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Völkerwanderung zum Milibach

Die Geröllwüste bei Sitschenen bietet eine grossartige Aussicht.
Die Geröllwüste bei Sitschenen bietet eine grossartige Aussicht.

Schon seit Tagen hatte sich einer der letzten wirklich schönen Herbsttage abzuzeichnen begonnen. Die Stadtflucht würde an diesem 15. Oktober somit ein dramatisches Maximum erreichen, mit verstopften Strassen, überfüllten Zügen und langem Warten an den Bergbahn-Talstationen. Aber sollten die Aaronauten dem Druck gleich voreilig nachgeben und trotz des herbstlichen Golds, das derzeit auf Alpweiden und in Bergwäldern schimmerte, einfach schon ins Mittelland ausweichen?

Dem Dichtestress in den Bergen entkamen wir auf andere Art. Als Studienobjekt für unsere Nachforschungen im Land der Aare wählten wir diesmal den Milibach bei Brienz aus. So hatte ich es jedenfalls angekündigt, aber möglicherweise war die Botschaft nicht restlos angekommen. «Was machen wir hier eigentlich?» fragte jedenfalls eine der Aaronautinnen behutsam-zaghaft und dennoch leicht kritisch hoch oben in der Geröllwüste westlich von Sitschenen.

Aufstieg entlang von Betonmauern am Trachtbach
Aufstieg entlang von Betonmauern am Trachtbach

Sie habe gedacht, wir unternähmen eine Wanderung zu einem Seitengewässer der Aare, aber von der Aare sei ja weit und breit nichts zu sehen. «Und was ist denn das da?» fragte ich zurück und deutete auf das grünblaue Schimmern in der Tiefe. «Naja, das ist doch der Brienzersee, aber sicher nicht die Aare.»

Vielleicht stimmt das ja. Wenn im Osten Aare reinfliesst und im Westen Aare rauskommt, heisst das noch lange nicht, dass sich zwischendrin ebenfalls Aare befindet. Ich verzichtete auf grosse Diskussionen, denn mir war bewusst, dass wir das ursprüngliche Konzept eigentlich schon längst mehrfach arg strapaziert hatten. Anfänglich hatten wir uns ab und zu durch schroffe Wildnis gekämpft, um nur ja nicht den Draht zum Wasserlauf zu verlieren. Mittlerweile handhaben wir die Sache, nun ja: relativ locker.

Rotgoldener Herbstwald nahe Planalp
Rotgoldener Herbstwald nahe Planalp

Am Bahnhof Brienz liessen wir das Getümmel gleich hinter uns, machten einen weiten Bogen um die Warteschlagen bei der Rothornbahn und begaben uns direkt auf den Wanderweg, der dem Trachtbach entlang in die Höhe führt. Auf unserer Route begegneten wir den ganzen Tag nur wenigen anderen Wanderern.

Trotzdem feierten wir so eine Art Völkerwanderung. Ich hatte einige meiner Deutschschüler aus dem Asylzentrum Ringgenberg auf die Wandergelegenheit aufmerksam gemacht. Sie liessen sich das nicht zweimal sagen. So stieg ein multinationales Grüppchen zur Planalp auf. Die vier jungen Männer aus Afghanistan gliederten sich tempomässig sehr diskret in die mehrheitlich weibliche Schweizer Fraktion ein, aber wenn man genau hinschaute, merkte man, dass sie einfach recht rücksichtsvoll waren und ebenso gut einen ziemlich heftigen Zacken zulegen könnten.

Landschaftlicher Höhepunkt: Aussichtsreiche Planalp
Landschaftlicher Höhepunkt: Aussichtsreiche Planalp

Sami jedenfalls vermochte seine Beine nur mit Mühe zu zähmen und rannte zwischendurch immer wieder mal den Berg hoch und wieder runter. Es war dann eigentlich die passende Pointe, als er beim Zwischenhalt im Berghaus Planalp fragte, wie lange es noch bis zum Gipfel dauere. Meine Antwort, wir würden jetzt wieder talwärts marschieren, fiel sichtlich nicht ganz so aus, wie er sich erhofft hatte.

Bevor wir in Brienz loszogen, fragte ich, ob jemand Angst vor Hanspeters Hund habe. Vielleicht kam ihm das allgemeine afghanische Kopfschütteln irgendwie ein bisschen verdächtig vor, jedenfalls erkundigte er sich vorsichtig, ob am Hindukusch allenfalls auch Hunde verspeist würden. Nein, das mache man nur im Nachbarland China, erwiderte Ali. «Aber dort essen sie dafür alles: Affen, Hunde, Schlangen.»

Kleine Regelbrüche bringen Aaronauten stets in Schwung
Kleine Regelbrüche bringen Aaronauten stets in Schwung

Die beruhigenden Worte versetzten Hanspeter in eine erstaunliche Euphorie. Er begann aufzuzählen, was er selber schon alles für Viecher gegessen hatte. Als er bei den Krokodilen ankam, fragte Ali ihn, ob er denn eigentlich Chinese sei. Autsch…

Es war wie so oft auf diesen Wanderungen im Land der Aare auch diesmal sehr anregend und oft lustig. Daneben gab es in den Begegnungen und Gesprächen mit den Leuten aus dem Asylzentrum aber auch Momente, die den Schweizer Zweig der Wandermannschaft nachdenklich stimmten, ja betroffen machten. Mohammad etwa erzählte ebenfalls von einer Wanderung (Migranten sind ja im wörtlichen Sinn eigentlich nichts anderes als Wanderer), aber sie war alles andere als angenehm. 18 Stunden am Stück war er zu Fuss unterwegs, als er die Berge im Grenzgebiet zwischen Iran und der Türkei überquerte.

Da haben sie den Milibach schon überquert, ohne es zu merken: Auf dem Weg zum Mettli
Da haben sie den Milibach schon überquert, ohne es zu merken: Auf dem Weg zum Mettli

Was die Aare-Zuflüsse betrifft, nehmen die Aaronauten es wie bereits erwähnt mittlerweile nicht mehr allzu ernst. Bei etwas grosszügigerer Interpretation umfasst ein Seitengewässer ja nicht nur den eigentlichen Bach, sondern auch die Landschaft, die er im Laufe der Zeit geformt hat. Am Südhang des Brienzer Rothorns lässt sich sehr anschaulich erkennen, zu welchen Terrainveränderungen Erosion führen kann. Anfänglich stiegen wir massiven Betonmauern entlang aufwärts, mit denen die Naturgewalt von ungehemmt in die Tiefe stürzenden Wildbächen kanalisiert werden soll.

Gleich dutzendweise entwässern diese Wasserläufe die bröcklige Flanke des Gebirgszugs. Einer von ihnen ist der Milibach. Mit einem markanten Wasserfall tritt er weitherum besonders deutlich in Erscheinung. Heute aber krümelte er sich nur als dünnes Rinnsal über die Fluh. Von weitem vermochten wir das Wasserfällchen kaum auszumachen. Wir stiegen dem östlich gelegenen, parallel verlaufenden Trachtbach entlang aufwärts. Wegen der rasch zunehmenden Hitze an diesem sommerlichen Oktobertag verliessen wir bei der Wellenbergbrücke den regulären Wanderweg und schlugen uns auf schattigen, halb zugewachsenen Schleichwegen durch den hinteren Ritzgraben nach Sitschenen hoch. Auf diese Weise näherten wir uns dem Milibach in einem weiten Bogen.

Auch talwärts gab es reizvolle Ausblicke.
Auch talwärts gab es reizvolle Ausblicke.

Auf der Planalp lag wieder mal ein kleiner Regelbruch in der Luft, zu dem wir sogleich beherzt griffen, indem wir ins Berghaus einkehrten – nicht allein wegen des Dursts, sondern auch um abwesende Aaronauten zu einem späteren Zeitpunkt allenfalls durch eine zweckmässige Berichterstattung ein bisschen kujonieren zu können.

Die Beizentour hatte den Nachteil, dass danach niemand mehr gross vom Milibach Notiz nahm, dem wir nun erstmals richtig nahekamen, indem wir ihn auf einem Brücklein überquerten. Die Wanderung erreichte nun allerdings just auch gerade ihren Höhepunkt: Wir streiften über Wiesen gegen das Mettli und genossen die kolossale Aussicht ins Haslital, zum Brienzersee und über die Faulhornkette hinweg zur weiss gekrönten Spitze des Eigers.

Die Herren links und rechts sind echt, der Rest ist Karton, der für Folklorekonzerte wirbt.
Die Herren links und rechts sind echt, der Rest ist Karton, der für Folklorekonzerte wirbt.

Danach ging’s talwärts. Rot und golden schimmerte das Laub der herbstelnden Bäume, der See leuchtete blaugrün, und zwischendurch musste man aufpassen, dass man vor lauter Schwelgen nicht aus dem Tritt kam und über den Rand des schmalen Wegleins geriet. Indessen schafften es alle heil und zufrieden. Unterwegs lernten die einen, was Wasserfall auf Deutsch heisst, während die anderen sich mit der Übersetzung auf Farsi [āb-šār] abmühten.

Wir überquerten nochmals den Milibach. Diesmal schenkten wir dem Wasserlauf zwangsläufig mehr Aufmerksamkeit. Vor einigen Jahren hat er nämlich nach einem heftigen Gewitter den halben Wanderweg mitgerissen. Das Trassee wurde zwar erfolgreich repariert, doch wo einst eine stabile Pflästerung Halt gab, torkelten wir nun auf heimtückischem Kies abwärts.