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Blanke Schadenfreude im Emmental

Emme
Der Winter sei trist und farblos? Ha!

Kaum waren wir in Burgdorf angekommen, merkten wir: Etwas stimmt nicht. Es war Abstimmungswochenende, doch jemand hatte offensichtlich vergessen, sein gegenwärtiges Verhalten auf sein altbekanntes Image abzustimmen. «Mensch Sigi, was ist los mit dir!» riefen wir fassungslos über den Bahnhofvorplatz.

Tatsächlich, er, der so lange und sorgfältig seinen Ruf als Grosser Abwesender und notorischer Zu-spät-beim-Ausgangspunkt-der-Wanderung-Ankommender aufgebaut und in harter Arbeit liebevoll und beharrlich gepflegt hatte, enttäuschte auf einen Schlag sämtliche Erwartungen. Er sass mit Caroline und Cornelia offenbar schon die längste Zeit beim Kiosk an einem Cafétischchen und schlürfte in aufreizend entspannter Weise seinen Cappucino. Hatte er in Burgdorf übernachtet? War er womöglich von Zürich ins Emmental umgezogen? War Zauberei oder schwarze Magie im Spiel? Wir müssen solche Fragen wohl auf ewig im unergründlichen Archiv der Grossen Ungelösten Rätsel Unserer Welt deponieren.

Burgdorf
Burgdorf durchquerten wir im Winter.

Nachdem wir uns von diesem Pünktlichkeitsschreck erholt hatten, zogen wir los. Zum Auftakt pflügten wir an schrecklichster Agglo-Architektur vorbei. In den 1970er-Jahren müssen sich die beiden führenden Grossverteiler in Burgdorf einen erbitterten Kampf um das schweizweit entsetzlichste Einkaufslokal geliefert haben. Die Trümmer kann man noch heute besichtigen. Die Staffage besserte zum Glück rasch. Am Franz-Gertsch-Museum vorüber gelangten wir in die putzige Altstadt. Ein garstiger Winterwind verhalf Mänteln, Handschuhen und Mützen zu ehrenvollen Auftritten. Ana zog sich sogar ihre gefütterte Kapuze über den Kopf und stapfte wie ein Eskimo über das mittelalterliche Kopfsteinpflaster.

Alsbald erreichten wir das Ziel und Thema des heutigen Wandertags – die Emme. Ach Quatsch, das Thema lag woanders, jedenfalls für Stefan. Kaum hatten wir den Auenwald erreicht, holte er sein Taschenorakel hervor und begann es nach den Ergebnissen der Volksabstimmung zu befragen. Die Resultate waren anfänglich natürlich völlig nichtssagend und entsprechend bedeutungslos. Was sagt es denn schon über den Zustand der Welt aus, wenn die Sonne aufgeht, die Steuerrechnung im Briefkasten liegt oder Appenzell Innerrhoden Nein sagt? Ungefähr dies: Alles läuft völlig normal.

Schnee
Die Aaronauten halten nach dem Frühling Ausschau.

Doch Stefan wischte unverdrossen weiter und gelangte allmählich zu Erkenntnissen, die ihn mit Schadenfreude erfüllten. Je weiter wir der Emme flussaufwärts folgten, umso deutlicher fiel die Versenkung der Unternehmenssteuerreform aus. «Es ist hammergeil, zu wandern und gleichzeitig Abstimmungsergebnisse zu studieren», schwärmte er. Jedenfalls wenn sie nach seinem Gusto ausfallen, muss man ergänzen. Sonst setzt es nämlich rasch einmal Heulen und Zähneklappern ab: Als wir im Oktober 2015 in strömendem Regen von Aarau nach Schinznach wanderten, war gerade Wahlsonntag; den Rechtsrutsch im Bundesparlament, der sich auf der Höhe von Wildegg abzuzeichnen begann, fand Stefan extrem unlustig. Umso mehr genoss er daher jetzt die Retourkutsche.

Während die einen also frohlockten und die anderen still die Natur genossen, gelangten wir zu einem Europarekord: Die gedeckte Holzbrücke von Hasle-Rüegsau gilt als grösste Holzbogenbrücke des Kontinents. Wir standen und staunten. Da vernahmen wir Hufgeklapper. Stilgerecht überquerte eine anachronistische Person den anachronistischen Flussübergang: Reiterin auf Holzbrücke – vor meinem geistigen Auge begann das Grosse Alte Bern für einige Sekunden aufzuleben. Doch im nächsten Augenblick wurde ich jäh aus meiner Geschichtsträumerei gerissen: Im Zwielicht tauchte auf der anderen Seite der Brücke schemenhaft eine Gestalt auf, die wie ein Sheriff mit zwei Revolvern aussah. Doch zum Glück knallte es nicht – es war nur Cornelia, die schon mal am anderen Ufer hatte schnuppern wollen.

Brücke
So etwas wie Highnoon zwischen Rüegsau und Hasle

Wir taten es ihr gleich und setzten über, obwohl dieses Unterfangen zumindest für Wanderer ein wenig gewagt ist, denn nur die beiden Uferwege, nicht aber die Brücke selbst liegen im Wanderwegnetz. Wir verliessen somit für einige Dutzend Meter die schützende Macht der gelben Rhomben und durchquerten das Nirwana.

Während die Schadenfreudigen unter uns sich die neusten Resultate aus allen möglichen Kantonen auf der Zunge zergehen liessen, plauderten Sarah und ich über – ach, das war sehr interessant, wie sich das Thema entwickelte. Äusserst subtil brachte sie nämlich das Gespräch auf den Anbau und die Zubereitung von Nahrungsmitteln. In mir begann ein leiser Verdacht zu keimen, der sich alsbald zur Gewissheit verdichtete: Es war davon auszugehen, dass in der näheren Umgebung der eine oder andere Blutzuckerspiegel in bedenkliche Tiefen rutschte.

Schneeschmelze
Die Gletscher auf den Wegen beginnen zu schmelzen.

Mit wachsender Beklemmung begann ich mich nach einem halbwegs geeigneten Picknickplätzchen umzusehen. Ausser öden Uferböschungen und deprimierenden Einfamilienhäusern war nichts zu sehen. Mit heiterer Gelassenheit setzte Sarah mir unterdessen auseinander, es könne im Fall vorkommen, dass sie beim Wandern grantig werde. Zum Beispiel wenn es zu heftig aufwärts gehe oder wenn sie zu lange aufs Essen warten müsse. Ich versuchte wegzuhören und tastete aus den Augenwinkeln heraus fieberhaft die Umgebung ab. Endlich nahte Rettung: Mit scharfem Adlerblick machte ich einen Spielplatz mit aparten Sitzbänken aus. Uff, gerade nochmal gut gegangen… An der Mahlzeitenplanung auf diesen Aare-Trips muss dringend gearbeitet werden!

Als wir nach der Rast wieder losmarschierten, merkten wir, wie die Gegend immer emmentalischer wurde. Wir marschierten durch richtiges Gotthelf-Country. Doch Sigi setzte ein verdächtig kühles Lächeln auf und fragte scheinheilig: «Die Emme entwässert doch den Napf, nicht wahr?» Wir waren uns alle sofort bewusst, dass er etwas im Schild führte, tappten aber vorerst noch im Dunkeln, worum es ging. Mit gespielter Unschuld begann er das Zielgebiet zu umkreisen, schliesslich schlug er zu. Er habe zuhause ein Wanderbuch (aha!). Das nehme er immer hervor und lege es auf den Tisch, wenn Berner zu Besuch seien (soso). Es heisse «Zürcher Hausberge» und umfasse neben dem Säntis und dem Titlis auch den Napf (¿¡***?!).

Handy
Einer entwickelt niedere Gefühle.

Der Napf als Zürihegel? Autsch, das sass. Solche Ideen müssen aus einem Gruselkabinett stammen, das sich auf 50 Shades of Zurich Greyness oder ähnliche Sachen spezialisiert hat. Schmerzlich erinnerte ich mich an die Brückenreiterin von Hasle-Rüegsau, die das Bild des Grossen Alten Bern wachgerufen hatte. Dann stellte ich mir vor, wie die unschuldigen Berner, die bei Sigi zu Gast waren, sich beim Anblick des perversen Wanderbuchs an Luxemburgerli verschlucken.

Als wir etwas später eine Brücke unterquerten, entdeckte Caroline einen höchst gravierenden Wanderweg-Markierungsmangel: Am Beton hing ein halb abgerissener gelber Rhomben-Kleber. Sie begann sich sogleich auszumalen, wie sie nun in ihrer Perplexität einen Notruf absetzen könnte, worauf dann sofort das Wanderweg-Care-Team per Helikopter einflöge und ihr die einzuschlagende Richtung zeigen würde. Mit vereinten Kräften konnten wir sie schliesslich davon überzeugen, dass wir die Route vermutlich auch so nicht verfehlen würden. Es war nämlich recht einfach: An vielen Stellen war der Wanderweg richtiggehend vergletschert. Wir brauchten also nur dem Glatteis zu folgen und kämen dann schon nach Zollbrück.

Bahnhof
Ein anderer erlebt einen Höhenflug.

Das vorgesehene Ziel erreichten wir tatsächlich, doch unterdessen hatte sich ein Hauch von Frühling eingestellt, worauf die Wanderweggletscher zu schmelzen begannen und einer schmatzenden Schlammsauce Platz machten. Der Winter gab trotzdem noch nicht so schnell klein bei. Auf dem Weg nach Ramsei entdeckten wir am gegenüberliegenden Schattenhang wunderschöne Gebilde aus vereistem Schmelzwasser. Eine Tafel informierte uns, dass wir nun überwachtes und kontrolliertes Areal betraten – was auch immer das heissen mochte. Sigi jedenfalls ignorierte den Hinweis und verlor nahezu völlig die Kontrolle, als er auf dem nahen Bahngeleise eine alte Dampflok vorbeituckern sah. Wie ein junges Hündchen rannte er hin und her, um das Wahnsinnsteil aus bestem Winkel ablichten zu können. Wir warteten, bis er dieses Geschäft und andere im nahen Toi-Toi ihre anderen Geschäfte verrichtet hatten. Doch als endlich alle bereit zum Gehen waren, stellte Sigi scheinheilig fest, er habe gedacht, man würde nun etwas essen.

Irgendwann kamen wir wie gesagt doch noch nach Zollbrück, der eine wie immer hungrig, der andere noch immer schadenfreudig, und stoben schliesslich wieder auseinander – nach Genf, Zürich, Luzern etc. Das interkantonale Wanderkonkordat hatte auch dieses Abstimmungswochenende glorreich bestanden.

Flusslandschaft
Im jahreszeitlichen Niemandsland zwischen Winter und Frühling

 

Routenbeschreibung: Wanderung Burgdorf-Zollbrück