
Die Wanderung im Land der Aare vom 17. September 2017 hätte eigentlich den Zweck gehabt, die Frage nach der hydrologischen Hierarchie in der Schweiz abschliessend und endgültig zu klären. Sie hätte endlich in aller Klarheit vor Augen führen sollen, wer die wahre Königin unter Europas Flüssen ist. Hätte, wäre, möchte, würde – ich muss es an dieser Stelle in aller Offenheit eingestehen: Was als Knaller gedacht war, gedieh zum Rohrkrepierer.
Mein Plan bestand darin, von Zurzach dem Nebenflüsschen Rhein zu folgen bis zu dessen Zusammenfluss mit der grossmächtigen Aare und dann dem majestätischen Fusionsprodukt entlang weiter nach Leibstadt zu schreiten. Das klappte anfänglich ganz gut. Sigi jedenfalls hatte messerscharf erfasst, worum es ging. Er berichtete, während der Bahnfahrt ab Zürich hätten bei Kaiserstuhl alle Fahrgäste auf die rechte Seite gewechselt und rausgeguckt, «aber da war nichts, bloss ein Bächlein». Er hatte sich übrigens endgültig entschlossen, eine langweilige Tour zu fahren und weder verspätet noch gar nicht am Ausgangspunkt zu erscheinen, sondern einfach so anzutraben wie alle anderen auch.

Ich genoss die Kleinmacherei, mit der er den Rhein garnierte und glasierte, ziemlich intensiv. Doch das Lachen sollte mir schon bald vergehen. Alles hatte ich sorgfältig durchdacht, im letzten Moment gar die Route umgedreht, damit wir zuerst das Bächlein hinter uns bringen und uns danach den wahren Werten zuwenden könnten. Durch diesen sozusagen dramaturgischen Aufbau (man könnte durchaus auch von einer geschickten didaktischen Planung bzw. einer raffinierten landschaftlichen Orchestrierung sprechen) gedachte ich aufzuzeigen, wo die Imperatorin sitzt.
Sogar das Wetter spielte mit. Der Himmel war zunächst grau, an den Hügeln waberten neblig-trübe Schwaden, doch dann riss es auf. Allein, es wurde schon bald grad ein bisschen heftig schön. Wir durchstreiften eine unerwartet hübsche Auenlandschaft, und als wir später durch das Gebiet Laufen kamen, hätte ich eigentlich zugeben müssen, dass die Stromschnellen, das wilde Wasser, der Wald, die hohen Felsen und all diese wunderbaren Dinge wirklich eine grossartige Landschaft formen. Aber da hätte ich ziemlich viel Kreide verspeisen müssen, und dazu war ich grad nicht aufgelegt. Naja, man arbeitet an sich, und jetzt kann ich es ja zugeben: Psst, der Rhein ist auch nicht allzu schlecht!

So hätten sich also die Aaronauten an diesem Tag durchaus in Rheinkarnauten (© Martin, danke für diesen Kalauer) verwandeln können, doch höhere Mächten wussten dies zu verhindern. Wir kamen ins Auengebiet Chly Rhy, wo vor einigen Jahren mit viel Aufwand renaturiert worden war. Wir bewunderten die schönen Plätzchen, labten uns am Sonnenschein und studierten die Informationstafel, auf der die Errungenschaften des baggerunterstützten Naturschutzes gewürdigt werden.
Dann erreichten wir einen alten Militärbunker, der wie fast alle alten Militärbunker ein Bonsai-Festungsmuseum für Anhänger der Klaustrophobie birgt, das natürlich abgeschlossen war. Aber dieser hier war anders, denn er hatte tatsächlich einen Zweck, obendrein sogar einen sinnvollen: Sein Dach war über eine Treppe erschlossen und von einem heimeligen Holzgeländer umgeben. Die monströse Betonknolle war in einen Aussichtspunkt umfunktioniert worden. Während ich arglos den Ausblick auf den Flickenteppich von bunter Vegetation und Wasserarmen genoss, pirschte sich Sigi heran. Mit gespielter Unschuld erkundigte er sich, ob ich den Prospekt über das Auenschutzgebiet gesehen hätte. Als ich verneinte, bot er mir das Broschürchen höflich an, schob aber während des Aushändigens einen Flyer des Gasthofs Krone darüber und warf mir einen kecken Blick zu.

Da wusste ich, was es geschlagen hatte. Zum Glück lag nur einen Steinwurf weit ein hübscher Picknickplatz. In einem Sechseck bildeten dort fünf grosse Steinquader eine Art Rondell – exakt für jede und jeden von uns stand somit ein Sitzplatz bereit. An der Stelle des sechsten Blocks stand ein mächtiger, robuster Stahlgrill. Als der Prospektverteiler begriff, dass sich die Erfüllung seines Drangs nach Einverleibung abzeichnete, gab er sich versöhnlich, griff in seinen Rucksack und zog daraus mit den Worten «Jetzt kommen wir zum absoluten Höhepunkt jeder Wanderung» ein Schachteli Gerberkäse hervor. Hanspeter regte an, das Retro-Picknick mit Ovo-Sport fortzusetzen. Es würde mich nicht erstaunen, wenn die beiden Nostalgiker nächstes Mal mit rot-blauen Mützen der Schweizerischen Kreditanstalt aufkreuzen.
Der Rhein floss wenige Schritte entfernt still vorbei. Ein Grasteppich zog sich stellenweise bis ans Wasser, andernorts stand Schilf. Das Ufer war flach und anmutig, man hätte fast baden mögen. Mit einem Wort: Wir waren im Paradies. Doch dann kamen die Hunnen. Ein ganzer Trupp von jüngeren und älteren Leuten überrannte das Plätzchen, warf sich in den Kies oder auf weitere Steinblöcke in der Nähe, während die Vorhut sich erkundigte, ob es uns stören würde, wenn sie die Feuerstelle nutzten. Wir verneinten unvorsichtigerweise, und sogleich setzte der Feuermeister der Armada einen ziemlich abnormalen Brand in Gang: Auf ein erstes kleines Holzfeuerchen kippte er umgehend sackweise Kohleeier. Darauf nahm er eine Art batteriebetriebenen Föhn zur Hand und blies damit in die Flammen. Qualm und Aschefetzen wirbelten durch die Luft.

Wir blieben stoisch auf unseren Steinen sitzen. Margreth kriegte einen heftigen Lachanfall ob dieser dreisten Rücksichtslosigkeit. Darauf begann sie zu recherchieren, um was für eine Gruppe es sich denn hier eigentlich handelte. Die Frage brannte uns allen längst auf den Nägeln, denn das Konglomerat war auf eine kuriose Weise sowohl heterogen als auch homogen. So eine Art soziale Nagelfluh. Um gleich beim Gestein zu bleiben: Margreth, die ja nicht unbedingt extrem maulfaul ist, biss auf Granit. Mit ausgeklügelter Fragetechnik versuchte sie den Feuermacher in ein Gespräch zu verwickeln, pickte und grübelte wie ein Specht – und musste schliesslich doch klein beigeben.
Allein, wir knackten das Rätsel am Ende dann trotzdem, dank Hanspeter und Wilma. Als es ans Essen ging, hatten sich die beiden ein bisschen abgesetzt. Das Zusammensein von Herrchen und Hündchen schien bereits den ganzen Vormittag mehrheitlich darin bestanden zu haben, dass sie einander beäugten und sich fragten, was der Andere wohl gerade zwischen den Zähnen hat. Wilma hatte einen der Invasoren zu einem euphorischen Gefühlsausbruch veranlasst: «Wer Tiere liebt, liebt auch Menschen!» Autsch, was für ein Irrtum… Danach händigte er Hanspeter ein Traktätchen aus. Unter dem Titel «Ängste und Sorgen» erklärten darin die Zeugen Jehovas, wie die Welt funktioniert.

Prima, dann brauchten wir uns also für den Rest der Wanderung weder zu fürchten noch zu grämen. Bald erreichten wir Koblenz und kamen tatsächlich sogar am Tempel der anonymen Wandergruppe vorbei. Merkwürdigerweise wurde es just in diesem Augenblick bedrohlich finster. Eine mächtige Wolke schob sich vor die Sonne. Warf da etwa schon die Dampffahne des nahen AKW Leibstadt ihren Schatten? Es war jedoch nur der angekündigte Wetterwechsel, der sich mit Böen und Kühle ankündigte.
Bald schon erreichten wir die Aare und überschritten die Strassenbrücke, die sich exakt über die Mündung spannt, so dass man den grossartigen Schauplatz der Vereinigung eigentlich nicht so recht mitbekommt. Was mir aber auffiel, waren die Edelkastanien auf dem westlichen Ufer des fusionierten Gewässers. Ich wollte gerade die Vermutung äussern, die wärmeliebenden Bäume würden halt dort gedeihen, wo noch immer die lieblichen Fluten der milden Aare wirken und nicht bereits die garstige Lauge des Rheins das Szepter übernommen hat.

Doch mittlerweile hatte bei mir wahrscheinlich bereits der subtile Prozess des Umdenkens eingesetzt. Er sollte sich noch verstärken, als wir dem nun massiv breiteren Fluss folgten. Egal, ob jetzt der Rhein die Aare verschluckt oder umgekehrt die Aare den Rhein absorbiert hat: Das Ergebnis ist langweilig. Schiere Grösse ist halt nicht unbedingt spannend. Margreth schien es geahnt zu haben, jedenfalls trat sie schon in Koblenz die Heimkehr an. Das verbliebene Trüppchen zog das Projekt durch und marschierte dem narkotisierenden Strom entlang bis nach Leibstadt.
Alsbald entspann sich ein subtiler, jedoch nicht offen ausgetragener Disput zwischen Sigi, der mehrmals an Anti-AKW-Demos teilgenommen hatte, und Stefan, den der wuchtige Kühlturm und das massive Containment von Leibstadt an sein bernisches Trauma erinnerten: Würde das grosse, alte Bern mit der Stilllegung von Mühleberg nicht einmal mehr an Grösse und Einfluss verlieren? Schliesslich begann es zu tröpfeln und wenig später recht wacker zu giessen, so dass wir uns mehr auf unsere physische Befindlichkeit konzentrierten und, die Energieszene beiseite lassend, ins Dörfchen Leibstadt marschierten.

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