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Imperiale Gesten

Grynau
Schloss Grynau am Linthkanal

Was für ein Imperium! Die Aare streckt ihre Fühler bis in die Ostschweiz aus. Einer ihrer Zubringer ist nämlich die Linth. Im Glarnerland entspringt sie, im Zürichsee transformiert sie sich in die Limmat. Wer das Land der Aare seriös ausforschen will, wird deshalb beide Flüsse erkunden (wiewohl sie im Grunde identisch sind). Am 18. September 2016 machten die Aaronauten mit einer Tour entlang von Linthkanal und Obersee einen Anfang.

Die hübsche Bäckerei im alten Bahnhofgebäude von Uznach ist täglich geöffnet. Sie verkaufen dort unter anderem Glücksmoment-Chügeli. Wir überlegten uns, ob wir einige erwerben sollten, falls sich Fortuna unterwegs nicht aus eigenem Antrieb zu uns gesellen würde. Das Schoggizeug war aber nicht der eigentliche Grund, weshalb wir uns gleich zum Auftakt stärken gingen. Cornelia hatte geringfügig verzögerte Ankunft annonciert, weil sie den Voralpenexpress statt die triviale S-Bahn hatte nehmen wollen.

Kaltbrunnerriet
Kaltbrunnerriet: Ausblick ins Reich der Wasservögel

Sigi konnte es sich nicht verkneifen, Caroline aus der Ferne mit einem Selfie von der frohen Tafelrunde zu triezen. Sie hatte ihm aufgrund gewisser früherer Erfahrungen empfohlen, am Vorabend auf Alkohol zu verzichten und um 21 h ins Bett zu gehen, auf dass er den Anschluss ans Aare-Expeditionskorps nicht verschlafe. Er hatte alles brav befolgt (behauptete er zumindest), doch nun erwies sich, dass die Mahnerin selbst nicht hatte aufstehen mögen. Statt zu wandern wolle sie lieber ihre ellenlange To-do-Liste abarbeiten, liess sie wissen.

Bei Kaffee und Tee kam die Rede auf das Kaltbrunner Riet, bekannt als Reich der Wasservögel. Wir beschlossen, die Gunst der Stunde zu nutzen und unsere Wanderung mit einem kleinen Umweg zu beginnen. Entlang einer Strasse, auf der die Uznacher Aborigines gerne die Leistungsfähigkeit ihrer Motoren zu testen pflegen, wanderten wir aus der Agglozone hinaus ins Grüne. Auf Kandelabern sass ein Storchenpaar und ignorierte uns. Wir wiederum versuchten die beiden nationalbürgerlichen Schwingerposturen zu übersehen, die uns von einem Plakat mitten im Wiesland mit penetrantem Grinsen ihre Kandidatur für den Gemeinderat verkündeten.

Gestrüpp
Die Aaronauten kämpfen sich unerschrocken durch das Gestrüpp.

Wenig später bogen wir ins Riet ab. Rührige Naturschützer retteten das Vogelparadies vor dem Austrocknen, konnten aber nicht verhindern dass über das Biotop hinweg eine ganze Batterie von Hochspannungskabeln gezogen wurde. Durch Schilfdickicht kämpften wir uns zu einem Beobachtungsturm voran und bestiegen die Wendeltreppe.

Es war eng im luftig angelegten Treppenhaus, sehr eng sogar. Was wäre, wenn uns jetzt jemand entgegenkäme? Schwierig, schwierig würde das Kreuzen an solcher Stätte. Erst recht mit einer festleibigen Person. Oder mit einer Gruppe von Personen. Oder am Ende gar mit einer Gruppe von festleibigen Personen. Die Frage hing drohend über unseren Köpfen: Was wäre, wenn die Adipositösen Vogelfreunde Uznach soeben ihre Vorstandssitzung auf dem Turm beendet hätten und sich nun an den Abstieg machten?

Bahnhof
Stieg hier Herr Jung aus?

Doch auch dieser Teil der Expedition ging glücklich aus. Unbeschadet erreichten wir die Aussichtsplattform, liessen den Blick in die sumpfige Tiefe schweifen und erspähten die Creme des Wasservogel-Imperiums: mehrere Graureiher und sogar einen Silberreiher. Ehe die voluminösen Vogelfreunde allenfalls doch noch ihre Meinung änderten und zu einer nachträglich angesetzten Vorstandssitzung auf den Turm stiegen, eilten wir abwärts, durchquerten das restliche Rietgebiet und gelangten zum Linthkanal.

Wir passierten Bauwerke, die für die Ewigkeit errichtet worden waren: Zunächst Schloss Grynau, das mit seinem massigen Turm eine geradezu imperiale Ausstrahlung zeigte, danach einige relativ klumpige Betonbunker entlang der Linth. Vom Fluss bekamen wir vorerst nicht viel mit. Fast breiter als das zügig dahinströmende Wasser war der Entwässerungskanal auf der anderen Seite des Dammwegs.

Katze
Penetrante und letztlich erfolgreiche Schmeichelmanöver vor der Wurmsbacher Klosterkirche

In Schmerikon wurde die Landschaft endlich weit und richtig aussichtsreich. Hätte sich nicht eine dichte Wolkendecke auf die umliegenden Hügel gekuschelt, dann wären spätestens jetzt Schwyzer Alpengipfel zu sehen gewesen. Immerhin bot auch das nahe Ufer einen hübschen Anblick. Jedenfalls meistens. Zu den Ausnahmen zählte eine riesige Werft, die aussah wie die Startbasis im Star-Wars-Todesstern oder wie eine klingonische Raumstation, jedenfalls ziemlich Science-Fiction-mässig. Danach sahen wir aber schon bald wieder vorwiegend Wasser und Ufergehölz.

In Bollingen hielten wir vergebens nach C.G. Jungs Turm Ausschau. Der Imperator der Psychoanalyse hatte das Anwesen direkt am See während vieler Jahre als Zufluchtsort fern der Städte und des Verkehrs genutzt. Beim Bau hatte er sich von der Vorstellung einer afrikanischen Hütte inspirieren lassen. Jeweils in den Sommermonaten war ihm das Refugium eine Stätte der Ruhe und Erholung und des kreativen Ausspannens. Die Parzelle ist landseitig dicht mit Büschen und Bäumen eingepackt, lässt sich aber seeseitig scheint’s recht gut einsehen. Wir hofften, von der Schiffländte aus wenigstens einen Blick darauf werfen zu können, mussten uns aber mit einer halben Ahnung begnügen.

Öpfelringli
Fortuna hat zugeschlagen, die Öpfelringli haben den Besitzer gewechselt.

Dafür sahen wir den stillgelegten Bahnhof von Bollingen. Mit Glockenanlage, uraltem Stellwerk und nicht minder altertümlicher Schrifttafel sieht er vermutlich noch immer so aus wie zu der Zeit, als Herr Jung aus Küsnacht anreiste (falls er jeweils die Bahn benützte). Es hängen keine Fahrpläne mehr aus, keine Bahnhofsuhr zeigt die Zeit an – das Statiönchen ist aus der Zeit gefallen: Heute fahren die Züge dort ungerührt durch, ohne auch nur mit dem Scheibenwischer zu zucken.

Die Boutique Bernard im Kloster Wurmsbach wusste uns nicht so recht zu begeistern. Es gab Kerzen und CDs, uns aber stand der Sinn wohl mehr nach Näschereien und Traubenerzeugnissen. Sehr wohltuend fanden wir die unaufgeregte, helle Klosterkirche. Davor charmierte das Klosterbüsi recht penetrant um unsere Beine. Sigi wusste zu berichten, im Kloster würden sich heutzutage des Öfteren gestresste Manager erholen. Wir malten uns aus, wie sich religionsferne Wirtschaftskapitäne ein winziges Bisschen auf Spiritualität einliessen, um dann frisch gestärkt in ihre Imperien zurückzukehren und ihre wehrlose Umgebung mit neuer Energie fertigzumachen.

Hurdensteg
Das Panorama beim Hurdensteg kuschelt hinter den Wolken.

Und unsereins? Vielleicht gäbe es im Kloster ja immerhin eine Art Wellnessprogramm. Sigi raunte jedenfalls etwas von Rückenbeschwerden. Hoffte er am Ende gar auf die zarten Massagehände einer Novizin? Nichts da, er musste sich im Gegenteil mehrfach bücken, um dem Kätzchengeschmeichel nachzugeben.

In Jona war dann für eine Weile fertig mit Seesicht. Es ging durch Wohnquartiere, an Sportplätzen entlang, bestenfalls mit Ausblick in meterhohes Schilf. Dafür erwies sich das Gebiet als gekapert: Das Dorf war nämlich in der Hand des «Kürbis-Imperiums». So verhiessen jedenfalls grosse Tafeln, hinter denen Berge von Speisekürbissen aufgetürmt waren, die in allen möglichen Gelb-, Orange- und Rottönen leuchteten.

Linth
Hier geht die Linth in die Limmat über: Verbindungskanal zwischen Obersee und Zürichsee.

Seit dem Vogelreich in Uznach waren uns allerhand Viecher über den Weg gelaufen, darunter eine mindestens 8 cm lange, behaarte Monsterraupe. Zudem hörten wir einen Baum voller Bergfinken und erspähten die Kamele im Kinderzoo. Passenderweise kamen wir dann auch an einem Tierlibaum vorbei. Die Früchte – auf Hochdeutsch nennt man sie Kornelkirschen, für uns waren sie quasi verspätete Glücksmoment-Kügeli – waren zumeist wunderbar süss, einzelne aber grausam sauer. Während Cornelia sich wagemutig auf den Wildfruchtgenuss einliess, blieb Sigi skeptisch. Später half er Fortuna auf anderem Wege nach, indem er sich bei einem Bauernhof mit zwei Familienpackungen Öpfelringli eindeckte.

 

In der Garnhänke bei Rapperswil trennten wir uns. Der Herr der Apfelringe zog Richtung Bahnhof davon. Ob ihm tatsächlich der Sinn nach S-Bahn stand, entzog sich unserer Kenntnis (er wirkte eher durstig). Cornelia und ich hatten indessen noch nicht genug. Wir wollten uns unbedingt den Hurden-Steg ansehen und verlängerten deshalb um eine Stunde bis Pfäffikon.

 

Routenbeschreibung: Wanderung Uznach-Pfäffikon