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Schändliches an der Saane

Weit und breit kein See in Sicht
Weit und breit kein See in Sicht

Wenn von H.R. Giger die Rede ist, kommt mir stets der eindrückliche Qualm in den Sinn, den wir auf unserer Maturreise in einem Kino in Nancy erlebten. Wir waren unterwegs in die Normandie, nutzten den Zwischenhalt für ein Abendessen und stolperten danach in ein Kino, in dem gerade «Alien» angelaufen war. Damals durfte noch überall geraucht werden – im Flugzeug, im Restaurant und eben auch im Kino. Jedes Mal, wenn die grausige Echse über die Leinwand huschte, schnellte der Nikotinspiegel im Saal sprunghaft in die Höhe.

Gut möglich, dass mich die Benebelung nach Jahrzehnten nochmals einholte, gleichsam in Palowscher Manier. Als wir jedenfalls in Gruyères vor Gigers Museum standen, verdampften mein Kunstsinn und meine Entdeckerfreude auf unfassliche Weise ziemlich jäh. Der Anblick der metallisch schimmernden biomechanoiden Kreaturen an der Fassade mochte faszinierend sein, aber irgendwie setzte er mein limbisches System (oder wie dieses Hirngekröse auch immer heissen mag) ausser Kraft.

Am Bahnhof Gruyères glüschtelten sie herum.
Am Bahnhof Gruyères glüschtelten sie herum.

Die Aaronauten hatten sich an diesem sonnigen 15. April 2018 weit in den Westen des Aarelands vorgewagt. Der Auftakt war zuckersüss: Im Bahnhof Gruyères gab es neben preisreduzierten Osterhasen allerlei eigenwillige Schokoladekreationen sowie Meringues von geradezu atemberaubenden Dimensionen. Das Lädeli zelebriert den Schoggi-Gründungsmythos, mit dem sich man sich im Greyerzerland gerne schmückt.

Danach stiegen wir ins Städtchen hoch, das mit seinen adretten Türmchen, gepützelten Plätzen und gepflegten historischen Gebäuden ebenfalls eine Art Zuckerwerk repräsentiert (halt einfach in etwas grösserem Massstab). Giger mit seinen düster-schlüpfrigen, halb surrealistischen, halb sexualisierten Konstruktionen und Wesen passt wie die Faust aufs Auge zu dieser Gegend. Doch der Meister des Morbiden hatte auch einen Sinn für landschaftliche Schönheit. Nachdem im Schloss eine Retrospektive seiner Werke gezeigt wurde, ergatterte er ein nahes mittelalterliches Haus und richtete dort ein eigenes Museum und eine Bar ein.

Herausgeputzt: Das Städtchen Gruyères
Herausgeputzt: Das Städtchen Gruyères

Wir liessen Gigers dezente Schamlosigkeiten hinter uns und zogen stattdessen mit Gigerschem Sinn für das schöne Greyerzerland in die grüne Umgebung. Schon bald näherten wir uns dem eigentlichen Thema des Tages, nämlich der Saane. Im französischen Sprachraum nennt man sie zwar Sarine, doch das ändert nichts an der Tatsache, dass sie ein Nebenfluss der Aare ist. Ihr Verlauf wirkt zumindest in geografischer Hinsicht relativ unschlüssig: Sie entspringt im Wallis, strebt vorerst zielstrebig durch den westlichsten Zipfel des Berner Oberlands nach Norden, schlägt dann aber bei Gstaad einen scharfen Haken nach links, schlängelt sich lustlos durch das waadtländische Pays d’Enhaut, durchfliesst dann nicht minder unmotiviert und in ratlosem Geschlängle das Freiburgerland, um sich schliesslich westlich von Bern freudvoll-entschlossen in die Aare zu stürzen.

Doch schon bald gelangten wir zu einer neuerlichen Frivolität. Eine stattliche, schöne Holzbrücke überquert die Saane. «Le pont qui branle», so ist das Bauwerk auf der Landeskarte vermerkt. Übersetzt heisst das so viel wie «Wackelbrücke». Ueli und Koni kicherten jedoch merkwürdig, als sie den Namen der Brücke hörte. Beide haben mehrere Jahre in der Westschweiz verbracht und dort erfahren, dass «branler» nicht nur «schütteln» heisst, sondern heute hauptsächlich als vulgäre Bezeichnung für einsame Verrichtungen an bestimmten Körperstellen verwendet wird. Sogleich stand die Frage im Raum, ob denn eine Brücke sich selbst …?

Die unkeusche Brücke
Die unkeusche Brücke

Die Antwort blieb offen, denn nun folgte ein überaus lauschiger Abschnitt dem Wasser entlang durch frühlingshaften Auenwald. Zartes Grün spross aus dem Boden, dazwischen reckten weisse und gelbe Buschwindröschen ihre Köpfchen in die Höhe. Doch allmählich meldeten sich die Mägen zu Wort. Mit knapper Not schafften wir es nach Broc hinauf, durchquerten den schauderhaften Ortskern und schleppten uns an den östlichen Dorfrand, wo die Vorhut mit schwindenden Kräften ein winziges Pärklein mit verheissungsvollen Sitzbänken entdeckte.

Unser Picknick genossen wir bei freier Sicht auf die Schokoladefabrik, die Alexandre Cailler 1887 von seinem Vater übernommen hatte und innert weniger Jahre von einem kleinen Familienbetrieb zu einem international erfolgreich tätigen Unternehmen ausbaute. Eine Katze in typischem Greyerzer Design (schwarz-weiss-geschecktes Fell) leistete uns Gesellschaft.

Rastplatz mit Blick auf die Schoggifabrik
Rastplatz mit Blick auf die Schoggifabrik

Die zweite Hälfte der Wanderung war markant anders. Eigentlich führt die Route dem Greyerzersee entlang. Mittels einer Staumauer bei Rossens wird die Saane hier seit 1948 auf einer Länge von 13,5 km aufgestaut. Das ist Schweizer Rekord: Kein anderer der vielen Stauseen im Land ist so lang. Doch am Tag unserer Expedition sah die Gegend wie eine Wüstenlandschaft aus. Der Wasserspiegel lag so tief, dass die südliche Hälfte des Sees vollkommen ausgetrocknet war. Grund dafür sind die Befürchtungen der Kraftwerksbetreiber, der noch immer reichlich auf den Bergen liegende Schnee könnte beim Abschmelzen zu Überschwemmungen führen. Aus diesem Grund haben sie den Seespiegel auf etwa 20 Meter unterhalb des Maximalstands gelegt. Solche Absenkungen werden zwar jeden Frühling vorgenommen, doch in der Regel sind sie deutlich weniger ausgeprägt.

Es war eine eigenartige Landschaft, die wir da durchstreiften. Zur rechten Hand zartes Frühlingsgrün und zuweilen schroffe Sandsteinflühe, links der Ausblick in eine riesige Weite. Unter den Aaronauten konnte keine Einigkeit zum ästhetischen Charakter der ausgetrockneten Ebene erzielt werden. Manche fanden sie unansehnlich, andere skurril, einige ausgesprochen schön.

Fleischiges Grün beim ausgetrockneten See
Fleischiges Grün beim ausgetrockneten See

Langsam näherten wir uns Corbières, dem Ziel der Wanderung. Die Suchmaschinen hatten bereits vermeldet, es gebe dort weder eine Beiz noch einen Laden. Statt auf Glace und Bier durften wir uns also auf Herumstehen am Strassenrand freuen. War es diese Perspektive? Oder waren wir nach Gigers Metallerotik und der Brücke, die sich selbst stille Freuden verschafft, bereits dermassen mit Unanständigem infiziert? Jedenfalls wurden wir mit einer neuerlichen Schändlichkeit konfrontiert, und diesmal trat sie in uns selbst zutage.

Eine halbe Stunde vor dem Ziel galt es einen kleinen Stutz zu bewältigen – nicht viel, bloss 30 m aufwärts, aber recht steil und nach vierstündiger Wanderung halt ein bisschen ätzend. Evi und Ruth verlangsamten den Schritt, fielen zurück und waren schon bald nicht mehr zu sehen. Es habe ihnen wegen des Anstiegs grad ein bisschen abgelöscht, wurde im weiterziehenden Hauptharst gemunkelt. Allmählich zeichnete sich ab, dass wir den nächsten Bus erreichen könnten, sofern wir unser Tempo nicht drosselten. Mein Versuch, die Nachhut telefonisch zum Zünden des Nachbrenners zu ermuntern, prallte an der Combox ab.

Auch im Flachland gibt es manchmal überraschende Unwegsamkeit.
Auch im Flachland gibt es manchmal überraschende Unwegsamkeit.

Schliesslich erreichten wir den Pont de Corbières, und da fanden zwei Umstände in einer ausgesprochen blöden Konstellation zusammen. a) Der Bus kam gerade angebraust; der nächste würde erst in einer Stunde verkehren. b) Der Schauplatz war katastrophal – irgendetwas zwischen Zivilschutz-Übungsanlage, Messi-Museum und Baubedarf-Materiallager: Komplette Betontreppen lagen zwischen schmierigen Holzschuppen herum, gleich daneben brauste dichter Strassenverkehr vorüber. Definitiv kein Ort, an dem man eine Stunde warten will!

Doch da begann uns der Teufel einzuflüstern: Das sei doch kein Problem für die beiden Nachzüglerinnen, hier eine Stunde zu warten und dann den nächsten Bus zu nehmen. Es sei ja schönes Wetter, und drüben beim Wald sei es doch recht hübsch. Ich setzte mich zaghaft zur Wehr und kündigte an, auf die beiden warten zu wollen, liess mich aber mit der Perspektive auf die Blümchen am Waldrand umstimmen: «Die beiden werden hier ganz friedlich noch ein bisschen den Frühlingstag geniessen», hiess es.

Ziel in Sicht: Aus der Ferne sieht der Pont de Corbières recht hübsch aus.
Ziel in Sicht: Aus der Ferne sieht der Pont de Corbières recht hübsch aus.

Und wie sie ihn genossen! Als sie endlich den idyllisch einsamen Trümmerhaufen auf der Corbières-Brücke erreichten, begannen sie kurz einmal zu schäumen. Unterdessen kühlte die Klimaanlage im Bus nach Fribourg das Mütchen der übrigen Aaronauten, und Einsicht in die Schändlichkeit des eigenen Treibens griff um sich. Am Ziel beschlossen Barbara, Urs, Franziska und Werner, auf die Nachzüglerinnen zu warten und mit ihnen alle Schlüpfrigkeiten und Ungereimtheiten des Tages per Bier hinunterzuspülen.