
Hektische Nomaden und eine Steinzeit-Rutschbahn
Die erste Etappe der Aare-Wanderung führte am 17. August 2014 vom Grimselpass nach Guttannen. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer durchquerten eine intensiv genutzte Landschaft, genossen zwischendurch ruhige Momente und probierten die älteste Rutschbahn Europas aus.
Gibt es Leben an der Grimsel? Unser kleiner Trupp von Hobby-Ethnologen hat sich auf die Suche gemacht. Die Antwort fällt zwiespältig aus: Wir haben Lebensformen entdeckt, aber sie sind nicht beständig. Es handelt sich um nomadische Wesen, die jeweils nur während weniger Stunden in der Gegend siedeln, um sich danach wieder in ihre gewohnte Umgebung im Flachland zurückzuziehen.

Die immer wieder vermutete Existenz echter einheimischer Lebewesen konnten wir hingegen nicht belegen. Auf der Bergfahrt waren wir immerhin sehr nahe dran: Aus dem Postauto liessen sich mehrere Gestalten erkennen, die Gras mähten und mit Rechen zusammenschoben. Die Euphoriker unter uns stellten verzückt fest: «Bergbauern!» Andere meldeten Zweifel an: «Sieht aus wie ein Investmentbanker und seine Gespielinnen, die sich der Umgebung ihres Ferienhäuschens widmen.»
Lärm für Auge und Nase
Also konzentrierten wir unsere Feldforschung auf die Nomaden. Ihr Erscheinen wird als Ausflugsverkehr bezeichnet und ist mit Lärm verbunden. Nicht nur für die Ohren, sondern auch für Nase und Augen. Die Passhöhe zeigte sich als riesiger, abgasgetränkter Parkplatz. Zwischen all den Ledergewändern der Freizeitnomaden und ihren beräderten Fetischen nahm sich unser Wandertrüppchen etwas seltsam aus. Doch ein rechter Aaronaut lässt sich nicht beirren. Die Entdeckerlust war geweckt, und wir begannen die Gegend zu durchstreifen.
Der Auftakt zur Expedition ins Land der Aare ist unter bemerkenswerten Wetterverhältnissen erfolgt: Nach zwei tüchtig verregneten Sommermonaten gab es erstmals einen stabil sonnigen Sonntag. Diese Konstellation führte zu einem aussergewöhnlich intensiven Ansturm in die freie Natur und damit auch ins Grimselgebiet.

Die neun Teilnehmerinnen und Teilnehmer der ersten Etappe sahen sich dadurch mit erschwerten Verhältnissen konfrontiert: Wie soll man die Stille der Bergwelt wahrnehmen (geschweige denn geniessen), wenn unaufhörlich Motoren dröhnen? Tatsächlich gab es einige heikle Momente, etwa die Querung der Passstrasse unterhalb der Handegg. Dort mussten sich die Wandernden längere Zeit in Lärm- und Abgaswolken gedulden, bis sich ein paar Motorradfahrer erbarmten und die Gruppe passieren liessen. Sie ist karg bemessen, die kostbare Freizeit der Nomaden, da erträgt es keine unnötigen Störungen des Verkehrsflusses.
Suche nach Leerräumen
Dazwischen gab es aber auch richtig gemütliche Momente. Etwa die Mittagspause am Räterichsbodensee abseits des Strassenverkehrs. Oder die Rast bei der Hälen Platte. Früher fürchteten dort schwerbeladene Säumer um ihr Leben, weil die vom Gletscher glatt geschliffenen Felsen bei nassem Wetter gefährlich rutschig sind. Heute lässt sich dort bestens auf dem Hosenboden heruntergleiten – die Felsplatten kann man durchaus als historische Rutschbahn einstufen.

Im Verlauf der Wanderung schälte sich schon bald die zentrale Frage heraus: Werden wir hier und heute noch so etwas wie leeren Raum finden? Nun ist die Jagd auf Leerräume in der Schweiz von 2014 natürlich Ausdruck von einer Art Phantomschmerz. Leere Räume gibt es auf der Erde nirgends – überall ist etwas (und meist auch jemand). Doch im 20. Jahrhundert entstand eine tröstliche Fiktion. Unberührte, menschenleere Naturlandschaften begann man als Leere wahrzunehmen. Man kann über diese Unbeholfenheit lächeln, aber sie ist als Verkürzung nachvollziehbar: Nicht-bebauter Raum erscheint als «leer».
Auf atemberaubende Weise haarsträubend
In diesem Sinne ist das Grimselgebiet alles andere als leer. In den 1920-er Jahren wurde die Landschaft dort auf eine Weise umgepflügt, die je nach Standpunkt haarsträubend oder atemberaubend ist. Wo einst ungezähmte Bergbäche munter zu Tal sprudelten, wurde das Wasser nun mit gewaltigen Mauern zu riesigen Seen aufgestaut. Unter der Erdoberfläche bohrte man kilometerlange Stollen und brach Gewölbe aus, die es volumenmässig locker mit einer Kathedrale aufnehmen können. Heute versorgen die Kraftwerke an der Grimsel rund eine Million Haushalte mit elektrischer Energie. Die Gesamtleistung der Turbinen ist etwa gleich gross wie die eines Kernkraftwerks.

Um wirklich zur Quelle der Aare vorzustossen, hätten wir unsere Wanderung eigentlich am unteren Ende von Oberaar- und Unteraargletscher beginnen müssen. Die beiden Gletschertore sind jedoch aufgrund des Eisschwunds nicht ohne Probleme zu erreichen. Ohnehin stellte sich die Frage, ob solcher Purismus in einer Landschaft, die von Menschenhand dermassen heftig umgeformt worden ist, überhaupt angezeigt wäre.
Der Fjord und sein Rest
Wo beginnt sie denn eigentlich, die Aare? Wir entschieden uns für eine pragmatische Sichtweise: Oben auf der kontinentalen Wasserscheide muss ihr Anfang liegen. Dort entspringen Rinnsale, die sich rasch zu kräftigen Bergbächen bündeln, aus denen wiederum zügig ein mächtiger See entsteht: Der fjordähnliche Grimselsee ist eine von Menschen gebaute Verdickung der Aare. Obwohl er nicht natürlichen Ursprungs ist, wirkt er anziehend und schön. Die Landschaft hat dank ihm zweifellos an Charakter gewonnen.
Am Fuss der Spittallamm-Staumauer entdeckten wir dann erstmals die Aare in ihrem natürlichen Lauf. Allerdings nimmt sich das Gewässer dort angesichts seines stattlichen Flussbetts etwas kümmerlich aus. Kein Wunder: Der grösste Teil des Wassers aus dem Grimselsee wird in Druckrohren zur Handegg geleitet und treibt dort die Turbinen für die Stromproduktion an. Der Rest, das heisst das Restwasser, also die eigentliche Aare, ist ein Zugeständnis an die Natur. Und vielleicht auch an die Ästhetik von Leuten, die hier vorbeiwandern.