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Heikle Spiele an der Önz

Mutzbachfall
Am Mutzbachfall

Trotz Rekordtemperaturen gab’s an der jüngsten Wanderung im Land der Aare am 11. Juni 2017 eine rekordverdächtige Beteiligung: Auf dem Weg zur Önz verbündeten sich Frischlinge mit altgedienten Wanderhasen und sorgten dafür, dass das Dutzend mehr als voll war. Cornelia vermutete, es könnte eine Folge des allgemeinen Bevölkerungswachstums sein, dass es die Aaronauten heute dermassen in die Wandersocken trieb.

Ich tippe eher auf die kurze Anreise. Das Önztal liegt ja von der halben Schweiz aus gesehen praktisch um die Ecke. Bloss, wer weiss das schon? Logischerweise hatte auch noch niemand je vom Mutzgraben gehört, nicht einmal Christian und Verena, die bloss schlappe zehn Kilometer davon entfernt wohnen.

Kornfeld
Weite Kornfelder wie zu Gotthelfs Zeiten

Einen Dichtestress verzeichneten wir zwar noch nicht gerade, aber ich war schon am Ausgangspunkt Wynigen irgendwie überfordert, mir einen Überblick über das Konklave zu verschaffen, und in Riedtwil sollte sich die Situation sogar noch auf groteske Weise zuspitzen. Doch ich will nicht vorgreifen. Immerhin kann man davon ausgehen, dass wir uns beim nächsten Mal vielleicht eher auf ein Hardcore-Grüppli beschränken könnten – nämlich dann, wenn wir uns z.B. um 8 Uhr in Guttannen oder im Stechelberg treffen (Bern ab 6.04 h), um dann bei leichter Fiebertemperatur (will heissen: 38 Grad im Schatten) die 1000 Höhenmeter zum Wannisbordsee bzw. zum Oberhornsee in Angriff zu nehmen.

Ungläubiges Staunen setzte es bereits im Zug von Bern nach Wynigen ab: Da sass doch tatsächlich Barbara, die sonst immer wieder zu betonen pflegt, Temperaturen oberhalb von 20 Grad seien nach ihrer Ansicht ein Verstoss gegen Sitte und Anstand. Was um Himmels willen suchte sie bloss auf einer Wanderung im Mittelland bei prognostizierten 31 Grad?!?

Aufstieg
Der Aufstieg nach Riederen ist geschafft.

Zugegeben, man hätte die Frage durchaus auch an mich richten können. Auf 2000 m Höhe wäre es an diesem Sonntag eher nach meinem Gusto gewesen. Doch dort strichen nicht nur kühle Lüftchen über spriessende Soldanellen hinweg, sondern lauerten noch immer etliche böse und hässliche Schneefelder. Im Dienste von Sicherheit und Ästhetik hatte ich daher eine Route im Oberaargau vorgeschlagen.

Für die zweite eklatante Überraschung sorgte danach in Wynigen – na wer wohl? Sigi hatte sich etwas geradezu Abartiges einfallen lassen, um wieder einmal Aufsehen zu erregen: Diesmal erschien er ganz einfach rechtzeitig am Ausgangspunkt. Zuvor hatte er jahrelang hartnäckig und ausdauernd an seinem Image gefeilt, indem er chronisch zu spät oder gar nicht gekommen war bzw. auf der falschen Route wanderte. Und jetzt diese kühne Pointe! Wem gelingt es schon, ein derartiges Hallo hervorzurufen, indem er simpel, bieder und normal nichts anderes tut, als pünktlich anzutanzen? Alle Achtung!

Kröte
Das Krötlein kurz vor der Vertreibung aus dem Paradies

Erneut hatten die Aaronauten einige brenzlige Situationen zu meistern. Es fing mit einer nahezu überhängenden Metalltreppe im Mutzgraben an. Ich sah meine Wandergspänli schon reihenweise über die Klippe fliegen und wollte gleich Verbandmaterial hervorholen, doch sie meisterten die Herausforderung allesamt souverän und teilweise sogar fast ein wenig elegant.

Etwas unbeholfener ging es wenig später bei der Überquerung des Mutzbachs zu und her. Wir hatten bereits eine Reihe von zwar schönen, jedoch dicht besetzten Picknickplätzchen passiert. Manche Mägen begannen zu knurren, obendrein sanken einzelne emotionale Barometer in die Tiefe. Dann entdeckten wir die frisch gemähte Wiese, von der uns nur der Bach trennte. Also los, hinüber. Die Vorausschauenden unter uns zogen Schuhe und Socken aus und wateten durch das knöcheltiefe Wässerchen. Die Dreisteren ignorierten die Tatsache, dass es keine Brücke gab und das Steinhäufchen im Bachbett nur dem Schein nach eine stabile Furt war. Frohgemut stolperten sie hinüber. Komplett ins Wasser fiel zwar niemand, aber ich glaube, es gab trotz marginaler Tiefe einige gründlich durchnässte Schuhe.

Rast
Hühner auf der Stange? Nein, Aaronauten bei der Rast

Danach bezogen wir auf unserem Picknickplatz Position. Weil wir recht zahlreich waren und uns schön hinter der Schattengrenze aufreihten, ergab das ein hübsches Bild. Wie Hühner auf der Stange sassen die Aaronauten in einer annähernd geraden Linie. Das gemähte Gras war schon fast trocken. Die Zecken, die auf den Halmen gelauert und ihr Tagwerk damit begonnen hatten, auf arglose Rehlein zu warten, dürften somit ein stundenlanges intensives Sonnenbad hinter sich gehabt haben. Doch statt sich brav in den Hitzetod zu schicken, hatten sie sich offenbar entschieden, noch auf uns zu warten. Ei, wie wir uns über diese Begegnung freuten!

Und dann war da noch dieses Krötchen, das etwa so gross war wie ein südamerikanischer Pfeilgiftfrosch, aber wirklich niedlich aussah. Caroline setzte sich fast drauf, worauf Sigi zu delegieren begann. Unter Verweis auf seine «diversen Arthrosen» (hm, lässt sich dieses Wort wirklich in die Mehrzahl setzen?) bat er mich, das Getier wegzubugsieren, doch im gleichen Moment begann selbiges ziemlich wild herumzuhüpfen. Weil es Anstalten zu machen schien, gleich direkt in Carolines Rucksack zu flüchten, griff diese zu einem hochfrequenten Geräusch, was wiederum wohl Puls und Blutdruck des armen Hüpfers in die Höhe schnellen liess. Ach, man erlebt doch immer wieder unvorstellbare Abenteuer beim Wandern!

Önztal
Unterwegs im sonnendurchglühten Önztal

Das alles war aber noch gar nichts im Vergleich zu dem, was sich dann in Riedtwil ereignete. Nachdem wir den Mutzgraben hinter uns gelassen und uns mit Leib und Seele der dröhnenden Hitze ausgeliefert hatten, begann ich mich zu fragen, ob es wirklich sinnvoll sei, unter solchen Wetterverhältnissen noch bis nach Herzogenbuchsee zu schmoren äh zu wandern. Wahrscheinlich hatte ich Mitleid mit Barbara und vielleicht auch ein bisschen mit mir selbst. Jedenfalls begann ich mir auszumalen, wie man uns in fünftausend Jahren als gedörrte Önzis aus dem Mutzbach-Geschiebe klauben würde. Daher begann ich eifrig das Kartenwerk auf Alternativen zu prüfen. In Riedtwil hatte ich dann meine Lösung parat: Man könnte von hier aus einfach nur noch nach Grasswil wandern. Eine Stunde weniger. Aber oha, die Idee löste ein wildes Durcheinander aus, so dass ich abstimmen liess. Es gab natürlich ein Patt, und dann fand ich blöderweise heraus, dass die Alternative mehr als hundert zusätzliche Höhenmeter bedeuten würde. Obendrein war ich so ehrlich (will heissen: ungeschickt), diese Erkenntnis auch noch öffentlich bekanntzugeben, was die Befindlichkeiten nochmals durchschüttelte, so dass wir schliesslich einfach doch weiter nach Herzogenbuchsee zottelten.

Das trug mir unter der Hand natürlich unangenehme Vorwürfe ein: Abstimmen, aber irgendwie schwammig, dann nachträglich wichtige Fakten einspeisen und sich schliesslich über das Ergebnis hinwegsetzen – das gehe doch einfach nicht. Ja stimmt, es geht nicht. Aber eigentlich läuft es ja zum Beispiel in der Politik (um nur ein Beispiel zu nennen) ständig genauso. Also, wo ist das Problem? Mein Fazit zielt in eine andere Richtung: Derartige Spielchen mit Demokratie sind einfach viel zu gefährlich, als dass sie beim Wandern praktiziert werden sollten…

Hermiswil
Kein reissender Fluss, sondern eher ein Bächlein: Die Önz bei Hermiswil

Zu meiner Schuldminderung sei an dieser Stelle zum wenig originellen, aber plausiblen Argument der Hitzeeinwirkung gegriffen. Die Temperaturen beeinträchtigten nämlich unterdessen auch andere Schaltkreise. Sigi etwa war schon beim Mittagessen ein bisschen auffällig geworden, weil er den zeckenfürchtigen Damen empfahl, nächstes Mal beim Wandern nicht schwarze, sondern weisse Socken anzuziehen. Er versuchte die Absonderlichkeit dieses Gedankens dann gleich selbst auszubügeln, indem er betonte, selber zu wissen, dass weisse Socken völlig untragbar seien, ausser im Aargau («die dürfen dort fast alles»), und schliesslich sei man im Oberaargau und deshalb schon ganz nahe beim Aargau.

Später, auf dem Weg von Riedtwil nach Herzogenbuchsee, setzte er sich nochmals tüchtig ins Fettnäpfchen, als er von irgendwelchen «Entwässerungskanälen» schwadronierte. Ich benötigte längere Zeit, bis ich kapierte, dass er die träge in ihrem massiv befestigten Bett dahinfliessende Önz meinte, gab dann aber mein Bestes, um ihm energisch klarzumachen, dass es sich hierbei um einen hochwertigen Aare-Zufluss handle und nicht um eine drittklassige Drainage.

Schattenplatz
Schattenplätzchen waren begehrte Orte.

Den Bergpreis in Sachen hitzebedingtem Fehlmanagement sicherte sich wenig später Urs. Früher war er mal ziemlich nahe daran gewesen, zum Leiter der kartografischen Abteilung der Aaronauten ernannt zu werden. Vielleicht aus diesem Grund schaltete er kurz nach Riedtwil zwei, drei Gänge höher. Zunächst versetzte er sich in leichten Trab, wagte dann sogar ansatzweise einen kurzen Galopp und strebte auf diese Weise zügig dem Ziel zu. Dann aber übersah er die seltsame Spitzkehre, die der Wanderweg beim Mattenhof beschreibt, und schritt stattdessen zielstrebig auf dem Strässchen weiter, das ihn, so nahm er wohl an, in direkter Linie nach Herzogenbuchsee führen würde. Weil wir alle mit Schafsgehorsam hintendrein watschelten, geriet nun gleich die ganze Gruppe ins Niemandsland zwischen Bahnlinie, Kantonsstrasse und Robidog-Feldern. Dort hätte die Geschichte gut und gerne in einer Implosion des Wanderwillens bzw. in einer Explosion aller möglichen Frustrationen enden können. Doch ebenso beherzt, wie er danebengehauen hatte, griff Urs entschlossen zu Reparaturmassnahmen und führte die schwitzenden und dürstenden Aaronauten in den schattig-kühlen Wald.

Als man ihn dort zur Rede stellte, verwarf er mit verräterisch deutlich aufgetragener Empörung die Hände und schnaubte etwas von Glace. Ah, ich hatte es ja geahnt, dass es leibliche Gelüste waren, die ihn zu seiner Direttissima angestachelt hatten. Vom Magnum-Wahn auf Abwege getrieben – er war entschuldigt! Im Bahnhofkiosk fand die Expedition durch das Tal der Önz ihr erfüllendes Ziel, und zum Glück hatten sie dort die Tiefkühltruhe rechtzeitig vor unserer Ankunft mit frischen Vorräten randvoll gefüllt.

 

Routenbeschreibung: Wanderung Wynigen–Herzogenbuchsee