
Dieser Leckerbissen war für eine spezielle Gelegenheit vorgesehen, nämlich für einen richtig nassen Regentag. Seit langem schon stand die Limmat weit oben auf der Favoritenliste der Wanderungen entlang von Aare-Zuflüssen. Am 22. Juli 2018 war es endlich soweit. Seit Tagen hatten die Meteorologen Wolkenbrüche, heftige Gewitter und kolossale Schauer angekündigt.
Es kam wieder einmal anders. Noch während wir im Zürcher Hauptbahnhof Ernesto Netos temporäre Kunstinstallation beschauten und beschnupperten (der «Gaia Mother Tree» erwies sich als eine Art transparente Zeltkuppel, deren Gegengewichte mit Dutzenden von Kilogramm exotischer Gewürze gefüllt waren), wies Stefan darauf hin, dass in seinem Rucksack Badehosen bereitlägen. Beim Drahtschmidli-Steg besichtigten wir in bereits leicht bedrohlichem Sonnenschein die Velos, die am Vorabend suffgesteuert versenkt worden waren und nun am Grund des Flussbetts vor sich hin glänzten.

Schon nach einer halben Stunde mussten wir den Schwimmsüchtigen von der Leine lassen: Bis zur Letten-Badi hatte Stefan nämlich so viel Druck aufgesetzt, dass Caroline bereits ebenfalls unüberhörbar über ihr Badekleid räsonnierte. Wir gewährten den beiden 15 Minuten Auslauf ins Wasser und wandten uns dem Badi-Bistro zu. Ha! So früh sind die Aaronauten noch nie zu einer Marschpause gekommen.
Aus der Viertel- wurde dann allerdings eine halbe Stunde. Als die beiden Wassersüchtigen endlich wieder auftauchten, schwadronierten sie, sie hätten sich verlaufen. Äh, wie bitte? Dochdoch, verlaufen. (Es ist anzunehmen, dass es wohl «verschwommen» heissen sollte.)

Die Sonne schien unverwandt weiter, es wurde zunehmend warm, doch gleichwohl verlief die Wanderung jetzt recht beschaulich, da die einschlägigen Badehosen benetzt und die zugehörigen Gehirne gekühlt waren. Auf der Werdinsel ereilte uns das Privileg bedeckten Himmels. Am Horizont zeigte sich zwar weiterhin blau und liess darauf schliessen, dass dort die Sommersonne unverwandt gnadenlos auf die Erde niederbrannte. Wir hingegen hatten für eine Weile Wolkenglück.
Wir streiften durch idyllische Gebiete, doch zwischendurch merkten wir immer wieder, wie nahe die Verderbnisse der Zivilisation doch eigentlich sind. Da gab es beispielsweise beträchtlich viele Eisenbahnbrücken, Lärmschutzwände und überquellende Abfallbehälter. Und auf einmal stach uns ein strenges Gerüchlein in die Nase. Der Auslauf einer Kläranlage mündete direkt in den Fluss, was mir die ohnehin geringe Badelust (zu warm, zu viele Entenflöhe, zu viele Algen, womöglich gar erste Quallen) vollends nahm. Monica wusste allerdings zu berichten, sie habe von einer Führung durch eine Abwasserreinigungsanlage gehört, an deren Ende der Guide mit einem Glas aus dem Auslauf geschöpft und die Flüssigkeit als Trinkwasser gepriesen habe. Prosit!

Da war es eigentlich nur passend, dass uns vom Besuch des Selbstbedienungsrestaurants beim Kloster Fahr abgeraten wurde. Das hatte allerdings nicht primär mit Hygiene zu tun. Er, dessen Name heute an dieser Stelle nicht erwähnt werden soll, hatte sich wieder seine übliche Jass-Ausrede zurechtgelegt und war der Expedition ferngeblieben. Dann aber hatte ihn offenbar das Gewissen gepeinigt, worauf er uns aus der Ferne mit fetten Ausrufezeichen vor dieser «lausigen Beiz» warnte.
Kurz bevor wir den Klosterbezirk erreichten, kam die Sonne wieder hervor. Zügig und entschlossen wurde es heiss. An einem schattigen Plätzchen scharrte ein Grüppchen Seidenhühner entschlossen in der trockenen Erde herum. Ein weisses Prachtsexemplar mit Jimi-Hendrix-Kopfputz fing vernehmlich an zu gackern, als zwei Nordic-Walker vorbeistöckelten. «Das sind doch nur Stockenten», versuchte Monica zu beruhigen. Doch der Verweis auf die nahe Verwandtschaft schien das Federvieh nicht zu überzeugen. Offensichtlich hat man in der Hühnerszene des Klosters Fahr noch nicht mitbekommen, dass der einstige Trendsport heute bloss noch eine ziemlich nostalgische Angelegenheit ist.

Erneut hatte sich die Berner Fraktion der Aaronauten als reisestark erwiesen, war in aller Herrgottsfrühe aufgestanden und hatte die halbe Schweiz durchquert, um zu wandern. Für Katrin hingegen war diese Tour sozusagen ein Heimspiel: Sie lebt in Zürich und ging damit praktisch zuhause wandern. Allerdings erweckte sie nur bedingt den Anschein einer erfahrenen Eingeborenen. Jedenfalls staunte sie nicht minder als die aus dem fernen Westen angereisten Berner über einige ziemliche schräge Dinge am Weg. Da war etwa dieser Graureiher, der über den Rastplatz der nahen Autobahn stakste und irgendein Beutetier ins Visier genommen zu haben schien. Oder der Angler beim Höngger-Wehr, der drei massige Fische wie Indiana Jones am Hüftgürtel festgebunden hatte.
Ein heisser Kandidat für den ersten Rang im Casting «Ärgster Un-Ort des Tages» war die Unterquerung der A1 an der Stelle, wo die Autobahn den Fluss mittels einer monströsen Brücke überquert: Als Wanderer schreitet man hier durch eine finstere Betonhölle und kommt sich vor wie Orpheus auf seinem Abstecher in die Unterwelt. Himmlisch hingegen war die Atmosphäre beim Kloster. Im Kirchhof begegneten wir Aloisia, Hildegard und noch einigen weiteren eher kuriosen Namen. Sie sind Teil der Inschriften auf Gräbern von Nonnen, die hier einst gelebt und gewirkt hatten.

Einen relativ absurden Anblick bot der Mann, der auf der Höhe von Altstetten trockenen Fusses über den Fluss spazierte. Zugegeben, an den Anblick von Stehbrettpaddlern sollte man sich mittlerweile eigentlich gewöhnt haben. Aber der Typ hier sah wirklich ein bisschen so aus, als ob er Jesus in seinem Marsch über den See Genezareth nacheifern wollte. In diesem Zusammenhang sei ein Vergleich zitiert, der mir kürzlich in der Zeitung begegnet ist: (Stand-Up-Paddeln) «ist die Freizeitvariante einer Tendenz, Naturgegebenheiten durch technischen Unsinn auszugleichen.»
Im gleichen Artikel las ich übrigens den interessanten Satz von Martin Walser, dem Schwimmen sei, was den Zusammenklang von Tun und Lassen angehe, nichts vergleichbar. Naja. Als wir uns in der seit Mai fast ununterbrochen sengenden Sommersonne langsam Dietikon näherten, sahen wir, was die endlose Hitze in der Limmat angerichtet hatte: Am Ufer lagen überall zottige Algenberge. Kein Auge für den schauderhaften Anblick hatten einzig Katrin und Stefan. Sie hatten sich offenbar in einem Gesprächsthema gefunden, das sie gleichermassen beschäftigte, nämlich das Psychogramm ihres gemeinsamen Chefs Supino, der den schönen Übernamen Subtilo trägt.

Auf dem Wasser dümpelten ein paar Gummiboote vor sich hin. Im Fluss schwamm aber keine Seele, was uns verdächtig dünkte. Hatten die Schwimmer alle vom Klärwasser gekostet und lagen nun krank darnieder? Es war einfach nicht anmächelig, hier in den Fluss zu steigen. Wenn Walser hingegen vom Wandern statt vom Schwimmen geschrieben hätte, dann hätte man ihm hundertprozentig recht geben können.
