
Merkwürdige Ziele wurden uns auf dem Wegweiser beim Bahnhof Wildegg dargeboten: Kantonsmitte 25 min, Jodquelle 10 min. Wir misstrauten und hielten uns an die Route Richtung Lenzburg. Wie immer hatte ich die Strecke vorgängig anhand der Landeskarte festgelegt, daher wusste ich, dass wir an diesem 21. Februar mit einem nicht gerade aparten Abschnitt beginnen würden. Der gewaltige Kiesgrubenschlund, an dem wir vorsichtig vorbeischlichen (das Loch war so unglaublich tief, dass man unwillkürlich fürchtete, durch unbedachtes Stampfen den Rand zum Einsturz zu bringen), war durch seine Dimensionen ja noch interessant, aber was nachher folgte, dezimierte unseren Wanderenthusiasmus dann doch erheblich. Wir durchpflügten unansehnliche Agglogefilde mit bunt durcheinandergewürfelten Baustilen und einem furchterregenden Sammelsurium an Vorgärten. Auch der Himmel war irgendwie agglomässig: dumpf, grau, nichtssagend.
Vom Aabach hingegen sah man nicht den kleinsten Zipfel. Ich hatte ein bisschen ein schlechtes Gewissen, die Tour schon in Wildegg gestartet zu haben. Was würde Katharina, die zum ersten Mal dabei war, zu einem solchen Einstieg sagen? Mit heiterem Blick begutachtete sie eine trostlose Gartenmauer aus betonierten Fertigelementen und konstatierte zufrieden: «Gebautes Unglück!»

Schon bald wurde es aber hübsch und interessant. Vor Lenzburg kamen wir an den Aabach (oder er zu uns – wir marschierten ja eigentlich immer geradeaus). Alte Fabrikgebäude standen direkt am Wasser oder spannten sich sogar quer darüber hinweg. Reichlich Beton gab’s dort, wo der Bach frecherweise das Zentrum durchquert. Man mag sich gar nicht vorstellen, wie das Areal nach einem Hochwasser aussieht.
Ausgangs Lenzburg kamen der Frühling und die Farben: Unten wurde es zügig grün, oben am Himmel langsam blau. Der Bach zog kräftig und quirlig an uns vorbei, denn er hat ganz schön viel Gefälle, aber davon merkt man eigentlich nichts: Auch wenn man in der Gegenrichtung unterwegs ist, geht es kaum aufwärts. Wir kamen also gut voran.

Unser schöner Planet ist ja zweifellos nicht arm an Merkwürdigkeiten und Widersprüchen. Als eines der grössten Wunder betrachte ich nach wie vor wandernde Teenager. Erfreulicherweise verkehrte dieses erstaunliche Phänomen schon mehrmals im Kreis der Aaronauten: Caroline hatte ihre Aline wiederholt kunstreich überredet, ebenso hatte es Stefan fertiggebracht, seinen Finn mit der Aussicht auf Badevergnügungen zu locken.
Davon konnte heute keine Rede sein, denn die Temperatur des Hallwilersees lag trotz Sonnenschein wohl knapp unter- oder oberhalb des Gefrierpunkts. Dennoch war der junge Mann dabei, und zwar mit vollem Elan: Es dauerte stets nur wenige Augenblicke, bis er davonzog und uns allen zeigte, was in seinen kräftigen Beinen steckt. Bei der nächsten Abzweigung wartete er jeweils instinktsicher auf die daherpalavernde Fraktion der Drei-bis-viermal-so-Alten, um sich danach sogleich wieder an die Spitze zu setzen und dort offenkundig seinen eigenen Gedanken nachzuhängen.

Am Dorfrand von Seon freilich wusste Stefan auf einmal: «Wenn er so dasitzt, dann dürfte er bald einmal Hunger haben!» Jetzt war der Schuss draussen. Das unvorsichtig in die Runde geworfene Stichwort setzte sich wie ein Virus explosionsartig in allerlei Köpfen fest. Augenblicklich hatte ich keine Ruhe mehr. Man unterzog mich einem diskreten, aber anhaltenden Bombardement von Fragen nach zu erwartenden Sitzbänken, etwaigen Feuerstellen und hoffentlich reizvollen Picknickgelegenheiten. So muss es wohl sein, wenn man von skandinavischen Killermücken gelöchert und gepiesakt wird.
Höflich lud ich zum Durchatmen ein und erinnerte daran, dass ich a) hier nicht den Wanderleiter-Papi spiele, b) die Route nicht vorgängig rekognosziert habe und daher c) ebenso wenig über bevorstehende geeignete Rastplätze Bescheid wisse wie alle anderen auch. Meine Gelassenheit war natürlich nur gespielt, denn aus den Augenwinkeln glaubte ich feststellen zu können, dass zum Beispiel Urs sich mehr und mehr dahinzuschleppen begann.

Endlich kamen wir aus dem Wald, die Wolken begannen sich zu verziehen, doch es ging über Asphalt weiter, an verschachtelten Gewerbebauten vorbei und dann gleich wieder in ein Gehölz. Ein Blick auf die Landeskarte liess mich ahnen bzw. hoffen, dass am Waldrand Rettung in der Luft lag. Und tatsächlich: Kaum hatten wir die Bäume hinter uns gelassen, trat ein recht passabler Rastplatz mit Tisch und Bänken in Erscheinung.
Statt erleichtertes Einschiessen von Magensäften vernahm ich allerdings Getuschel, das mich verdächtigte, schon lange von diesem Paradies Kenntnis gehabt, mein Geheimnis aus einer gewissen sadistischen Regung aber für mich behalten zu haben. Unverzüglich ging man zu handfestem Stoffwechsel über, und sogleich beruhigten sich die Gemüter. Wie blau doch der Himmel war, wie unglaublich grün die Wiesen im Licht dieser sommerlich kräftigen Februarsonne!

Etwas später las Hans-Peter die Haltbarkeitsdaten der Getreideriegel vor, die er seit langer Zeit (um genau zu sein: seit sehr langer Zeit) unberührt als Notfutter in seinem Rucksack durch die Welt trägt. Caroline lachte sich fast kaputt über diese nüchterne Zahlenreihe, die an längst vergangene Zeiten erinnerte.
Als sie darauf ein Schabzigersandwich aus dem Rucksack zog, hob ein Geraune bezüglich merkwürdigen Geruchs an. Sogleich begann sich Urs diskret umzusehen, stellte aber mit gelöster Miene rasch fest, dass der Wind günstig wehte, jedenfalls für ihn. Stirnrunzelnd vertraute er uns an, wenn es nach ihm ginge, dann wäre «so etwas» im Umkreis von fünf Meilen von seinem Wohnsitz verboten. Aber weil eine bestimmte Person in seinem näheren Umfeld in diesem Punkt eine geringfügig abweichende Haltung einnehme, ruhe bei ihnen zuhause dennoch ein Zigerstöckli, und zwar an einigermassen zentraler Lage (d.h. mitten im Kühlschrank). Allerdings lagere es in einem Sicherheitsbehälter, wie sie in ähnlicher Form, jedoch grösserem Massstab auch für die Castor-Transporte der deutschen Atomindustrie zum Einsatz kommen.

Nach der Rast bummelten wir bachaufwärts weiter dem Lenz entgegen. Ein schöner Abschnitt war gemäss Infotafeln unlängst revitalisiert worden. Im Sommer wird das Areal anscheinend als Freibad genutzt. Am Rand steht sogar ein Umkleidegebäude. Im Winter wird dieses von der Dorfjugend offensichtlich zum Sprayen und wahrscheinlich noch zu allerlei anderen Zwecken genutzt. Im Wasser tummeln sich (weiterhin gemäss Infotafel) Barben. Urs und Werner wussten unglaubliche Geschichten über sie zu berichten. Die Fische vollführen beispielsweise Luftsprünge, um sich von Blutegeln zu befreien. Oder sie verkeilen sich mit ihren kräftigen Flossen in den Steinen am Gewässerboden, um sich gegen den Angelhaken zu wehren.
Später kamen wir an den weitherum gut einsehbaren Richtplatz von Seengen. Zwischen vier Linden stand ein Felsblock mit mehreren Wappen, darunter wieder einmal der Berner Bär. Im Jura hätte man mit derartigen Zeugnissen der einstigen Besatzungsmacht wohl schon längst kurzen Prozess gemacht. Aber ach, die Aargauer – selbst nach 200 Jahren sind sie offenbar zu faul, solche Spuren zu tilgen. Mit leichtem Gruseln malten wir uns all die Knochen aus, die von den Bernern an dieser Stätte im Boden verscharrt worden waren und wohl noch immer dort ruhen dürften.

Der dichtbesetzte Parkplatz beim Schloss Hallwil hatte bereits darauf hingedeutet: Die Benutzerzahlen auf dem Uferweg schnellten jetzt dramatisch in die Höhe. Es war sonnig, es war Sonntagnachmittag, der nahe See glänzte verlockend. Hotspot der Ausflüglerszene war das Frauenbad, in das sich übrigens auch Dutzende von Männern verfügt hatten, um den Frühlingstag an warmen Holzwänden und geschützt vor dem kräftigen Westwind zu geniessen. Die Aaronauten flüchteten vor dem sich abzeichnenden Spaziergängerstau, indem sie durch einen Rebberg ein paar Dutzend Meter in die Höhe stiegen. Auf einer Hangterrasse mit grandioser Aussicht liessen sie die Wanderung ausklingen.
Routenbeschreibung: Wanderung Wildegg – Seengen