Zum Inhalt springen

Das Phantom von Willisau

 

Bei Alberswil blühten die Heunägeli.
Bei Alberswil blühten die Heunägeli.

Nach dem schweisstreibenden April-Exploit hatten die Aaronauten zweifellos eine eher gemütliche Uferwanderung zugute. Der Weg entlang der Wigger liesse sich auch mit Kinderwagen oder im Hochwinter machen. Für milde Anstrengung sorgte an diesem 22. Mai höchstens das Warmluftgebläse über den Alpen, das der Südwind angeworfen hatte. Subtropisch warme Föhnluft liess uns den Schritt permanent mässigen.

Am Ausgangspunkt Nebikon gab’s eine Überraschung mit leicht abschreckendem Charakter: Allerlei Geländer und Kandelaber auf dem Bahnhofareal waren mit orangen Klebern zugekleistert, auf denen der Schriftzug «Volkswanderung VSL» prangte. Wir würden wohl nicht alleine sein, erkannten wir. Nun ist Wandern ja durchaus eine gesellige Angelegenheit. Doch die Aussicht, unseren Marsch nach Willisau in ähnlicher Fülle wie auf einer werktäglich gefüllten Rolltreppe im Zürcher Hauptbahnhof Zürich absolvieren zu müssen, war ein bisschen verdriesslich.

Hier mussten sich die Volkswanderer entscheiden.
Hier mussten sich die Volkswanderer entscheiden.

Der Alarm war allerdings voreilig losgegangen. Die Volkswanderer verteilten sich nicht nur räumlich, sondern auch zeitlich gut im Luzerner Hinterland. Da und dort liessen sich kleinere Gruppen erspähen, die jeweils in identischen T-Shirts unterwegs waren. Das liess die Frage aufkommen, ob nicht auch die Aaronauten sich künftig uniformieren sollten. Schicke gleichfarbige Jacken oder zumindest Caps wären doch eine tolle Sache. Ich gab dann zu bedenken, dass man sich mit Dächlikappen kaum mehr abgrenzen könne, und schlug stattdessen die Anschaffung von Helmen vor, worauf die Diskussion überraschenderweise implodierte.

Drei Parcours (à 5, 10 und 20 km) hatten die Volkswanderer eingerichtet. Wir erkannten, dass wir uns auf dem mittleren bewegten. Etwa eine halbe Stunde ausserhalb von Nebikon passierten wir auf einem Bauernhof einen Kontrollposten. Wir wurden etwas schräg angeguckt, weil wir keine Anstalten machten, uns überprüfen und beglaubigen zu lassen.

Wenigstens der Hund ging baden: Wilma kühlt sich in der Wigger die Pfoten.
Wenigstens der Hund ging baden: Wilma kühlt sich in der Wigger die Pfoten.

Das gab mir aber immerhin Gelegenheit zu einer Kurzrecherche. Der «Volkssportverband Schweiz-Liechtenstein» steckt jeden Samstag und Sonntag im Jahr in wechselnden Regionen Wanderparcours ab. Die Teilnehmer entrichten jeweils ein paar Franken als Startgeld. Die meisten sind in lokalen Vereinen organisiert, für die sie durch das Abmarschieren Punkte sammeln. Die Punktejagd ist zuweilen noch exzessiver als in der Migros: Es gebe Leute, die an einem Tag zweimal hintereinander den 20-km-Parcours abspulen, erklärte mir eine Volkswandersfrau im gelben T-Shirt der «Wandergruppe Buchs». Als ich mich erkundigte, wie viele Leute denn da jeweils mitmachen («Fünfzig? Hundert?» schlug ich ahnungslos vor), zeigte sie mir ihr Startticket für den heutigen Tag. Es trug die Nummer 774.

Als ich mit noch immer leicht heruntergeklapptem Unterkiefer zu den Aaronauten zurückkehrte und Bericht erstattete, wurde mir sogleich unterstellt, ich würde davon träumen, das Land der Aare ebenfalls mit mehreren hundert Wandersleuten heimzusuchen. Das konnte ich glaubwürdig widerlegen: Das sich immer wieder neu zusammensetzende Kleingrüpplein der Aaronauten beschäftigt mich ja eigentlich schon vollauf. Zudem zeigte sich heute eine bemerkenswerte Anomalie: Am meisten auf Trab hielt uns ausgerechnet ein Abwesender. Näheres dazu in Kürze.

Die Bank ist voll – für unseren Phantomwanderer hätte es offensichtlich keinen Platz mehr.
Die Bank ist voll – für unseren Phantomwanderer hätte es offensichtlich keinen Platz mehr.

Der Uferweg folgte dem Flüsschen. Auf einem blumengeschmückten Traktor fuhr uns ein strahlendes Paar entgegen – so scheint man auf dem Land Verlobung zu feiern. Die Wigger sahen wir wegen der meist dichten Bestockung kaum. Dafür entdeckten wir vollfette Poesie. Ein improvisiertes Schild signalisierte den Standort einer Informationstafel, die dereinst einen Themenweg mit dem fulminanten Namen «Motivationspfad a de Wegere» zieren soll. Später erreichten wir eine als «Platz des Dialogs» deklarierte Feuerstelle, wo uns eine weitere Tafel zu einem Zwiegespräch mit Einheimischen, Schnecken, Vögeln, Gras, Bach und Bäumen einlud und uns empfahl, «die Schwingung dieses einmaligen Augenblickes zu geniessen».

Statt eines Austauschs mit Schnecken und Gräsern entfesselte sich allerdings eine eifrige Diskussionen über mein «Konzept», nachdem wir an einer Beiz mit Cordon-Bleu-Festival vorbeikamen. Das Etablissement war zwar sonntags geschlossen, aber das spielte schon keine Rolle mehr, denn die Triebe waren geweckt. Spitzzüngiges Gerede über Picknickzwang und dergleichen loderte auf.

Der Kebab-Stand gereicht der Willisauer Altstadt irgendwie nicht ganz zur Zier.
Der Kebab-Stand gereicht der Willisauer Altstadt irgendwie nicht ganz zur Zier.

Konzept? Den Begriff hatte Sigi ins Spiel gebracht, als er sein Kommen grossspurig per E-Mail ankündigte. Bei dieser Gelegenheit pries er gleich auf Vorrat die gebrannten Wässerchen des Luzerner Hinterlands, räumte allerdings ein, aufgrund des «Konzepts» sei vermutlich nicht an eine Einkehr zu denken. Den Bätzi werde er dann halt im Flachmann mitführen, um sich unterwegs eine Art orale Infusion einzuträufeln. Weil er gleichzeitig darauf hinwies, bei ihm werde am Vorabend der Wanderung wieder einmal gejasst, war niemand erstaunt, dass er in Nebikon fehlte. Vielleicht war ihm bereits auf der Hinfahrt sein Trinksystem in die Quere gekommen.

«Er dürfte in Willisau dazustossen», mutmassten erfahrene Aaronauten, die sich erinnerten, dass Sigi seinen Aare-Wandermotor schon mehrmals nur stotternd in Gang gebracht und sich daher bevorzugt erst beim Picknick dem Tross angeschlossen hatte, was ihm mehrfach stark beachtete Auftritte von geradezu divenhaftem Format beschert hatte. Stefan räumte bewundernd ein, Sigi brauche gar nicht mitzuwandern und trotzdem spreche jedermann über ihn. Wäre er ihm nicht seinerzeit in Döttingen leibhaftig begegnet, dann müsste er im Grunde genommen an dessen Existenz zweifeln.

Am Mühlebach ausserhalb von Willisau
Am Mühlebach ausserhalb von Willisau

Wir näherten uns Willisau. Stefan hatte sich wegen des Phantoms-über-das-alle-reden ins Feuer doziert. Nur knapp hatte er sich in Alberswil davon abhalten lassen, das Spanschachtelmuseum (doch-doch-doch, so etwas gibt es tatsächlich!) zu besuchen und dort mit spitzen Bemerkungen womöglich einen Brand auszulösen. Jetzt marschierte er vorneweg – und übersah glatt zwei reizvolle Ruhebänke am Weg. Wir zogen weiter, es wurde immer heisser, trockener und durstiger. Erste diskrete Appetitbekundungen sowie neuerliche, sanft bohrende Fragen in Zusammenhang mit dem «Konzept» wurden geäussert.

Weitere Bänkli folgten. Entweder waren sie schon besetzt oder sie lagen vis-à-vis einer Schrotthalde oder an der prallen Sonne. Irgendwann wurden wir dann doch fündig. Caroline whatsappte an Sigi, es sei vernünftig, dass er noch nicht gekommen sei, denn die Sitzbank biete nur gerade fünf Personen Platz. In Sigis Antwort war von Vollmond und Schlafmangel die Rede und davon, er möge heute grad überhaupt nicht wandern und werde seinen Frust wohl im Schrebergarten abreagieren müssen.

Kein Kunstwerk, sondern Schutz vor verheerenden Überschwemmungen – die Wigger hat es in der Vergangenheit schon öfters bunt getrieben.
Kein Kunstwerk, sondern Schutz vor verheerenden Überschwemmungen – die Wigger hat es in der Vergangenheit schon öfters bunt getrieben.

Dafür wanderten dann halt wir umso mehr. Erneut begegneten wir dem offenbar zutiefst poetischen Wesen des Luzerner Hinterlands: Wir zogen an einem fürchterlichen Betonsilo vorbei, auf dem die Aufschrift prangte: «altstadt willisau – flanieren, einkaufen, geniessen». Kurz vor dem Stadttor fuhr grad wieder ein Traktor mit einem Pärli drauf vor. Diesmal handelte es sich um eine etwas angejahrte Version (des Pärlis, nicht des Traktors), aber vielleicht feierten auch diese beiden Verlobung. Die Altstadt von Willisau zeigte sich wie so manche Schweizer Kleinstadt mit historischem Kern als riesengrosser, mit malerischen mittelalterlichen Häuserzeilen garnierter Parkplatz.

In der Hauptgasse lockten Strassencafés. Manche Aaronauten empfanden den tiefen Mittagsfrieden wahrscheinlich als nahezu unerträglich und liessen deshalb wohldosierte Provokatiönchen fallen, so von wegen Beizenverzichts-Konzept und so. Hanspeter raunte, er trinke täglich 15 Tassen Kaffee und habe sein Soll heute noch nicht erfüllt. Also setzten wir uns, liessen uns bedienen und zuhanden des Sigi-Phantoms auch gleich fotografieren, was dieses dann aus der Ferne flugs mit theatralischem Unglauben quittierte: «Was, Ihr seid eingekehrt!?!»

Jetzt kann ihm die Gewitterschwüle nichts mehr anhaben: In Hergiswil hat Stefan ein Bier ergattert.
Jetzt kann ihm die Gewitterschwüle nichts mehr anhaben: In Hergiswil hat Stefan ein Bier ergattert.

Kurz bevor wir wieder aufbrachen, fuhr ein goldfarbener Rolls-Royce gleich neben unserem Tisch vor. Mir drängte sich schlagartig die Frage auf, ob die drei Typen, die dem gestelzten Schlitten entstiegen und sich an unseren Nachbartisch setzten, nun wohl ein Viagra-Smoothie bestellen würden, aber mit Rücksicht auf die friedvolle Stimmung, die in unserem Kreis aufgrund des Konzeptbruchs herrschte, behielt ich meinen Spott für mich.

 

Ausgangs von Willisau offenbarte uns ein Blick auf die Karte, dass die Wigger gar nicht so einmalig ist, wie man denken mag. Es ist ja nicht gleich so wie in den USA, wo tausende von Wiggers herumlaufen. Das Slang-Wort bezeichnet dort junge Weisse, die Hiphop und Schlabberklamotten lieben und in ihrem ganzen Lifestyle der schwarzen Jugend nacheifern. Aber im Luzerner Hinterland gibt es immerhin zwei Wigger, nämlich die Buch- und die Änziwigger. Die beiden fliessen in Willisau zusammen, und als wir unsere Tour flussaufwärts fortsetzten, mussten wir uns eigentlich entscheiden, wählten aber diskussionslos die Änziwigger, weil sie dank Uferweg wandertauglich ist, während man ihrem Pendant nur auf der Strasse folgen kann. Merkwürdigerweise faselte Sigi (er blieb offenbar auch im Schrebergarten die ganze Zeit auf Sendung) ständig von der Bätzi-Wigger – das Trinksystem spielte ihm wohl Streiche.

 

Routenbeschreibung: Wanderung Nebikon – Hergiswil b.W.

 

PS: Ein Wort noch zum «Konzept». Die wandernde Menschheit gliedert sich trennscharf in zwei Blöcke. Die einen wandern, um zu speisen: Auf diskreter, aber permanenter Suche nach Gasthäusern (für den Znünikaffee, für das Mittagessen, für das Zvieri, für den Schlusstrunk) pirschen sie durch die Landschaft. Die anderen speisen, um zu wandern: Weil sich eine Wanderung definitionsgemäss draussen abspielt, vertreten sie die Meinung, es sei passend, auch im Freien zu tafeln (nein, nicht in der Gartenbeiz, sondern am Weg, auf einem Stein, im Wald, an der Sonne, im Regen). Mein Herz schlägt eher für, naja…