
Mit der Reuss haben die Aaronauten bereits im sonnigen März Bekanntschaft geschlossen. Nach der ersten Erkundigung stand für uns rasch fest, dass wir mit diesem Aare-Zufluss noch nicht fertig sind. Vielmehr kam die Meinung auf, bald einmal solle ein zweiter Streich folgen. Am 21. Mai 2017 war es soweit. Wir zogen von Mellingen flussaufwärts gen Bremgarten. Und was wir insgeheim kaum zu hoffen gewagt hatten, trat ein: Die Landschaft zeigte sich noch prächtiger und eindrücklicher als in der ersten Runde.
Anwesend waren neben mir vier Frauen, was gendermässig zwar ein bisschen einseitig, aber aus meiner Sicht nicht unangenehm war. Sigi hatte sein Kommen zwar annonciert, hatte es aber wieder einmal nicht geschafft, tatsächlich zu kommen. Caroline vermutete, dass er sich wohl später auf den Weg machen und von unterwegs aus versuchen würde, mit ihr einen Treffpunkt auf halbem Weg zu arrangieren. Allerdings hatte sie ihr Handy zuhause liegengelassen. Daher würden allfällige Kontaktaufnahmeversuche seinerseits vermutlich im Nirwana (bzw. in einem vergeblichen Klingeln auf ihrem Küchentisch) enden.

Die Reuss erschien uns auch diesmal spürbar anders als die Aare: Weniger träge, weniger leise, weniger glatt. Überall rauschte, sprudelte und wirbelte es. Man möchte nicht unbedingt in diese quirligen Fluten geraten. «Reuss kommt doch sicher von Reissen», mutmasste Ruth. Das klang auf Anhieb ziemlich einleuchtend. Ein Blick in den Guugel ergab dann allerdings, dass dem kaum so sein dürfte.
In Deutschland gibt es einen Familiennamen Reuss, der scheint’s auf Russland zurückgeht. Hat Moskau jetzt sogar im Aargau die Finger im Spiel? Gemach! Der heutige Name des Flusses trat erstmals Ende des 13. Jahrhunderts als «Rusa» in Erscheinung. Noch bis ins 19. Jahrhundert wurde aber immer wieder auch «Ursa» geschrieben, wohl nach dem Urserental, d.h. dem Tal der Bären. Vielleicht verhielt es sich also bloss so, dass im Mittelalter ein paar Deppen zwei Buchstaben vertauschten.

Die Unruhe des Wassers hatte einen kuriosen Effekt. Sie liess uns nämlich in einen überdurchschnittlich ruhigen Wandermodus verfallen. Überaus gemütlich war es, auf verschlungenen Auenpfaden durch den Aargau zu bummeln. Auf einem Holzbrücklein schauten wir lange in den Wald und ins Wasser. Als ich nach geraumer Zeit voranging und zurückschaute, bot sich mir ein malerischer Anblick: Meine vier Wandergenossinnen gruppierten sich wunderbar entspannt zu einem richtig harmonischen Tableau.
Es soll ja Leute geben, die imstande sind, sogar aus einer Wanderung eine stressige Angelegenheit zu machen. Die armen Kerle sollten mal bei meinen Begleiterinnen spicken, wie man es richtig macht. In unserem Kreis entfaltete sich nämlich an diesem Tag eine heitere Gelassenheit. Zwischendurch nahm sie sogar reichlich üppige Dimensionen an.

Das zeigte sich bereits im Gnadental. Dort bedauerte ich, dass die Sonne schien, denn bei Regenwetter hätten wir hemmungslos im ehemaligen Kloster hängenbleiben dürfen. Man feierte grad den Museumstag und zeigte im Kreuzgang eine Sonderausstellung über Kulturgüter, die als heikel oder sensibel gelten (was offenbar so viel heisst wie «unsachgemäss gelagert»). Nebenan führte ein Film die unhaltbaren hygienischen, sanitären und feuerpolizeilichen Zustände vor Augen, die vor 45 Jahren im Pflegeheim geherrscht hatten.
Eigentlich wollten wir ja wandern. Beziehungsweise picknicken. Vor dem Kloster standen nämlich ein paar schöne Sitzbänke direkt am Wasser. Vorerst aber schlenderten wir durch das weitläufige Areal. Ein Pfau schlug mit gewaltiger Geste das Rad. Allein, dieser Cäsar (so lautete gemäss Hinweistafel sein Name) schien seine Begleiterin (sie hiess natürlich Kleopatra) überhaupt nicht zu beeindrucken. Fast schien es, als ob sie gelangweilt die Augen rollte und vor sich hinmurmelte: «Ach, jetzt dreht dieser Typ schon wieder sein Ding.» Uns Wanderer hingegen verzückte und beeindruckte seine bunte Federpracht masslos.

Danach bummelten wir durch den angrenzenden Kleintierzoo, wo wir Schildkröten beobachteten, die in erstaunlichem Tempo zu ihrem Futter galoppierten. Wir plauderten weiter, und dabei hüpften wir von einem Thema zum nächsten. So kam die Rede irgendwann auf Fastenkuren und schliesslich auf ein Instrument namens Zungenschaber, mit dem sich angeblich der Mundgeruch eindämmen lässt, der bei solchen gleichsam umgekehrten Fress-Eskapaden scheint’s zwangsläufig entsteht. Auf einmal lag die Frage in der Luft, ob man eigentlich auch aus den Ohren unangenehm riechen könne. Ich räumte ein, genau aus diesem Grund kein Radio mehr zu hören, weil ich fürchte, der Quatsch würde sich in meinen Gehörgängen zu gärendem Kompost zersetzen.
Jetzt war es genug. «Du trödelst!» stellte Caroline fest. Mir wurde klar, dass etwas gehen musste. Also schritten wir flugs – zum Imbiss. Später setzten wir die Tour aber fort, und zwar wie immer relativ seriös: Wir verloren unser Ziel nicht aus den Augen, hielten ein passables Schritttempo ein und verfehlten keinerlei Abzweigung (man müsste allerdings wohl ausnehmend doof sein, um sich auf einem Uferweg zu verlaufen).

Ein paar kleine Päuslein gönnten wir uns zwischendurch dennoch – um dem vielfältigen Vogelgesang im Hegnau zu lauschen, das üppige Grün des Maienwalds einzusaugen und darüber zu spekulieren, ob man nicht allenfalls doch schon baden könnte. Das Wetter war nämlich mild, und die Reuss leuchtete einladend. Allein, die Vernunft machte uns bewusst, dass es gebirgiges Schmelzwasser war, das da so verlockend an uns vorüberzog. Ruth erwog, Evi als Thermometer einzusetzen: «Wenn sie quietscht, dann dürfte es für mich selbst noch zu kalt sein.»
Trotzdem beschloss etwas später auch sie, sich den Fluten anzuvertrauen. Wir stiegen zu diesem Zweck allerdings nicht ins Wasser, sondern suchten einen Fährimaa auf. Der erzählte uns aber keinen Quatsch, sondern setzte uns mit seinem Schifflein von Sulz nach Fischbach über. Somit waren wir letztlich zu Lande und zu Wasser gewandert.

Routenbeschreibung: Wanderung Mellingen–Bremgarten
