
Eine Woche vor Ostern nahm ein Hase in Kiesen gerade Anlauf. Auf der anderen Seite der Bahnlinie hoppelte er dem Waldrand entlang und verdeutlichte damit, dass diese Gegend ziemlich ländlich ist. Die ehemalige Süssmostfabrik beim Bahnhof heisst jetzt zwar hochtrabend «Business Center Kiesen», doch es lag ein diskreter Mistgeruch in der Luft. Beim Restaurant Bahnhof waberte die Luft in morgendlicher Idylle. Neben der Sonnenterrasse plätscherte ein Brunnen vor sich hin, davor machten etliche Autos das, was sie auch auf dem Land am besten und am meisten tun: herumstehen.
Wir bummelten an diesem 20. März los und kamen am «China-Höck» vorbei, einer Kombination aus chinesischem Restaurant und Schweizer Bäckerei. Die affichierten Öffnungszeiten waren eindrücklich: Täglich von 10 bis 23 Uhr. Noch einige Gehminuten später stockte uns der Atem vollends: Auf der gegenüberliegenden Strassenseite warb an einem Schaufenster der Schriftzug «Dirndl4you» für einen vermutlich recht rustikalen Onlineshop. Danach kamen wir endlich ans Wasser.

Die Chise fliesst in einem reichlich stark verbauten, von Hecken umgrenzten Bett. Bei einer Sägerei konnten wir das Flüsschen immerhin näher in Augenschein nehmen. Aberhunderte von Holzbrettern standen in hohen Stapeln auf dem Areal. Das Wasser treibt heute zwar keine Mühlräder mehr an, aber sonst sieht es dort wahrscheinlich nicht viel anders aus als vor 200 Jahren.
Wandern ist ja eigentlich fast immer entspannend, am Wasser sowieso. Diesmal aber hatten wir es noch gemütlicher als sonst. Das war wohl teils dem wunderbaren Frühlingstag geschuldet. Erst recht entschleunigend wirkte aber ein anderer Umstand. Rémy nahm seine drei Kinder auf den Weg mit. Das brachte Themen und Tempi auf den Plan, denen wir auf den Wanderungen im Land der Aare bisher nicht begegnet waren. Da waren etwa diese in verschiedenen Farben mitgeführten Plüsch-Osterhasen, die ein Ei gebären und sich danach darin verstecken konnten.

Die Jungmannschaft erwies sich als ausgesprochen wandertauglich. Jonel (8 Jahre) legte durchwegs einen robusten Schritt vor und hätte wahrscheinlich von Steffisburg aus noch fünf Stunden weiterwandern können. Louan (18 Monate) legte die ganze Strecke im Tragrucksack zurück und fiel deshalb ohnehin nicht ins Gewicht, ausser natürlich für seinen Träger.
Am schwersten hatte es die alters- und kräftemässig dazwischenliegende Mia. In der ersten Hälfte der Route hielt sie wacker mit; danach drang sie sogar an die Spitze vor, indem sie in eine Pferderolle schlüpfte und vorausgaloppierte, aber das war irgendwie bereits ein bisschen verdächtig, und tatsächlich setzte schon bald schlagartig die letzte Phase ein, in der sie sich ebenfalls einen Sherpa organisierte. Kräftige Rücken hatten wir glücklicherweise in ausreichender Anzahl dabei. Insbesondere Patrick liess sich die Gelegenheit nicht entgehen, seine Schultermuskulatur für den bevorstehenden Militär-WK zu trainieren.

Die erste Hälfte der Wanderung war landschaftlich eher mittelmässig. Es gab etwas Alpensicht und ein paar hübsche Ausblicke auf die Chise. In Oberdiessbach streiften wir kurz unansehnliches Desperate-Housewives-Terrain mit Einfamilienhäuschen und schwarzglänzenden Geländefahrzeugen. Es entspann sich eine Diskussion über den Umstand, dass offenbar ausgerechnet besorgte Mütter mit solchen Vehikeln durch die Gegend fahren, weil sie auf diese Weise ihren Nachwuchs besonders gründlich vor den Gefahren des Strassenverkehrs zu sichern glauben. Mit einem verbalen Hammerschlag traf Barbara die Angelegenheit in Höchstpräzision auf den Kopf: «Das wären dann so eine Art Brutpflegekästen.»
In Oberdiessbach ging es beim Pflegeheim bereits gegen die Mittagszeit und kurz darauf noch in lästiger Weise (Asphalt) bergauf. Urs war es überaus recht, dass die Kinder mit exponentiell zunehmender Dringlichkeit eine Rast anbegehrten. Der Improvisationsdruck war beträchtlich, die Auswahl gering, also nahmen wir mit einem umzäunten Sportplatz Vorlieb, der immerhin mit einigen Sitzbänken ausgestattet war. Wir spiesen in einer einigermassen reglementierten Zone. Das auf einer Tafel eingeforderte Töffliverbot vermochten wir problemlos einzuhalten, ebenso die Bestimmung zur Nachtruhe, und unser vorösterlicher Eiertütsch dürfte den Oberdiessbacher Dorffrieden kaum beeinträchtigt haben.

Nach der Mittagsrast wanderten wir noch ein paar Minuten auf Asphalt weiter, danach wurde es richtig lauschig. Den Auftakt bildete eine romantische Sitzbank an aussichtsreicher Lage. Sie wäre eigentlich ein idealer Picknickplatz gewesen, allerdings nicht für unsere Gruppe, sondern nur für maximal anderthalb Personen. Urs, der offenbar bereits wieder für eine Pause zu haben gewesen wäre, konstatierte jedenfalls mit überdeutlicher Begeisterung: «Ein richtiges Schmusebänkli!!»
Der Frühling stand nach wie vor (wie seit Mitte Januar) gerade kurz vor dem Ausbruch. Erneut säumten unzählige Leberblümchen unseren Weg. Diesmal gesellten sich ihnen aber auch Schlüsselblumen, Bärlauchspitzen, Brunnenkresse und Osterglocken bei. Quietschlebendig ging es auch auf einem Bauernhof zu und her. Hinter Glasscheiben waren vielstimmige animalische Geräusche zu vernehmen. War es Schweinsquieken oder Hühnergackern? Oder fasste dort gerade eine Ortspartei ihre Abstimmungsparolen? Ein grosses weisses Ei neben dem Stall brachte eine gewisse Klärung.

Allmählich gewann die Gemütlichkeit an Fahrt: Die kleinen Wanderer begehrten Abwechslung und Zerstreuung, den grossen Wanderern verhalf dies zu willkommenen Zwischenhalten und damit zu ausgiebigen Gelegenheiten, die milde Frühlingsluft, das frische Leben auf den zart knospenden Wiesen und die Aussicht auf das Chisetal zu geniessen. Vollends zur Sinnenfreude geriet unser Spaziergang, als wir die Rotache erreichten, der man im Unterschied zur Chise zumindest im Oberlauf ihr natürliches Bett gelassen hat. Das leuchtende Grün der moosüberzogenen Bäume am Ufer stand in einem prachtvollen Kontrast zum rötlich schimmernden Lauf des Wassers.
Durch ein idyllisches Seitentobel stiegen wir im Wald steil aufwärts. Das Wasser plätscherte frei und ungebunden dahin und schoss über Felsen in die Tiefe. Manchenorts vermittelte frische Brunnenkresse auch dem Gaumen eine Ahnung von Frühling. Nach einer Weile wurde es flach und weit, und wir überquerten eine grosse, langgezogene Waldlichtung. Eine riesige Mulde prägt dort das Gelände, was die passionierten Fischer Urs und Werner sogleich auf den Gedanken brachte, das Areal zu fluten und als Fischweiher zu nutzen.

Interessanterweise hatte vor bald 600 Jahren bereits einmal jemand diese Idee gehabt – und sie sogar realisiert. Damit die gefrässigen Mönche des Klosters Interlaken auch während der Fastenzeit genug Köstlichkeiten auf den Teller bekamen, liessen sie beim Schnittweierbad einen künstlichen See für die Fischzucht anlegen. Das Bad war damals eine berühmt-berüchtigte Wellness-Zuflucht für sinnesfreudige Mönche und Nonnen. Nach der Reformation wurde das Kloster Interlaken geschlossen, das Bad verkauft und der Weiher trocknete friedlich aus.
Heute sind auf dem Areal der einst sündigen Badeanlage eine Pferdezucht und ein Restaurant untergebracht. Wir liessen beides links liegen und bummelten weiter Richtung Steffisburg. Der Niesen war im Dunst nur zu erahnen, umso markanter zeichnete sich die Silhouette von Schloss Thun ab. Die Plüschosterhasen schlüpften ein letztes Mal in ihre Eierhülle hinein und wieder heraus, dann kam der Bus nach Thun.
Routenbeschreibung: Wanderung Kiesen – Steffisburg
PS. Zur Aabach-Wanderung gilt es folgenden Nachtrag zu vermerken. Urs, das kartografische Gewissen der Aaronauten, hat darauf hingewiesen, dass der Aabach nicht direkt in die Aare fliesst, sondern beim Bahnhof Wildegg in die Bünz mündet. Der Aa-Bünz-Bach – oder wie man den Zusammenschluss sonst nennen soll – ist etwas über 200 Meter lang und bleibt deshalb in der Landeskarte namenlos. Nach der üblichen Praxis, wonach jeweils der Name des längeren Zuflusses auf das Fusionsgewässer übergeht, dürfte dieser Stummel wohl Bünz heissen. So sieht es jedenfalls auch Wikipedia. Das ist jedoch reichlich lachhaft, weil der Aabach etwa zehnmal mehr Wasser führt als die Bünz. Damit teilt er letztlich das Schicksal der Aare. Gerne lege ich an dieser Stelle wieder einmal die Auffassung dar, dass der ärmliche Rhein eigentlich ein Nebengewässer der an Liebreiz und Wasser üppig reichen Aare sei und nicht umgekehrt.
Der Hinweis von Urs ist aber insofern von Belang, als dass sich die Aare-reoladed-Wanderungen grundsätzlich an First-Level-Zuflüssen der Aare orientieren, denn wenn wir uns noch um Nebengewässer von Nebengewässern kümmern wollen, dann werden wir mit der Aare sowieso nie und nimmer fertig. Darum werden wir Sense und Broye beiseitelassen und uns stattdessen auf Saane und Zihl fokussieren. Es wird aber Ausnahmen geben müssen. Zum Beispiel die Simme – es wäre jammerschade, sie bloss wegen des kleinen Stückchens zu verschmähen, das sie mit der etwa gleich grossen Kander gemeinsam Richtung Thunersee zurücklegt.