatten wir schon vor drei Jahren untersucht, also widmeten wir uns diesmal der Aargauer Version.

Das Expeditionskorps aus alten Häsinnen und Hasen (Cornelia und Hanspeter) wurde um zwei Frischlinge verstärkt. Marie-Louise war aus dem verregneten Berner Oberland angereist und wunderte sich, dass wir die gesamte Wanderung niederschlagsfrei unternehmen konnten: In Muri kamen wir nicht nur trocken an; vielmehr hatten wir zwischendurch sogar blauen Himmel erspäht. Hinter den miserablen Wetterprognosen, so Cornelias These, stecke ganz gewiss die Muttertagslobby, die verhindern wolle, dass Söhne und Töchter in die Landschaft ausschwärmen, statt Mütter zu verzücken.

Sanft hügelig zeigt sich das Freiamt.
Sanft hügelig zeigt sich das Freiamt.

Katrin kam aus Zürich und hatte dank des kurzen Anreisewegs sozusagen ausschlafen können. Für einen anderen Zürcher war die Fahrplankonstellation allerdings trotzdem unannehmbar gewesen: Sigi hätte um 10.08 h, also noch sozusagen mitten in der Nacht, den Zug Richtung Freiamt besteigen müssen. Daher beschloss er, auf halbem Weg zu uns zu stossen, schaffte es dann aber erst exakt zum Abschluss der Tour bis zu uns.

Weil ihm dieses Malheur nicht zum ersten Mal passiert ist, rang mir Sigi sogleich das Versprechen ab, an dieser Stelle nicht detailliert darüber zu berichten – was ich extrem schweren Herzens befolge. Ich muss es damit bewenden lassen, sein SMS zu zitieren, das uns während der Mittagsrast erreichte: «Wollte in Boswil zu euch stossen. Fragte, leicht verunsichert, noch in Lenzburg zwei Girls, ob der Zug nach Boswil fahren würde. Die eine nahm sogar die Stöpsel aus den Ohren und bejahte. Doch das unangenehme Gefühl blieb. Dann, als der Zug Boniswil erreichte, war alles klar. Meine undeutliche Aussprache in aller Herrgottsfrühe: Boswil, Boniswil. Aktuell Grüsse aus Emmenbrücke.»

Auf dem Weg nach Bünzen
Auf dem Weg nach Bünzen

Man kann nur sagen: Was für ein Glück, dass er sich nicht den Weg nach Bowil hatte erklären lassen. Dann wäre er wahrscheinlich über Genf oder Chiasso angereist. Und überhaupt, wie alt waren die beiden «Girls» eigentlich? Waren die «Stöpsel» in ihren Ohren vielleicht eher Hörgeräte?

Fragen über Fragen, die uns fast die Ruhe an der stillen Bünz vergessen liessen. Das Gewässer ist eher ein Bach als ein Fluss, strömt aber ordentlich hübsch durch die hügelig-liebliche, von einem weiten Horizont umgebene Landschaft des Aargauer Freiamts. Die Gegend erwies sich überdies als Storchen-Hochburg: Auf zahlreichen Strommasten hatten die schwarzweissen Burschen und ihre Holden ihre Nester aufgebaut.

Wilma studiert eine aufblasbare Katze.
Wilma studiert eine aufblasbare Katze.

Wir folgten dem Lauf der Bünz so nah wie möglich, anfänglich auf offiziellen Wanderwegen. Das gelang bis Bünzen – ja genau, Bünzen bei Besenbüren, von wo aus César Kaisers «Kunz bei Klaus» seinerzeit der PTT-Hotline telefonierte. Dort zweigten die gelb signalisierten Routen vom Wasser ab und führten ins Umland, wo wir nicht hinwollten. Auf dem in traditionellem Stil braun markierten «Freiämterweg» konnten wir hingegen weiterhin dem Ufer folgen.

Noch bevor wir ernsthaft zum Thema der Verinnerlichung (in Form des Mittagessens) schritten, gönnte sich unsere Expeditionshündin Wilma schon mal einen Snack: Auf dem Boden lag Obstartiges, nämlich Pferdeäpfel. Hanspeter fand, die seien eigentlich recht gesund, weil faserstoffreich. Jedenfalls sei es ihm lieber, wenn sie solches Zeug futtere als sich an Maulwurfs- oder Katzendreck zu laben – oder, wie unlängst geschehen, in einem Park das Cannabis-Versteck eines Dealers zu erforschen (jener Schmaus endete mit einem zweitägigen Aufenthalt im Tierspital).

Im Tal der Bünz ist der Himmel weit und der Horizont fern.
Im Tal der Bünz ist der Himmel weit und der Horizont fern.

Wie lernfähig und gefahrenbewusst ist denn dieser Hund eigentlich, fragten wir uns. Wenig später kamen wir an ein Brücklein über die Bünz, hinter dessen Geländer eine Katze sass, die über magische Kräfte zu verfügen schien. Jedenfalls wurde das Büsi immer grösser und grösser, während seine Augen den sich unvorsichtig nähernden Hund bedrohlich anfunkelten. Doch glücklicherweise zog Wilma einsichtig von dannen. Sie kann es halt gut mit Katzen. Eine halbe Stunde später räumte sie jedenfalls bei einem Bauernhof den Katzenfutternapf leer.

Später kamen wir an einer Kneipp-Anlage vorbei. Die Lufttemperatur war wenig einladend. Also kein Kneipp. Auch keine Kneipe – so will es das «Konzept», wie man mir immer wieder mal genüsslich unter die Nase reibt. Umso ungläubiger guckten dann meine Mitwandernden, als ich vorschlug, zum Abschluss der Tour nicht nur der Ausstellung im Kloster Muri, sondern vorgängig auch dem Kloster-Café einen Besuch abzustatten.

Die Aaronauten nähern sich Muri.
Die Aaronauten nähern sich Muri.

Die klägliche Implosion der vorletzten Etappe hatte mich dazu veranlasst, das «Konzept» versuchsweise anzupassen, indem ich mich nach einem geeigneten Schlusspunkt zwecks Verhinderung des finalen Ausfransens umsah. Das Kloster Muri ist hierfür ein geeignetes Objekt. Sigi verschickte frohlockend Föteli von seinem Cappuccino an abwesende Aaronauten, darauf hoffend, der konzeptfremde Anblick möge sie erschüttern. Danach erfuhren wir im Museum von Radbot, dem Stammvater der Habsburger, der auf Bitten seiner Frau Ita das Kloster Muri gegründet hatte, um damit sein schlechtes Gewissen für allerlei nicht überlieferte Untaten zu besänftigen.

Auch der Nachzügler delektiert sich am Museum.
Auch der Nachzügler delektiert sich am Museum.

Für die Habsburger war Muri während rund eines Jahrtausends das Hauskloster. Sogar dann, als der Clan sich zum Beherrscher einer Weltmacht aufschwang. Nicht einmal der Untergang des österreichischen Kaiserreichs 1918 vermochte an der Bedeutung des Klosters für das ursprünglich aargauische Adelsgeschlecht etwas zu ändern: Im Herzen sind die Habsburger noch immer mit ihrer einstigen Heimat verbunden, und zwar auf geradezu abgründige Weise. In der Loretokapelle im Klosterkreuzgang befindet sich seit 1971 die Familiengruft der Habsburger. Die Herzen des letzten Kaiserpaars Karl und Zita haben hier in Urnen ihre letzte Ruhestätte gefunden; der Rest wurde in Wien beigesetzt. Muri wurde damit gleichermassen zu einem Schauplatz innerer Angelegenheiten.

Im Kreuzgang des einstigen Klosters Muri
Im Kreuzgang des einstigen Klosters Muri