
Im Sturmschritt durch Thun
Die Aare-Wanderung geht auch im neuen Jahr weiter. Am 4. Januar 2015 setzten die Aaronauten zur sechsten Etappe an. Aus meteorologischen Gründen liessen sie das ursprünglich gesetzte Etappenziel Thun schnöde beiseite und verlängerten bis Uttigen.
Zu früh gefreut – aus der erhofften ersten Winterwanderung der Saison ist vorerst nichts geworden. Die Himmelsschleusen standen die ganze Nacht offen und putzten die weisse Pracht, die uns auch im Flachland noch am Vorabend erfreute, gnadenlos und effizient weg. Selbst am frühen Morgen trommelten die Tropfen hernieder. Also kriegten die Schuhe noch rasch eine Extraportion Fett, während Pelerine, Schirm und Regenhose schon bereitlagen.

Zu früh gepackt – den ganzen Plunder hätte man sich schenken können. Als wir bei der Beatenbucht loszogen, zeigten sich bereits erste blaue Lücken in der Wolkendecke. Auf dem Pilgerweg ging es aufwärts, vorbei an einem stillgelegten Militärbunker, den man gemäss Infotafel auf Voranmeldung besichtigen kann, falls man Bedarf nach «Erinnerung an schwere Zeiten» hat. Ohne gross davon Notiz zu nehmen, liessen wir gleichsam das Gebirge hinter uns: Dies dürfte für längere Zeit einer der letzten nennenswerten Aufstiege auf unserem Weg entlang der Aare gewesen sein. Zwei Jogger, ein kläffender Hund und dessen überforderte Besitzerin kreuzten unseren Weg. Und da: Auf dem See setzte das Dampfschiff Blümlisalp einen unerwartet sommerlichen Akzent.
Aus dem Häuschen
Sollte der Dauerherbst, der uns seit dem Start auf dem Grimselpass begleitet hat, etwa auch heute andauern? Aber vielleicht verhielt es sich ja ganz anders, und wir erlebten womöglich gerade den ersten Frühlingstag des Jahres. Bei Stampach begegneten wir nämlich sozusagen einem alten Bekannten. Über den Kiesweg wälzte sich ein Schnegel. Das Kriechtier ist bedeutend rarer als die gewöhnliche Rossschnecke, der es von der Gestalt (nicht aber vom Farbdesign) her gleicht. Nachdem eines davon schon bei Innertkirchen unseren Weg gekreuzt hatte, stellte das Wiedersehen am Thunersee gewissermassen eine statistische Überraschung dar.

Noch bemerkenswerter fanden wir allerdings, dass solches Getier Anfang Januar, also eigentlich mitten im Winter, durch die Gegend schleimte. Selbst die Schnecken waren ob der Witterung offenbar aus dem Häuschen. Zusehends riss die Wolkendecke auf, und irgendwann war der Himmel einfach nur noch blau. Wir picknickten mit Sicht auf Niesen und Stockhorn. Den heissen Tee fanden wir angesichts der milden Sonnenwärme ziemlich doof.

Exotischer Gesprächsstoff
Immer wieder staune ich, worüber beim Wandern diskutiert wird. Manche Themen mögen ja zuweilen in der Luft liegen, andere hingegen sind so unglaublich exotisch, dass man eigentlich annehmen müsste, man könnte sie nur unter grösstem Konstruktionsaufwand in ein einigermassen vernünftiges Gespräch einbauen. Aber weit gefehlt – die Beine schreiten beim Wandern frei aus, und ebenso ungezwungen plätschern die Dialoge. Diesmal wurden unter anderem folgende Themen angesprochen: Isländische Besteckschubladen, Korruption in der Schweiz, Weinbau in Burma und weitere Exotika.
Wahrscheinlich wissen das die Zürcher nicht (und es ist vermutlich auch etlichen Berner nicht bekannt), aber es ist tatsächlich so, dass auch der Kanton Bern so eine Art Goldküste hat. Die Gegend um Oberhofen und Hilterfingen gilt jedenfalls als privilegierte Wohnlage. Der Weg führte uns durch habliche Wohnquartiere mit ziemlich üppigen Villen, aber auch einigen schönen alten Holzhäusern. Leider ist es zwischendurch nicht besonders witzig, die Gegend zu durchwandern, jedenfalls wenn man eine Route so nahe wie möglich am Wasser wählt (schliesslich heisst das Ding ja Aare-Wanderung). Der sog. Uferweg verläuft auf längeren Strecken über Trottoirs und entlang der Hauptstrasse.

Endlich gelangten wir an den See, aber da war dieser schon fast fertig: Voraus lag Schloss Schadau, bei dem sich die Aare-Verdickung, vulgo Thunersee, entschlossen verengt. Wenn man den See leerpumpen würde (sein Volumen beträgt schlappe sechs Kubikkilometer), dann würde es satte zwei Jahre dauern, bis hier wieder Wasser abfliessen würde. Heute aber floss es, und vor allem flossen die Sonnenstrahlen vom Himmel auf Thun herab, weshalb die Thuner förmlich aus ihren Behausungen an den Brahmsquai schossen. «Tout Thoune» war unterwegs – kaum zu glauben, dass dies bloss die drittgrösste Stadt des Kantons Bern sein soll. Nach unserer Einschätzung kreuzten bzw. blockierten Hunderttausende unsere Route.
Flanieren oder wandern?
Unser zügiges Marschtempo, gereift in mittlerweile bereits zwei Dutzend Aare-Wanderstunden, wurde dadurch vier Gänge tiefer auf Shoppingmeilen-Flaniermodus hinuntergedrückt, was uns Aaronauten mit einer diffusen Unzufriedenheit erfüllte. Zusammen mit der Freude über den unerwartet reichhaltigen und milden Sonnenschein führte dies zum jähen Entschluss, die Wanderung nicht wie vorgesehen in Thun zu beenden, sondern noch um ein ordentliches Stück zu verlängern.

So zogen wir also gleich bis Uttigen durch. Stadtauswärts erlebten wir im Schwäbis einen geradezu schmerzhaften Kontrast: Dem zierlichen Holzpavillon des Flussbads steht auf der anderen Flussseite die neue Selve-Parkanlage gegenüber. Der Boden musste dort mit viel Aufwand von allerlei Sauereien befreit werden, die im Laufe der Jahrzehnte von den Metallwerken angerichtet worden waren. Kaum waren die Altlasten endlich beseitigt, wurde das Gelände flugs mit anspruchsfreier Landschaftsgestaltung kontaminiert: Öde Rasenflächen, niedriges Gesträuch und ein paar Betonriegel zeugen davon, zu welchen Greueltaten demotivierte Architekten fähig sind.
Die Aare ist auf den ersten 8 km unterhalb des Thunersees anfänglich noch als halbwegs urbanes Gewässer wahrnehmbar, doch schon bald fliesst sie abseits jeder Siedlung in aller Stille durch ein mit Steinblöcken befestigtes Bett. Sie zeigte sich an diesem Tag als träges, farblos-dunkles Wässerchen. Ganz anders trat demgegenüber die Zulg in Erscheinung, die «Im Kaliforni» (der Flurname lautet tatsächlich so) in die Aare mündet: Mit ihren schäumenden, braunen Fluten legte sie ein deutliches Zeugnis von den Niederschlägen der letzten Nacht ab.
Der energische Ingenieur
Auf einer Art überdimensioniertem Grabstein wird in pathetischen Worten an die Gewässerkorrektion erinnert, die hier zwischen 1871 und 1892 vollzogen wurde. Eine «gemeinnützige Vereinigung der Uferanstösser» und die «Schweizerische Centralbahngesellschaft» rühmen sich, es sei ihnen «mit Hülfe des Kantons Bern und der Schweiz. Eidgenossenschaft» endlich gelungen, unter der «energischen Leitung und Aufsicht» des Bezirksingenieurs J. Zürcher «den verwilderten Flüssen einen geregelten Lauf und den Ufern Schutz und Sicherheit zu geben». Auf geregelten Wegen erreichten wir die Station Uttigen.
