«Wer nur bei schönem Wetter vor die Tür geht und in der Wohnung sitzt, wenn es stürmt, regnet oder schneit, verpasst die Hälfte. Vielleicht das Beste.» Das hat einer geschrieben, der sich mit misslichen Umständen bestens auskennt: Der Norweger Erling Kagge war nicht nur auf dem Mount Everest sowie an Nord- und Südpol, sondern hat auch New York der Länge nach unterquert – im Abwasserleitungsnetz. Seine Behauptung erwies sich als passendes Motto für den 27. Januar 2019. Fürchterliches Hudelwetter hatten die Wetterfrösche vorhergequakt. Und wieder einmal kam es nicht halbwegs so schlimm.
Eine alte Pendenz stand auf dem Programm. Mit der Erkundung des Oberbipper Dorfbachs nahmen sich die Aaronauten eine leichte, allwettertaugliche Route vor. Weniger leicht war dafür das Thema, dem sie unterwegs mehrfach begegneten, sowie die Bewältigung der Mittagspause. Zum Auftakt gab’s einen Abstecher zum Attiswiler Freistein, wo sich einst eine unschöne Moritat zugetragen hat: Der bernische Landvogt missachtete den Schutz vor Verfolgung, den diese Stätte seit altersher bot, und meuchelte einen Flüchtigen gleich neben dem Menhir. Seine Tat bekam dem Vogt nicht gut: Er verfiel langem Siechtum und starb schliesslich auf seinem Schloss Bipp (an dem unsere Wanderung ebenfalls vorbeiführte). In manchen Frühlingsnächten soll sich sein Geist seither beim Freistein herumtreiben.
Etwas makaber war auch das zweite steinzeitliche Denkmal, dem wir begegneten: Bei der Kirche Oberbipp steht ein aus mehreren mächtigen Steinen zusammengesetzter Dolmen. Am ursprünglichen Standort barg die Anlage ein Massengrab, in dem rund 30 Menschen beigesetzt worden waren. Aufgrund von mehreren Murgängen, die der Dorfbach angerichtet hatte, war der Dolmen weitgehend verschüttet. Um das Jahr 2000 ragte nur noch ein kleines Stückchen der Deckplatte aus dem Boden. Die wahren Dimensionen der Anlage traten zutage, als der elfjährige Sohn des Grundbesitzers mit einem Bagger im Obstgarten wirkte. (Im Oberaargau lassen sie offenbar ihre Kinder auf diese Weise im Garten spielen.) Die Grabstätte wurde archäologisch untersucht und danach auf den Friedhof verlegt.
Nach dieser geballten Ladung Morbidität wollten wir zur Mittagsrast schreiten. Aufgrund der Witterung hatte ich vorgeschlagen, ausnahmsweise wieder einmal eine Beiz aufzusuchen. Unterdessen war auch der Ewig-zu-spät-Kommende-dessen-Name-nicht-genannt-werden-soll eingetroffen. Er gilt unter Kennern als eingefleischter Befürworter von Regelbrüchen und tritt wenn immer möglich für vielfache und intensive Restaurantbesuche ein. In Urs, dessen Wandergespräche sich mit auffälliger Häufigkeit um Kulinarisches drehen, fand er einen natürlichen Verbündeten.
Doch im einzigen Oberbipper Restaurant, das an diesem Sonntag offen war, verging auch diesen beiden zwar nicht der Hunger, dafür aber die Lust, aufs Essen zu warten und in dieser Zeit übers Essen zu reden. Das «Rössli» erwies sich nämlich als überaus träger Gaul. Auf halbem Weg dorthin hatten wir zuvor im Dettenbühl bei einer Pferdekoppel die Tafel «Bitte nicht füttern!» gesehen. Hatte die Kellnerin, wenn sie uns betrachtete, eine ähnliche Aufforderung vor Augen? Nachdem wir in der (ansonsten leeren) Beiz bereits eine Stunde gedarbt hatten, zog sie den Mantel an und ging raus. «Hat sie Zimmerstunde, geht sie Kartoffeln für die Rösti ausgraben oder will sie dem Dolmen noch sechs weitere Skelette hinzufügen?» fragten wir uns mit wachsendem Entsetzen.
Nach geraumer Zeit kam sie dann doch wieder, lauschte unseren zusehends ermattenden Tischgesprächen, griff korrigierend ein («Das hier ist nicht Oberaargau, sondern Kanton Bern») und schlich irgendwann sogar mit Futter an. Wir stoffwechselten schweigend – es herrschte Einigkeit, dass dies für längere Zeit der letzte Regelbruch gewesen sein dürfte. Wohlan, die Aaronauten werden künftig in die Annalen der Wandergeschichte eingehen als unbeugsamen Hartköpfe, die selbst bei Orkan und Superfrost im Freien picknicken.







