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Land der Aare (9): Uferweg auf Abwegen

Die Aaronauten unterwegs bei Vorderdettigen; die Aare hält sich rechts im Hintergrund.
Die Aaronauten unterwegs bei Vorderdettigen; die Aare hält sich rechts im Hintergrund.

Bonzenbucht am Kunstsee

Auch Landschaft und Aussicht kann man «sozial» handhaben. Das merkten die Aaronauten auf der neunten Etappe der Aare-Wanderung: Am 8. März 2015 gerieten sie am Wohlensee mit dem Uferweg auf Abwege.

Die Sonne ist der Aare und ihren Erforschern offenbar wohlgesinnt: Zum neunten Mal in Serie glitzerte sie auf dem Wasser und erfreute die Wanderherzen. Und auch an diesem neunten Wandertag wollte sich partout kein «Déjà-vu»-Gefühl einstellen. Erneut überraschte uns die Aare mit unerwarteten Reizen und prachtvollen Perspektiven.

Unterwegs am Elektrosee

Der Wohlensee stand diesmal auf dem Programm. Der viertgrösste See des Kantons Bern ist eigentlich ein Fliessgewässer – und erst knapp hundert Jahre alt. Ab 1917 wurde bei Mühleberg ein leistungsfähiges Wasserkraftwerk gebaut, damit der rasant steigenden Stromnachfrage nachgekommen werden konnte. In der Euphorie der Gründerjahre beabsichtigte man, den Stausee «Elektrosee» zu nennen.

Am Wohlensee
Am Wohlensee

Glücklicherweise kam es anders. Innert weniger Jahrzehnte verwandelte sich die aufgestaute Aare in ein Naturparadies von nationaler Bedeutung. Auch wenn der Wohlensee nicht ganz ein richtiger See sein will, sondern eher ein verdickter Fluss – sein nordöstliches Ufer hat dennoch ein bisschen Goldküsten-Status angenommen. Schon als wir in Bremgarten losgezogen sind, wusste Stefan, ein versierter Kenner der örtlichen Gegebenheiten, welche begüterten Salonsozialisten in dieser und jener Villa leben. Man nimmt es achselzuckend zur Kenntnis – der Geldadel braucht die Wandersleute nicht zu kümmern, solange er ihnen freien Durchgang gewährt.

Just damit war es allerdings beim Wohlener Ortsteil Hinterkappelen für eine Weile fertig und vorbei. Eben noch waren die Aaronauten auf einem Kiesweg direkt am Wasser unterwegs gewesen, als ein gelber Wegweiser sie schnöde vom Ufer weg auf eine Strasse wies, die durch unansehnliche Agglozone führte.

Aussichtsdividende für Landschaftsaktionäre

An dieser Stelle ist ein Wort zu den See- und Flussufern im Kanton Bern angezeigt. Seit 1982 legt ein Gesetz fest, dass die vier grossen Seen sowie die Aare ab Interlaken bis zur Kantonsgrenze mit Uferwegen zu erschliessen sind. Die Bestimmung ist schweizweit einzigartig und eigentlich eine tolle Sache. Ihre Umsetzung hat nämlich eine Reihe von sehr reizvollen Wanderwegen am Wasser hervorgebracht.

Allerdings zeigte sich im Jahr 2000, also 18 Jahre nach Inkrafttreten des Gesetzes, dass noch längst nicht alle vorgesehenen Abschnitte mit Uferwegen erschlossen waren. Das hatte einen einfachen Grund. Anstösser, deren Grundstück direkt ans Wasser grenzt, wehrten sich mit allen Mitteln dagegen, dass ihnen ein Spazierweg vor die Nase gebaut wird. Sie wollten das Ufer lieber für sich allein haben, und das ist ja irgendwie verständlich, aber andererseits halt auch relativ egoistisch.

Die Thematik erinnert frappant an Diskussionen über exorbitante Vergütungen für Führungskräfte. Die «Abzocker» (um im Gurgelwasserfabrikantenjargon zu sprechen) raffen hier freilich nicht Millionen, sondern beanspruchen exklusive Aussicht für sich. Die unberührten Buchten sind also quasi ein landschaftlicher «Bonus», der nur wenigen Privilegierten vorbehalten und daher «überrissen» ist. Das erwähnte Gesetz hingegen erhebt den Wanderer zum Landschaftsaktionär, dem eine gebührende Aussichtsdividende zugestanden werden soll.

Die verdickte Aare westlich der Eymatt
Die verdickte Aare westlich der Eymatt

Weil die Umsetzung ins Stocken geriet, griff das Kantonsparlament zu einem typisch bernischen Lösungsansatz: Es beschloss, die Sache zu beschleunigen, indem es die Bestimmungen aufweichte. Im revidierten Gesetz heisst es jetzt, der Uferweg müsse «in der Regel» unmittelbar dem Ufer entlang führen. Doch auch die Gummiinjektion hat nicht geholfen. Weitere 15 Jahre später steckt die Uferwegplanung in einigen Gemeinden nämlich noch immer fest. Dazu zählt auch Wohlen.

Gut Ding will sehr viel Weile haben

Stefan berichtete, er habe vor einem Vierteljahrhundert als blutjunger Lokaljournalist bereits erste Geschichten über die blockierte Uferweg-Planung in Wohlen geschrieben. Wahrscheinlich könnte er die Texte heute praktisch unverändert nochmals ins Blatt stemmen, vielleicht einfach mit ein paar anderen Namen drin. Aber was sind schon 25 Jahre? Schliesslich hat der Kanton Bern 300 Jahre gebraucht, um dem Kanderdurchstich bei Einigen endlich durch den Bau eines Hochwasserstollens in Thun zum Abschluss zu verhelfen. Wenn also Captain Kirk im Jahr 2200 durch die Galaxis segeln wird, könnten unsere Nachfahren vielleicht bereits auf dem Uferweg durch die Wohlener Bonzenbucht schreiten.

«Grössenwahnsinnige Gauner»: Den Fischliebhaber erfreuen die Biber wenig.
«Grössenwahnsinnige Gauner»: Den Fischliebhaber erfreuen die Biber wenig.

Zu den Privilegierten mit direktem Seeanstoss zählen übrigens nicht nur Zweibeiner. Wie schon in Münsingen begegneten wir auch diesmal angeknabberten Bäumen. Waren es dort aber noch schmächtige Stämmchen, so nahm das Kaliber jetzt zusehends bombastische Dimensionen an. Den Bibern am Wohlensee scheint kein Baum zu dick – sie legen um, was das Zeug hält.

Potenzielle Filets im Teich

«Die sind doch einfach grössenwahnsinnig», rief Urs mit notdürftig kaschiertem Entsetzen aus. Den Hobbyfischer versetzte das Bibertreiben offensichtlich nicht gerade in rasende Verzückung. Er raunte etwas von «Gaunern»; später tröstete er sich mit dem Anblick eines kleinen Waldweihers, vor dem sich eine Tafel mit der Aufschrift «Fischen verboten» befand. Musste man nicht annehmen, dass sich im Schutz dieser Weisung unzählige fette Filets tummelten? In Gedanken garnierte er sie wohl bereits mit einem Zitronenschnitz.

Strom aus Mühleberg (1): Wasserkraftwerk
Strom aus Mühleberg (1): Wasserkraftwerk

Weil die Aare praktisch nahtlos in den Wohlensee übergeht, hat dieser eigentlich gar keinen richtigen Anfang. Dafür hat er immerhin ein Ende, nämlich im Wickacker, wo man einen schönen Blick auf das imposante Wasserkraftwerk hat. Hier wäre eigentlich Schluss gewesen mit der heutigen Etappe. Noch ein kurzer Aufstieg durch den Wald, und wir wären im Fuchsenried gewesen.

Extrem fromme Chauffeure

Dort sehe es aber schrecklich aus, wusste Stefan: Fuchsenried sei garstiges und gesichtsloses Agglomerationsgefilde. Weil das Wetter stimmte und die Aare unverwandt lockte, hörten wir gerne auf ihn und beschlossen, noch ein Weilchen weiterzuwandern. Als nächstes Ziel käme etwa Golaten auf der linken Aareseite in Frage. Die Fahrplanabfrage ergab, dass dort tatsächlich ein Bus fuhr, allerdings erst am Montagmorgen – die Chauffeure der Gegend heiligen offenbar den Sonntag. Also entschieden wir uns, rechtsufrig weiterzuwandern.

Strom aus Mühleberg (2): Atomkraftwerk
Strom aus Mühleberg (2): Atomkraftwerk

Die Fortsetzung der Tour bescherte uns einige weitere ebenso hübsche wie neuartige Ausblicke in die Flusslandschaft. Zuerst ging es durch prachtvolle Auenwälder. Nach einer Weile lichteten sich die Bäume, und am gegenüberliegenden Ufer sahen wir das Atomkraftwerk Mühleberg. Zwei massige Möwen hockten je auf einem Pfeiler im Wasser und starrten wie Zerberusse steif und leer in die trägen Fluten.

Vom Nabel zum Blinddarm

Urs, den die Vorstellung des zitronengeschmückten Fischtellers vermutlich noch nicht losgelassen hatte, liess uns etwas weiter unten wissen, dass die Aare auch einen Blinddarm hat. Den Nabel – die Untertorbrücke – hatten wir ja schon auf der letzten Etappe getroffen. Der Wurmfortsatz hingegen ist ein ehemaliger Baggersee etwas oberhalb der Einmündung der Saane. Der tote Arm lässt Fischer frohlocken, weil im stehenden Gewässer Hechte und anderes Naschwerk üppig gedeihen.

Unzugängliches Idyll: Die Runtigenflue
Unzugängliches Idyll: Die Runtigenflue

Dann kamen wir an die Runtigenflue, und in diesem Moment galt es eine von mir am Thunersee aufgestellte Behauptung zu kippen. Mächtige Wände aus Sandstein ragen hier direkt aus dem Wasser. Das bietet einen aufregenden Anblick – und verbietet jegliches Durchkommen. Es trifft also nicht zu, dass die Aarewanderung bis in den Aargau flach bleibt. Vielmehr mussten wir aufsteigen, und zwar ordentlich (insgesamt 400 Höhenmeter leisteten wir an diesem Tag).

Wanderweg-Zombie

Weil wir unterdessen herausgefunden hatten, dass die Buschauffeure in Frieswil etwas weniger fromm sind (indem sie nämlich auch am Sonntag durch die Gegend fahren), verliessen wir in Oberruntigen den Wanderweg, um auf einem Strässchen weiterzuwandern. Und siehe da, im Steinacher entdeckten wir plötzlich einen uralten Wanderwegweiser. Die Zombie-Tafel lässt darauf schliessen, dass hier früher eine Wanderroute verlief. Irgendwann vor Jahrzehnten fiel der Weg offenbar dem Asphalt zum Opfer, aber das Schild ist geblieben und erinnert daran, dass im Seeland nicht nur gebikt, gejoggt, gebladet und autogefahren wird. Im Vergleich mit dem Uferweg-Querschläger am Wohlensee, den man nur höchst widerwillig unter die Wanderschuhe nimmt, ist die Asphaltstrecke bis Frieswil jedenfalls gut auszuhalten, vor allem dank der prachtvollen Bergsicht.

Bergauf im Flachland: Auf dem Weg nach Oberruntigen
Bergauf im Flachland: Auf dem Weg nach Oberruntigen

Routenbeschreibung: Wanderung Bremgarten – Frieswil