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Die Tapferen am Gäbelbach

Fischereiexperten diskutieren am Gäbelbach über die Aussichten für das Abendessen.
Fischereiexperten diskutieren am Gäbelbach über die Aussichten für das Abendessen.

Was für ein Bahnhof! So einen richtig urbanen Bluff in Form einer Main-Station haben sie da in Rosshäusern hingestellt. Wir wähnten uns sozusagen in einer Metropole, dabei waren wir an diesem 12. November 2017 in reinstem Niemandsland ausgestiegen. Doch zumindest Cornelia war vorbereitet. Als sie am Vortag zuhause in der Innerschweiz das Bahnbillett hatte kaufen wollen, war sie gefragt worden, ob das Ziel «international» sei. Naja, Rosshäusern klingt wirklich schwer nach Ruhrgebiet oder Salzkammergut.

Am Vortag hatte es Stimmen gegeben, die das Wandern grundsätzlich und generell hinterfragten. Grundlage dieser Haltung war vermutlich ein sehr, sehr grosses Vertrauen in die Pappnasen, die vom Dach des nationalen Fernsehstudios herab ihre Mythen und Legenden verkünden. Man versuchte jedenfalls eindringlich, mich von jeglicher Wanderung abzuhalten: Orkanartige Stürme seien prognostiziert worden, man wisse nicht, ob es am Abend überhaupt noch Wälder gebe in Europa. Es sei daher geradezu lebensmüde, sich nach draussen zu begeben.

Rosshäusern Central Station – unser Ausgangspunkt
Rosshäusern Central Station – unser Ausgangspunkt

Anfänglich blies es dann auch tatsächlich recht wacker, als wir von der Central Station quer über exponiertes Wiesland aufstiegen Richtung Allenlüften. Nomen est omen: Es bläst dort scheint’s oft und aus verschiedenen Richtungen. Als wir in den Wald kamen, lagen sogar einige verdächtige Äste am Boden, die der Herbstwind wohl aus den Kronen geweht hatte. Doch dann gerieten wir in den Windschatten, und es wurde masslos still. Das führte uns in Versuchung, nicht besonders heftig auf den Weg aufzupassen, so dass wir die Abzweigung hinauf zur Ledifluh glattwegs übersahen, was aber nicht weiter schlimm war.

Ich war früher schon mal dort oben gewesen, weil mir die Aussicht gepriesen worden war, doch wegen dichtem Waldgestrüpp gab es dort kaum etwas zu sehen. Das war jetzt viel besser heute, da wir uns dem Waldrand entlang Richtung Heggidorn bewegten. Obendrein konnten wir vom Fuss der Fluh aus die mächtigen Sandsteinwände sehen, die man von oben gar nicht wahrnehmen kann. Fehler können also durchaus nutzbringend sein, sogar beim Wandern.

Nach dem Sturm war der Wald weitgehend entlaubt.
Nach dem Sturm war der Wald weitgehend entlaubt.

Wahrscheinlich hatte auch der Fehler, den Caroline und Sigi an diesem Tag begingen, irgendwie sein Gutes, ich weiss nur nicht genau was. Sie hatten sich entschlossen, statt auf eine Wanderung ins Museum zu gehen, und waren auf dem Weg dorthin gnadenlos verregnet worden. Auf dem Bildli, das sie mir sendeten, boten sie einen mitleiderregenden Anblick. Wenn man nicht genau hinsah, hätte man annehmen können, sie hätten sich soeben die Haare in der Friteuse gewaschen, so triefend pudelnass waren ihre Frisuren, die sie sicher vorgängig im Hinblick auf den Museumsgang in Bestform gebracht hatten.

Wie weise war es doch da von uns gewesen, nicht ins Museum, sondern an den Gäbelbach gegangen zu sein, wo wir praktisch trocken blieben. Ich muss allerdings einräumen, dass wir uns ausrüstungsmässig relativ stark an die obere Grenze des Sinnvollen vorgetastet hatten. Efrem und Wahid hatten sich gleich für das volle Programm entschieden und nicht nur Regenjacke und Schirm, sondern auch Handschuhe und Mütze eingepackt.

Frühlingsboten im Frühwinter
Frühlingsboten im Frühwinter

Zwischendurch griff auch ich zu meinem Schirm, da es tatsächlich einige Minuten lang ein bisschen stärker nieselte, aber wie die anderen Aaronauten versorgte ich das Gestänge schon bald wieder, weil es bei dem alsbald wieder etwas auflebenden Wind wenig nützte.

Von den gestrigen Panikschüben war ich insofern nicht ganz unbeeinflusst geblieben, als dass ich nach einem Unterschlupf zu recherchieren begann, an den wir uns zumindest für eine trockene Mahlzeit zurückziehen könnten, wenn sich der Himmel tatsächlich in eine grosse Dusche verwandeln sollte. Ich wurde mit einer Hütte im Spielwald fündig, die zwar vorne offen ist, uns aber mit ihren Rück- und Seitenwänden und insbesondere mit ihrem soliden Dach einen geradezu behaglichen Schutz bot.

Abseits des Wanderwegs gab es ordentlich Aussicht.
Abseits des Wanderwegs gab es ordentlich Aussicht.

Jedenfalls gab es ein grosses Hallo, als ich diesen Bruch mit dem Improvisationsprinzip annoncierte. Als wir dann sogar exakt um 12 Uhr bei der Hütte eintrafen, kannte die Begeisterung kaum mehr Grenzen. Wie wenig braucht es doch, um Wanderer glücklich zu machen! Einzig Urs phantasierte etwas von Glace, aber er mochte wohl einfach nicht eingestehen, dass er im Grunde genommen höchlich zufrieden war.

Cornelia hingegen äusserte den Verdacht, eigentlich brauche es sie jetzt gar nicht mehr unbedingt auf diesen Wanderungen. Jedenfalls sei die ihr einst zugedachte Funktion als Pausenministerin nun wohl komplett hinfällig geworden. Ich hoffe sehr, dass sie das nicht ernst meinte, und denke mit Bangen an Situationen zurück, in denen das Launensystem nahezu aus den Fugen geraten war, weil sich einfach kein schönes Picknickplätzchen hatte herbeiimprovisieren lassen.

Picknick mit Obdach
Picknick mit Obdach

Auf dem Weg zur Hütte hatte ich Efrem zu erklären versucht, dass wir dort picknicken würden, aber er konnte sich unter dem Begriff «Hütte» nichts vorstellen, so dass Stefan das Ding als «eine Art Hotel» umschrieb. Ich versuchte noch ein bisschen korrigierend einzugreifen, merkte dann aber, dass Efrem längst die groteske Übertreibung durchschaut hatte, die nunmehr zum Running Gag der Tour wurde.

Als wir tatsächlich beim «Hotel» ankamen, wollte er sich konsequenterweise wie in seiner Heimat sogleich als Kellner betätigen. Bei der Feuerstelle der Hütte lag ein Napf, den er sich schwungvoll und mit dienstbeflissener Eleganz schnappte, um ihn uns zu servieren, doch als er sah, dass «Für den Hund» draufstand, schien ihm das dann doch irgendwie nicht ganz schicklich, weshalb er seine Servicerunde kichernd einstellte.

Mysterium im Gäbelbachtal: Was, von wem, für wen?
Mysterium im Gäbelbachtal: Was, von wem, für wen?

Dafür offerierte uns Wahid Gebäck, das seine Frau am Vorabend für die Aaronauten gebacken hatte. «Schirini» heisse es, wie er erklärte. Das sei persisch und bedeute «süss». Eigentlich müsse man noch Honig darüber giessen, dann werde es «Schirini-schirini», aber das sei ihm zu süss. Ich denke, es war ohnehin sinnvoll, dass wir in der Hütte nicht noch mit Honigtöpfen zu hantieren begannen und dadurch womöglich noch Wespen und Bienen aus ihrem Winterschlaf weckten. Die Leckerei schmeckte ohnehin köstlich.

Und der Gäbelbach? Den bekamen wir erst nach der Hälfte des Wegs, bei der Riedbach-Mühle, kurz zu Gesicht, aber er war dort eher unansehnlich verbaut, so dass wir ihn gleich wieder links liegenliessen. Noch weniger anmutig wurde es, als wir den Autobahnviadukt erreichten. Schnellen Schrittes passierten wir die Betonwüste.

Ein Tunnel für Bach und Wanderer
Ein Tunnel für Bach und Wanderer

Umso wohlgefälliger war das bewaldete Tobel, in das wir danach stiegen. Der Gäbelbach mäandert dort frei zwischen Bäumen und Wiesen. Ziemlich genau 5 Luftlinienkilometer vom Bundeshaus entfernt zogen wir durch eine wunderbare Naturlandschaft. Vom nahen Bethlehem-Quartier – einem der weniger schönen Teile der Stadt Bern – bekamen wir nichts mit. Grossartig war der Tunnel, der den Bach und uns Wanderer unter der Strasse nach Frauenkappelen hindurchführte. Einzig die kuriose Tafel an einer bröckligen Sandsteinfluh irritierte uns ein bisschen: Eine Firma hatte sie «Für die Allgemeinheit» gestiftet. War die kryptische Zeichenfolge daneben ein Spendenkonto? Oder war der Chef an den architektonischen Schandtaten im nahen Tscharnergut beteiligt gewesen und hatte sein schlechtes Gewissen per Ablass entlasten wollen?

Das Grüppchen der unverdrossenen, wetterfesten und tapferen Aaronauten erreichte schliesslich wohlbehalten die Postautohaltestelle Eymatt. Zum Abschluss unserer Tour drückte noch die Sonne durch, und als wir ins Stadtzentrum fuhren, spannte sich ein leuchtender Regenbogen durch die Wolken. Hoffentlich waren unterdessen auch die Museumsbesucher wieder einigermassen in trockenen Tüchern, dachte ich.