Zum Inhalt springen

Geständnisse am Lammbach

Expedition in eine Mondlandschaft

Die Wanderungen im Land der Aare haben mittlerweile einen beachtlichen Reifegrad erreicht: 19 Etappen entlang der Aare plus 31 Expeditionen zu Nebengewässern, das macht in der Summe 50 Touren. Wie soll man ein solches Jubiläum begehen? Eine interne Arbeitsgruppe war schon seit Monaten am planen und konzipieren. Rucksack-Beflaggungen, Festansprachen «to go», portable Kaffee-Vollautomaten und Pausen-Stoppuhren im unverwechselbaren Aaronauten-Design – vieles wurde erwogen, diskutiert und wieder verworfen.

Am Schluss wurde entschieden, für einmal eine ganz gewöhnliche Wanderung durchzuführen. Wie bei den vorangegangenen 49 Anläufen schlug dieser Plan auch am 26. August 2018 gründlich fehl. An der Route lag es freilich nicht. Der Lammbach stand auf dem Programm. Hier die Kurzfassung: Es geht im Wald aufwärts, man sieht Steine, danach kommt man wieder in den Wald und steigt ab. Ist doch im Grunde sterbenslangweilig, nicht wahr?

Es geht sichtlich aufwärts.

Man muss es anerkennen: Die Aaronauten sind eine sehr spezielle Lebensform. Sie schaffen es, auch eine relativ triviale Bergwanderung in ein abgründiges Abenteuer zu transformieren. Die grossen Fragen der Menschheit traten an diesem sonnigen Sonntag auf die Bühne des Lebens: Gibt es so etwas wie freien Willen? Wenn Ja: An sich – oder für sich? Und weiter: Bringt mich Selbstverleugnung voran? Schliesslich: Ich nicht – aber die Anderen?

Das grosse Wanderdrama setzte noch vor dem Abmarsch ein, als sich das Grüppchen beim Selecta-Automaten am Bahnhof Brienz langsam zu formieren begann. Wenmin, die zum ersten Mal dabei war, eröffnete die Diskussion – nein, nicht mit einem Paukenschlag, sondern eher mit einem Wattebausch. Aber es hatte etwas Juckpulver drin. Sie stellte nämlich fest, ein bisschen in Sorge zu sein, ob sie diese Tour schaffe, so von wegen 700 Meter Aufstieg. Ihre Worte verhallten nicht ungehört, sondern wurden von Marie-Louise und Dina begierig aufgesogen und sogleich mit einem schmerzerfüllten «Ich auch!» quittiert. Die beiden sahen zwar nicht gerade leidend aus, aber irgendwie auch nicht ganz überzeugend (oder sollte man eher «überzeugt» sagen?).

Ausblick in die Bröckelzone

Irgendetwas Pfarrherrenmässiges in meinen Adern regte sich. Ich begann aufzumuntern, Trost zu spenden, appellierte an die Eigenverantwortung und erinnerte an eine gewaltige Errungenschaft der Aaronauten, nämlich an die grosse Wanderfreiheit: Es gebe keine Ketten, mit denen man aneinander gefesselt ist, damit man sich gegenseitig den Berg hochschleppt. Als mündigen Wesen stehe es vielmehr allen von uns jederzeit frei, einen Abbruch vornehmen.

Nach dieser feurigen Ansprache schaute ich mich zuversichtlich um, doch mir schien, man blicke mich eher verständnislos an. Na denn los! Wir begannen zu marschieren, dem Brienzersee entlang, zum Wasserlauf von Schwanderbach und Lammbach, dann durch den Wald aufwärts zum Schwander Waldschwimmbad. Dort hatten wir bereits 120 (in Worten: hundertzwanzig) Höhenmeter geschafft. Wärme und Erleichterung breiteten sich aus, Pullover verschwanden in den Rucksäcken, Trinkflaschen kamen zum Vorschein, und Marie-Louise begann Zwetschgen aus ihrem Garten anzubieten, was, wie sie zugab, nicht vollkommen uneigennützig war, weil sie sich davon ein vermindertes Rucksackgewicht und somit erleichtertes Marschieren versprach.

Am Wendepunkt: Geschafft!

Oberhalb von Oberschwanden, nach weiteren 110 (hundertzehn) Höhenmetern, suchten die Aufstiegsfürchtigen bereits wieder das Gespräch, wollten mich zur Rede stellen, ja mich zu Zugeständnissen bewegen. Nein, es fährt kein Bus hinauf, musste ich klarstellen. Und nein, wir kehren nicht auf dem gleichen Weg zurück. Aber ja doch, man kann jederzeit umkehren.

Darauf begann ich zu faseln, von SchweizMobil, Marschzeitberechnungen, Höhenprofilen, fortlaufend verfeinerten digitalen Höhenmodellen, fraktalen Gesetzmässigkeiten. Und auf einmal entdeckte ich drüben, auf der anderen Talseite, in der Flanke des Schwarzhorns, eine Substanz, die ich eine gefühlte Ewigkeit lang nicht mehr gesehen hatte: Da lag tatsächlich ein Hauch Schnee auf den Bergen, hingeworfen von der gestrigen meteorologischen Störung, die dem seit Mai herrschenden Sommerwetter einen kurzzeitigen Dämpfer verpasst hatte.

Noch immer von Glückshormonen überschwemmt

Ich wies staunend auf den zauberischen Anblick hin – und wurde von Dina flugs verdächtigt, vom «Problem an sich» ablenken zu wollen. Da entbrannte alsbald wieder die alte Diskussion, ob ich nun ein Wanderleiter bin oder nicht. Meine persönliche Meinung: Nein. Aber diese Sichtweise scheint nicht Allgemeingut zu sein. Ana schlug vor, ich solle einen Disclaimer aufschalten, den man jeweils vor der Wanderung anklicken müsse. Ausgezeichnete Idee. Punkt eins:  Ich sage nicht, wann man aufs Klo darf, trinken soll oder Sonnencreme einreiben muss. Punkt zwei: Ich stecke meine Hände nicht in die Hosentasche, wenn jemand ins Wasser fällt und um Hilfe ruft.

Ueli versuchte der Diskussion eine polit-philosophische Wendung zu geben, indem er darauf hinwies, dass ich nach Marx zwar ein Wanderleiter an sich sei, aber nicht ein Wanderleiter für sich. Das führte mich zur schlussfolgernden Feststellung, man sollte es eher im Sinne Schopenhauers betrachten: Der Wanderleiter an und für sich als Wille und Vorstellung.

Im Paradies

Die Wanderung wurde fortgesetzt. Es ging in den Lammbachgraben, eine Landschaft, die wilder ist als eine tollwütige Rock-Gang auf schweren Motorrädern. Alles bröckelt und rumpelt dort. Anderthalb Millionen Kubikmeter Gestein schlummern einem grossen Regenfall entgegen, um eines Tages als gewaltiger Murgang talwärts zu stürzen. Der Weg wurde steil, Keuchen setzte ein, Versagensängste stiegen wie Moderwolken aus einem trüben Sumpf empor – mit einem Wort: Der Aufstiegsstress griff endgültig um sich.

Mit stillem Entsetzen entdeckte ich, dass es unterdessen klammheimlich Mittag geworden war. Noch bevor ich dazu kam, mir in allen schauderhaften Einzelheiten auszumalen, wie das Steigungsthema sich nun allmählich mit dem Hungerthema verbünden würde, kam es exakt zu einer solchen Kernfusion der aktuellen Probleme. Flugs beschlossen wir, mit hoher Kompromissbereitschaft nach einem Rastplätzchen Ausschau zu halten.

Frohgemut schreitet man am Schwanderbärgli talwärts.

Wenmin und Monika entdeckten wenig später eine kleine Waldlichtung am Weg mit ein paar Baumstämme und etwas, das halbwegs als Aussicht durchgehen konnte. Doch es war bereits zu spät, denn Marie-Louise war schon durchmarschiert und hatte ein paar Höhenmeter weiter oben beschlossen, gleich auf dem Bergweg zu biwakieren. Sie versicherte mit nahezu brutaler Glaubhaftigkeit, sie kehre keinen einzigen Schritt mehr zurück. Man kann das nachvollziehen, denn auch der Wanderer gibt Fortschritte, die er einmal erzielt hat, nur ungern preis.

Etwas später erreichte die mittlerweile gestärkte Armada den Wendepunkt. Wir naschten Brombeeren, warfen einen letzten Blick in die Mondlandschaft des Lammbachgrabens, bummelten bei geringem Aufstieg einer Lichtung entlang zum Treichiwald, wo ich verkündete, wir hätten soeben den höchsten Punkt der Route erklommen. Triumphgeheul, Einander-in-die-Arme-Fallen und überschwängliche Glücksbekundungen setzten ein. Man musste förmlich aufpassen, nicht eine Überdosis an Endorphinen einzuatmen.

Zum Abschluss ein Umtrunk bei Eingeborenen

Der Abstieg begann, wie der Aufstieg grösstenteils verlaufen war: im Wald. Ich muss zugeben, meine Routenwahl war mit einer gewissen landschaftlichen Einengung verbunden. Umso grösser war dann der Kontrast, als wir im Unterägerdi zwischen den Bäumen hervor auf Weideland traten: Wir erblickten das Schwarzhorn und die Faulhornkette und sahen in der Tiefe den Brienzersee leuchten. Wenig später kamen wir an ein Hüttchen, vor dem sich ein umzäuntes Gärtchen befand, in dem allerlei Gemüse gedieh. Nebenan stand ein Bänkchen. «Das ist das Paradies», stellte Dina fest und setzte sich.

Später, als wir nach steilem Abstieg durch das Schwanderbachtobel alle heil in Brienz angekommen waren und bei Eingeborenen zu einem Imbiss einkehrten, komplettierte sie ihr Coming-Out, indem sie bekundete, beim Einpacken heute Morgen habe sie voller Respekt angesichts des Aufstiegs vor allem darauf geachtet, die Rega-Karte nicht zu vergessen. «Sie ist der Chief Risk Officer der Familie», bestätigte Dubravko. Offensichtlich schärfen sich Aaronauten auf Wanderwegen erfolgreich für die Herausforderungen des Lebens.