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Englische Blockaden am Brienzer Rothorn

Schnee
Das Monster schlummert unter dem Schnee.

Ein englisches Fräulein, das war früher eine Nonne – nämlich eine Dame, die mit englischen (also engelhaften) Dingen in Verbindung stand. Nachdem es heute kaum mehr Nonnen und schon gar keine Fräuleins mehr gibt, ist der Begriff aus der Mode geraten. Das hat wohl auch damit zu tun, dass «englisch» heute primär gleichgesetzt wird mit schlechter Küche, miesen Zeitungen und katastrophalem Wetter. Dennoch unternahmen die Aaronauten am 15. Januar 2017 einen Streifzug durch zutiefst englische Gefilde.

Es begann mit einer meteorologischen Perspektive von wahrhaft englischen Dimensionen: Angesagt waren viel Schnee, Kälte und obendrein Wind – was mich zur Notbremse greifen und eine stark verkürzte Tour vorschlagen liess. Wieder einmal kam es anders: Die Engel schickten goldene Strahlen vom Himmel herab und liessen nicht nur die Gemüter der sonnenhungrigen Aaronauten, sondern teilweise sogar den Schnee schmelzen.

Tafel
Cherchez la faute!

Können eigentlich auch Berge ein Ziel verfolgen? Psychologisch betrachtet natürlich nicht (sie haben vermutlich zu wenig Grips), geologisch gesehen aber schon. Das Brienzer Rothorn etwa, in dessen Flanke wir heute wandern wollten, hat grob geschätzt ein einziges Ziel: Es will in den See. Seit Jahrmillionen arbeitet der bröcklige Kalkhaufen daran, sich diesen von der Erdanziehungskraft begünstigten Wunsch zu erfüllen. Immerhin hat er bereits einen Zwischenerfolg erzielt, indem er einen stattlichen Teil seiner selbst als ansehnlichen Schuttkegel am Ufer deponiert hat. In der Schweiz gibt es ja haufenweise solche Plätzchen. Sie eignen sich prima, um Kühe weiden zu lassen und sich einer eng parzellierten Illusion von niederländischer Flachheit hinzugeben, selbst wenn man von hohen Bergen umgeben ist.

Die Sache ist allerdings zwiespältig, wie man in Brienz in den vergangenen Jahrhunderten mehrfach leidvoll erfahren musste. Die Gebiete unten am See sind nämlich nicht bloss recht flach, sondern auch arg exponiert gegenüber dem, was von weiter oben kommt, wenn sich wieder mal eine hydrologische Blockade löst. Im Sommer 2005 gab sich der Berg einen tragisch-jähen Ruck, liess grobe Brocken talwärts rutschen und verschüttete einen Teil des Dorfs. Seither gibt es dort Leute, die zumindest den einen der beiden mitten durch das Siedlungsgebiet fliessenden Wildbäche (nämlich den Glyssibach) als Monster taxieren. Das dürfte diesem relativ egal sein, schliesslich macht er nur seinen Job, nämlich den Berg zu entwässern.

Wellenberg
Durch unberührten Schnee zum Wellenberg

Weil der Glyssibach und der benachbarte Trachtbach bei dieser Mission gelegentlich zu überborden neigen, verstärkte man die Verbauungen. Auf unserer Rundtour nahmen wir einige der Bauwerke in Augenschein. Wie sie ihre Schutzwirkung im Ernstfall entfalten sollen, das wird auf insgesamt zehn Informationstafeln an verschiedenen Standorten erklärt. An dieser Stelle ist es Zeit, eine Beichte abzulegen: Ja genau, ich habe die Tafeln getextet, und jawohl, auf jeder von ihnen hat es einen Fehler. Eine Art von verzweifeltem Masochismus liess mich die Aaronauten einladen, ihn zu suchen.

Aber oh Wunder: Obwohl sogar eine stattliche Schar von Lehrerinnen dabei war (in Worten: zwei), vermochte ihn niemand zu entdecken. Ich war extrem verzückt. Zugegeben, es ist kein grober Bock, sondern «nur» ein ungewollter Deppenleerschlag, aber er ärgert mich seit Jahren – und wird es wohl noch eine ziemlich lange Weile tun, denn bei der Tafelherstellung setzte man nicht auf eine Billiglösung, sondern auf extrem dauerhaftes eloxiertes Aluminium. Was für eine blödsinnige Entscheidung, denke ich manchmal. Die Tafeln werden nämlich noch mindestens ein halbes Jahrhundert halten.

Brienzersee
Über dem Brienzersee reisst die Wolkendecke auf.

Vom Fehlerteufel zurück zu den Engeln. Wir parlierten heute Engelssprache bzw. englisch, weil Ana dabei war, die des Deutschen noch nicht so mächtig ist wie des Wanderns. Schon bald verliessen wir die gepfadeten Strecken und betraten himmlische Gefilde. Totale Stille herrschte, eine blendend helle Schneedecke lag auf den Wiesen, die Bäume waren prachtvoll verschneit. Einzig Barbara erklärte, von der zauberhaften Winterlandschaft herzlich wenig mitzubekommen, weil sich ihre Brillengläser einen intensiven Wettbewerb in permanentem Highspeed-Beschlagen lieferten.

Es war wunderbar, durch diese unberührte weisse Wildnis zu streifen. Allerdings wurde es gleichzeitig auch recht anstrengend, denn der Schnee bremste die Schritte. Ich ging voran, um eine Spur zu legen. Bei einer Scheune hatte der Wind eine mehr als meterhohe Wechte geformt. Während ich mich mühselig durch das Hindernis voranknorzte, kam mir aus irgendeinem Grund der bescheuerte neue Grossmufti drüben in Amerika in den Sinn. Jählings spürte ich negative Energien in mir aufsteigen, die ich geistesgegenwärtig in Beinkraft umzuwandeln vermochte. Mit anderen Worten: Ich trumpelte meinen Wandergenossinnen und –genossen erfolgreich eine Gasse frei.

Hütte
Auch Wanderer können Skihüttenatmosphäre geniessen.

Beim Wellenberg kriegten wir von einem sozusagen leibhaftigen Engel Besuch. Margreth fühlte sich in die Jugend zurückversetzt und verspürte das Verlangen, sich in die weiche Schneedecke fallen zu lassen und dort ein «Ängeli» zu formen. Man ermunterte sie, und die Bastelarbeit geriet tatsächlich recht gut. Danach wurde das Wandergrüppchen jedoch von einem seltsamen Stocken erfasst. Die Engelsmutter wollte noch schnell ein Föteli von ihrem Werk machen, fand aber das Mobiltelefon nicht mehr. Hatte sie es versehentlich in einen der Engelsflügel eingemauert oder gar beim Wechten-Durchtrumpeln verloren? Die Konzentration an Panikmolekülen in der Atmosphäre schoss rasant in die Höhe, so dass ich mich bald einmal erbarmte und das verschollene Teil mit einem Anruf dazu zwang, sich mit einem erlösenden Vibrato zu erkennen zu geben – das Miststück hatte sich in einer der gefühlt 47 Taschen von Margreths Skihose verborgen.

Die ganze Übung (Idee haben, in den Schnee sinken, mit den Flügeln flattern, aufstehen, Handschuhe ausziehen, Handy suchen, Foto knipsen, Handschuhe anziehen) dauerte natürlich ihre Zeit, aber kurioserweise machte keiner der nachfolgenden Aaronauten Anstalten, den Manöverplatz zu umgehen und sich nach vorne an die Hangkante zu begeben, wo ich bereits seit längerer Zeit die Aussicht auf den im Sonnenlicht funkelnden See genoss. Offenbar wollten sie alle in der Spur bleiben, die ich gelegt hatte – und die nun von der Engelsmutter blockiert war. Es war eine leicht absurde und irgendwie komische Situation. Plötzlich kam mir ein alter Film von Luis Buñuel in den Sinn, der «El Angel Exterminador» (auf Deutsch: «Der Würgeengel») heisst. Darin will es einer Gruppe von Leuten einfach nicht gelingen, den Raum, in dem sie eine Party feiern, zu verlassen: Quer über den Teppich zieht sich eine unsichtbare Barriere, die niemand zu überschreiten vermag.

Bach
Abenteuerliche Bachquerung (glimpflich ausgegangen)

Irgendwann gab das Würgeängeli im Schnee die Aaronauten dann aber doch noch frei. Wir kamen an eine Scheune. Die Sonne tauchte jetzt endgültig und gründlich auf. Wir genossen Skihüttenatmosphäre und Tiefblick. Aus den Rucksäcken arbeiteten sich Sonnenbrillen, Ess- und Trinkbares ans Tageslicht hervor.

Nach der Mittagspause verzichteten wir auf den Abstecher hinauf zum Ausleitbauwerk des Glyssibachs. Das ist zwar ein recht spektakulärer Schauplatz, aber noch anziehender schien uns das verschneite Tälchen nahe des Weilers Glyssen. Wir pflügten durch die jungfräuliche Schneedecke einen Hang hinunter und durchquerten ein Wäldchen, das – man kann es nicht anders sagen – von gellender Stille durchdrungen war. Wir kamen uns vor wie ein astronautisches Expeditionskorps, das in ferner Einsamkeit die ersten Pionierschritte auf einem unerforschten Planeten unternimmt.

Als wir an den Glyssibach kamen, wurde es tatsächlich recht abenteuerlich. Im Bachbett liegen eigentlich grosse Felsblöcke und Steinplatten, doch gegenwärtig war nichts als eine trügerisch weiche, weisse Federdecke zu sehen. Ich versuchte mir einen heldenhaften Anstrich zu geben, setzte mich an die Spitze des Wandertrupps und tastete mich durch das heimtückische Terrain voran. Schritt für Schritt ging es zwischen Steinen, brüchigen Eisplatten und hinterlistig blubberndem Wasser hindurch, wobei ich den Weg so zu wählen bestrebt war, dass auch die nachfolgenden Pioniere nicht in die kalten Fluten fielen. (Ehrlicherweise müsste man eher von Flütchen sprechen, denn der Bach führte nur wenig Wasser. Weil dieses Wenige aber unangenehm kalt war, suchte man seine Bekanntschaft trotzdem nicht).

Schnee
Schnee verleiht Flügel: Evi hebt ab.

Wie Hühner auf der Stange standen die Aaronauten oben am Hang und guckten, ob ich ins Wasser stürze. Mehr noch als das Flütchen fürchtete ich deshalb die Schadenfreude. Doch als ich Urs nach erfolgreicher Traversierung darauf ansprach, sagte er mit bleichem Gesicht und ernstem Blick, er habe wirklich inständig gehofft, dass ich nicht in den Bach falle, weil ich ja noch ein Zvieri in Aussicht gestellt hätte.

Seine Gesichtsfarbe wurde zügig wieder rosig, als wir unser Haus erreichten und den besagten Imbiss in Angriff nahmen – auch wenn dieser eigentlich auf einem falschen Versprechen beruhte. Von einem «Zvieri bei Eingeborenen» war vorgängig die Rede gewesen. Das ist natürlich Quatsch, denn ich lebe mit meiner Familie ja erst seit einem Vierteljahrhundert in Brienz. Als einheimisch gilt man in solchen Gegenden bekanntlich erst, wenn man seit mindestens fünf Generationen hier ansässig ist.

Zvieri
Zvieri bei Eingeborenen

 

Routenbeschreibung: Wanderung Brienz – Trachtbach – Glyssibach – Brienz